Das Urteil im Prozess am Landgericht Darmstadt um den Todesfahrer in Astheim ist gefallen. Laut Professor Hartmut Berger war der Beschuldigte zum Zeitpunkt der Tat bedingt steuerungsfähig und nicht schuldfähig. FOTO: Karsten Ratzke/Wiki
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Das Urteil im Prozess am Landgericht Darmstadt um den Todesfahrer in Astheim ist gefallen. Laut Professor Hartmut Berger war der Beschuldigte zum Zeitpunkt der Tat bedingt steuerungsfähig und nicht schuldfähig.

Prozess

Todesfahrer muss in die Psychiatrie

  • VonWalter Scheele
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24-Jähriger wird zu Haftstrafe und Sicherungsverwahrung verurteilt

Der Gerichtsprozess gegen den 24-jährigen Todesfahrer, der einen 85-jährigen Rentner aus Astheim am 26. Januar diesen Jahres nur 960 Meter von seiner Wohnung entfernt überfahren hatte, ist beendet. Die 11. Große Strafkammer verurteilte den Angeklagten zur unbefristeten Unterbringung in der forensischen Psychiatrie im Kloster Haina. Zusätzlich muss er wegen fahrlässiger Tötung und Straßenverkehrsgefährdung eineinhalb Jahre Haft absitzen.

Vorsitzender Richter Volker Wagner machte es sich in der Begründung des Urteils nicht leicht. Er erklärte Nebenklägern wie Zuschauern, warum der unter paranoider Schizophrenie leidende 24-Jährige sowohl zu einer Haftstrafe als auch der Sicherungsverwahrung verurteilt werden musste. Laut Sachverständigem, Professor Hartmut Berger, war der Beschuldigte nämlich zum Zeitpunkt der Tat bedingt steuerungsfähig, jedoch nicht schuldfähig. Gleichfalls sei er nur begrenzt in der Lage gewesen, nach diesen Erkenntnissen zu handeln.

Opfer wird über Mauer geschleudert

Was an jenem 26. Januar 2021 an der Ecke Mainzer/Berliner Straße in Astheim passierte, rief Richter Volker Wagner zu Beginn der Urteilsbegründung noch einmal in Erinnerung. Der 85-jährige Senior war auf seinem abendlichen Spaziergang in der Nähe seines Wohnsitzes, als der Kleinwagen des Verurteilten über die Kreuzung raste. Ob der Fahrer wegen zu hoher Geschwindigkeit die Gewalt über den Peugeot verlor oder gezielt auf den alten Herrn zusteuerte, konnte auch der Kfz-Sachverständige bei seiner Anhörung nicht klären. Mit mindestens Tempo 30 wurde der 85-Jährige frontal auf der Fahrerseite von der A-Säule des Fahrzeugs erfasst, in die Windschutzscheibe geschleudert und flog über einen 1,50 Meter hohen Zaun. Hinter dem niedrigen Mäuerchen, auf dem der Zaun steht, blieb der schwer verletzte Mann sterbend liegen. Es dauerte Stunden, bis die Polizei mit Hilfe von Nachbarn das Opfer fand.

Vorsitzender Richter Wagner argumentierte in der Urteilsbegründung, wer töte, müsse dafür bestraft werden. Wer dies, wie in diesem Fall, nicht einsehen oder nach dieser Einsicht handeln könne, müsse in Sicherungsverwahrung untergebracht werden, um die Gemeinschaft vor weiteren gleich gelagerten Taten zu schützen.

Behandlung in Haina

Weil die Steuerungsfähigkeit des 24-Jährigen nur eingeschränkt beeinträchtigt war, müsse er dafür mit eineinhalb Jahren Haft bestraft werden, so der Richter. Zunächst jedoch müssten die Fachleute in Haina versuchen, die Geisteskrankheit des Mannes therapeutisch in den Griff zu bekommen. "Dafür sind die Voraussetzungen dort vorzüglich", lobte Richter Wagner die forensische Psychiatrie in dem alten Kloster.

Staatsanwältin Laura Heidrich hatte den Fall in ihrem Plädoyer anders gesehen. Sie gab zwar zu, dass die Beweismittel "eher mager" waren, meinte aber gleichwohl der Angeklagte habe sich der Tötung des Rentners schuldig gemacht. Sie wollte nicht ausschließen, dass er mit Vorsatz gehandelt hatte.

Denn Nachbarn hatten gehört wie dieser in seiner Wohnung schrie, er wolle "die Sau umbringen", ohne eine nähere Angabe zu seinem künftigen Opfer zu machen. Heidrich fand dreieinhalb Jahre Haft für tat- und schuldangemessen, aber auch, dass der 24-Jährige zuvor behandelt werden muss.

Anders sah es die Verteidigerin des Beschuldigten. Natalie Loscher betonte, ihrem Mandanten tue die Tat sehr leid. Er müsse jedoch nun damit leben, obwohl er das nicht gewollt habe. Sie regte an, eine bewährungsfähige Haftstrafe (unter zwei Jahren) zu verhängen und auch die Unterbringung in der Forensik auf Bewährung auszusetzen.

Beiden Anträgen folgte das Schwurgericht nicht. Kammervorsitzender Volker Wagner begründete den Urteilsspruch nicht zuletzt mit dem Schutzbedürfnis der Öffentlichkeit. Denn "die Krankheit gibt dem Betroffenen das Bild vor. Er sieht die Wirklichkeit nicht, wie sie ist", so der Richter. Walter Scheele

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