Weil der 24-jährige Angeklagte an einer schweren paranoiden Schizophrenie leidet, wird er vermutlich in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Vier Prozesstage sind im Oktober am Landgericht Darmstadt angesetzt. FOTO: dpa
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Weil der 24-jährige Angeklagte an einer schweren paranoiden Schizophrenie leidet, wird er vermutlich in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Vier Prozesstage sind im Oktober am Landgericht Darmstadt angesetzt.

Gerichtsreport

Prozessauftakt nach dem Tod eines Seniors: "Stimmen befahlen ihm zu töten"

  • VonWalter Scheele
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Angeklagter soll 88-jährigen Mann vorsätzlich angefahren haben

"Mein Mann ist noch nicht vom Spaziergang zurück, kannst du mal nach ihm suchen?", fragte ganz aufgeregt die Ehefrau eines 81-Jährigen aus Astheim am Telefon einen befreundeten Nachbarn. Der machte sich auf die Suche - erfolglos. Weitere Nachbarn und die Polizei schalteten sich in die Suche ein. Endlich, nach über zwei Stunden, wurde der Senior gefunden. Er lag tot im Vorgarten eines Hauses im Kreuzungsbereich Berliner/Mainzer Straße in Ast-heim.

Seit Montag muss sich ein 24-Jähriger aus Trebur wegen des Todes des Seniors am 26. Januar 2021 vor der 11. Großen Strafkammer des Landgerichts in Darmstadt verantworten. Der Gelegenheitsarbeiter stellte sich selbst bei der Polizei, wird aber wohl kaum ins Gefängnis kommen. Derzeit ist er in der forensischen Psychiatrie Kloster Haina untergebracht. In der Tatnacht hatte er den Polizisten gesagt, er habe Stimmen gehört, die ihm befahlen, jemanden zu töten. Deshalb habe er den Mann am Straßenrand überfahren.

Der Angeklagte, der nie einen Beruf erlernte, schlug sich zeit seines Lebens mit Gelegenheitsarbeiten durch. Er bezeichnete sich selbst als beziehungsunfähig, verschaffte sich Abwechslung mit Cannabis und Alkohol. Davon hatte er jedoch am Abend der Tat nichts im Blut, ergab eine Untersuchung.

Sein Verhalten veranlasste die Polizei in Groß-Gerau, wo er mit seinem demolierten Auto vorgefahren war, ihn erneut einer Ärztin vorzustellen, um seine Haftfähigkeit zu prüfen. Die 62-Jährige riet, den Geständigen in der forensischen Psychiatrie in Riedstadt vorzustellen und gegebenenfalls dort stationär aufzunehmen. Sie schloss nicht aus, dass er an einer schweren paranoiden Schizophrenie leiden könnte.

Der den 24-Jährigen in Riedstadt untersuchende Arzt kam zum gleichen Schluss. In kaum verständlichem Deutsch versuchte er dem Gericht zu erklären, weshalb er den 24-Jährigen auf einer geschlossenen Station aufnahm. Erst der für diese Station zuständige Oberarzt (45) brachte Licht in die nicht einfache Diagnose. Allerdings habe der frisch aufgenommene Mann davon gesprochen, er habe die Stimmen von Engeln und Teufeln sowie Männern und Frauen gehört, die ihn beschimpften und befahlen, sich selbst zu töten, berichtete der Oberarzt.

Windschutzscheibe zertrümmert

Über den Unfallhergang erfuhr das Gericht am ersten Verhandlungstag noch nicht viel. Allerdings zeigten polizeiliche Spurensicherung und Sachverständiger Thomas Reichert umfangreiches Bildmaterial vom Tatort. Der Täter befuhr den Kreuzungsbereich Berliner/Mainzer Straße mit hoher Geschwindigkeit, schleuderte und erfasste den nichtsahnenden Spaziergänger. Der prallte auf der Fahrerseite gegen das Auto des 24-Jährigen. Die Windschutzscheibe zertrümmerte dabei. Der Mann flog über einen 1,50 Meter hohen Maschendrahtzaun, kam unterhalb einer niedrigen Mauer zum Liegen.

Deshalb sei der leblose Körper von der Straße aus nicht zu sehen gewesen, berichteten die Polizeibeamten, die zuerst vor Ort gewesen waren. Lediglich die zerbrochene Brille und seine Kappe waren auf dem Gehsteig liegen geblieben.

Ein Nachbar identifizierte die Fundstücke und fand schließlich die Leiche seines Freundes. Der 67-jährige ehemalige Radio- und Fernsehtechnikermeister berichtete, der so tragisch ums Leben gekommene Freund sei ein großer Sportler gewesen. Vor noch gar nicht allzu langer Zeit seien sie gemeinsam mit dem Fahrrad rund 70 Kilometer gefahren. "Aber in zügigem Tempo", bekundete der 67-Jährige.

Aufgrund einer schweren paranoiden Schizophrenie, so die Staatsanwaltschaft, ist der 24-jährige Angeklagte schuldunfähig. Es kommt lediglich die Einweisung in eine psychiatrischen Klinik in Frage. Ob dauerhaft oder befristet, muss das Gericht entscheiden. Heute sollen weitere Zeugen gehört werden. Walter Scheele

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