Annette Dürr, leitende Oberärztin an der Frauenklinik in Langen.
+
Annette Dürr, leitende Oberärztin an der Frauenklinik in Langen.

Keine Angst vor der Diagnose

Was tun bei unkontrolllierbarem Urinverlust?

  • VonDominik Rinkart
    schließen

Es verlangt Mut, das Thema beim Arzt anzusprechen: Inkontinenz. Heute ist der Internationale Inkontinenztag. Aus diesem Grund hat unser Volontär Dominik Rinkart mit Annette Dürr gesprochen. Sie ist leitende Oberärztin an der Frauenklinik in Langen und möchte die Betroffenen ermutigen, sich einer Diagnose zu stellen.

Frau Dürr, ist Inkontinenz peinlich? DÜRR: Nein, aber es ist ein sehr brisantes Thema, das viele Frauen betrifft.

Warum haben so viele Vorbehalte, damit zum Arzt zu gehen? DÜRR: Viele haben Schwierigkeiten, das als behandelbare Krankheit anzusehen. Viele denken, das sei ein unabwendbares Schicksal. Zudem ist es schon auch ein Tabuthema, da fällt es vielen einfach schwer, mit einem Arzt darüber zu reden.

Sind die Leute einfach uninformiert über die Möglichkeiten, die es gibt? DÜRR: Das glaube ich nicht. Aber es geht dabei ja auch um die Abwägung: Ist die Belastung so groß, dass ich mich einer Operation unterziehen lassen möchte? Was die meisten aber nicht wissen, ist, wer der richtige Ansprechpartner ist, nämlich der Frauenarzt.

Ab wie viel Urin fängt Inkontinenz an? DÜRR: Es ist ein Problem, wenn es für die Patienten ein Problem ist. Der individuelle Leidensdruck ist entscheidend. Es gibt zwei Formen: Stress- und Dranginkontinenz. Wobei sich die Stressinkontinenz eher durch tröpfchenartigen Urinverlust äußert. Eine Dranginkontinenz bedeutet, dass sich die Blase bei einer gewissen Füllung komplett entleert.

Was erwartet einen beim ersten Arztbesuch? DÜRR: Wir machen zunächst eine Anamnese, dann eine Ultraschallanalyse und eine Urinanalyse. Je nachdem machen wir auch eine Blasendruckmessung. Die Inkontinenz ist in jedem Fall die größere Belastung als die Untersuchung.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es dann? DÜRR: Der erste Schritt ist Beckenbodentraining. Wir versuchen immer zuerst, das konservativ zu regeln. Eine lokale Hormontherapie ist auch eine Option. Wenn das nicht ausreicht, gibt es viele Möglichkeiten. Oft ist die Inkontinenz nur ein Faktor, und es liegt zudem eine Senkung der Blase vor. Dann sind kleinere Operationen sinnvoll.

Welche Risikofaktoren führen zu einer Inkontinenz? DÜRR: Klassische Risikofaktoren sind Übergewicht und Rauchen. Inkontinenz ist vor allem ein Phänomen bei älteren Frauen, die viele Kinder geboren haben. Vor 50 Jahren waren Rückbildungsgymnastik und Beckenbodentraining noch kein Thema. Das ist aber die beste Prophylaxe, um Inkontinenz bei Frauen vorzubeugen.

Besteht die Gefahr, mit den Symptomen zu spät zum Arzt zu gehen? DÜRR: Nein, zu spät gibt es nicht. Wenn jemand seit zehn Jahren darunter leidet und erst jetzt zum Arzt geht, kann es trotzdem effektiv behandelt werden.

Kann man etwas falsch machen? Indem man zum Beispiel auf Einlagen zurückgreift statt zum Arzt zu gehen? DÜRR: Falsch machen kann man da nichts. Solche Einlagen zu tragen, kann eine Lösung sein, damit unterwegs kein Unglück passiert. Man macht nichts schlechter, wenn man eine Einlage trägt, aber damit wird es eben auch nicht besser. Das Wichtigste ist, dass man eine klare Diagnose stellt und klärt, was es für Behandlungsoptionen gibt.

Wie vertragen sich Inkontinenz und Sexualität? DÜRR: Das ist ein großes Thema. Viele Frauen ziehen sich deswegen aus ihrem Sexualleben komplett zurück. Das ist auch absolut nachvollziehbar, aber wenn man das behandelt, gibt es auch dafür keinen Grund mehr.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare