Jürgen Sieling (links) bleibt bis zum 19. Juni als Bürgermeister im Amt. Tobias Wilbrand übernimmt das Ruder am 20. Juni.
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Jürgen Sieling (links) bleibt bis zum 19. Juni als Bürgermeister im Amt. Tobias Wilbrand übernimmt das Ruder am 20. Juni.

Amtseinführung

Warum Egelsbach auf einmal zwei Bürgermeister hat

Für genau 25 Tage macht kommunales Recht Egelsbach zur Gemeinde mit zwei Bürgermeistern: Amtsinhaber Jürgen Sieling (SPD) regelt noch bis 19. Juni die Verwaltungsgeschäfte, Nachfolger Tobias Wilbrand (Grüne), der vom 20. Juni an übernimmt, ist am Donnerstagabend als Bürgermeister vereidigt worden.

Das Lied „Hello, Goodbye“ setzt den Schlusspunkt eines denkwürdigen Abends, der formal als Sondersitzung der Gemeindevertretung deklariert ist: Alexandra Schach singt, begleitet von Christos Iliadis am Klavier, den Beatles-Song, der auf den Punkt bringt, was sich zuvor knapp zwei Stunden lang im Bürgerhaus abgespielt hat: Der eine sagt Hallo und wird offiziell ins Amt eingeführt. Der andere wird – knappe vier Wochen vor der Zeit – offiziell verabschiedet, hört viele warme Worte des Lobes und des Danks und bekommt viel Applaus.

Scherzhafte Warnung

Es ist ein großer Bahnhof im Bürgerhaussaal für die Hauptakteure Jürgen Sieling (SPD) und Tobias Wilbrand (Grüne). Auf den rund 200 Sitzplätzen haben regionale Prominenz aus Politik und Wirtschaft, viele Mitarbeiter der Verwaltung und praktisch alle, die in der Egelsbacher Vereins-, Kirchen- und Geschäftswelt Rang und Namen haben, Platz genommen. Und natürlich Egelsbachs Gemeindevertreter, angeführt vom Vorsitzenden Hans-Joachim Jaxt (SPD). Dieser moderiert gewohnt launig die Rede- und Gratulationscour.

Jürgen Sieling verspricht, eine „weder sentimentale noch melancholische“ Rede zu halten. Das gelingt ihm nicht ganz. Als er sich bei allen Weggefährten bedankt und insbesondere bei seiner Ehefrau Sabine, muss er doch kräftig schlucken und drückt ein paar Tränen weg. Lacher hat Sieling gleichwohl mehrfach auf seiner Seite, so etwa mit der Feststellung: „Wer mich etwas besser kennt, weiß, dass ich von Natur aus gut gelaunt und stets optimistisch nach vorne schaue – übrigens Eigenschaften, die als SPD-Mitglied zwingend und als Bürgermeister hilfreich sind.“

Seine scherzhafte Warnung an die Ehefrau – „Der Kampf um die Fernbedienung wird bald wieder eröffnet“ – darf als Spiegelbild von Jürgen Sielings unaufgeregter Art gelten, mit der er die Dinge stets so nimmt, wie sie sind, um das Beste daraus zu machen. Wert legt Sieling im Rahmen des Festakts auf ein Lob in Richtung der Gemeindevertreter – „für die Jahre zumeist konstruktiver Zusammenarbeit“. Noch wichtiger sind ihm freilich Lobesworte an alle Mitarbeiter der Verwaltung: „Ihr Einsatz und Ihre Kompetenz haben Egelsbach vorangebracht.“

„Ein wenig surreal“

Das Loblied auf den Scheidenden singen drehbuchgemäß berufene Münder. Allen voran Landrat Oliver Quilling (CDU). Er führt die stets angenehm-faire und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Kreis- und Kommunalchef an und betont: „Dass wir Parteibücher in unterschiedlichen Farben haben, hat nie eine Rolle gespielt.“ In gleicher Weise äußern sich die Bürgermeister aus Langen und Erzhausen, Frieder Gebhardt und Rainer Seibold, die explizit die Fortschritte bei der interkommunalen Zusammenarbeit hervorheben.

Tobias Wilbrand dankt artig seinem Vorgänger und bekennt: „Irgendwie ist das, was in den letzten Monaten in meinem Leben passiert ist, doch noch ein wenig surreal.“ Wilbrand skizziert, dass er in den kommenden Jahren „ausgleichend und verbindend wirken“ sowie die Verwaltung „neu strukturieren und als Team stärker zusammenwachsen lassen“ möchte. In der ganzen Aufregung fällt dann beinahe die Hauptsache – Wilbrands Vereidigung – unter den Tisch: Die Textvorlage fehlt! Ein „Rettungskommando“ unter Führung des Landrats improvisiert das Herbeischaffen des Dokuments, während Wilbrand seine Antrittsrede vorzieht. 20 Minuten später wird der Grüne von Jaxt vereidigt, sodann von Ruth Disser (Bürgermeisterin der Gemeinde Mainhausen) offiziell im Kreise der regionalen Rathauschefs begrüßt – und seither gilt für die Egelsbacher das temporäre Kuriosum, dass sie zwei Bürgermeistern auf der Straße begegnen können.

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