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Hüttchen direkt an der historischen Stadtmauer: Auf dieser Aufnahme aus dem Jahr 2018 ist der Übergang von dem gotischen zum romanischen Teil der südlichen Stadtmauer gut zu erkennen. Daran schmiegt sich direkt ein Anbau an.

Schandfleck wieder auf der Agenda

Illegale Bauten an der südlichen Stadtmauer in Dreieich - Geschichts- und Heimatverein erneut engagiert

Der Geschichts- und Heimatverein beschäftigt sich erneut mit den Schwarzbauten an der südlichen Stadtmauer. Denn die Politik unternehme nichts gegen den üblen Anblick.

Dreieich - Kleine Balkone, Gartenhüttchen und wilde Anbauten - die Situation an der südlichen Stadtmauer in Dreieichenhain ist vielen ein Dorn im Auge. Ein großer Teil der teils illegalen Bauten an der denkmalgeschützten Stadtmauer liegt seit langer Zeit unbekümmert im Dornröschenschlaf. Jedes Mal, wenn das Thema in den vergangenen Jahrzehnten in der politischen Diskussion auftauchte, verschwand es wieder. Nun hat der Geschichts- und Heimatverein (GHV) Dreieichenhain die südliche Stadtmauer wieder auf die Agenda gehoben.

Das geht auf die Initiative von Heimatforscher Wilhelm Ott zurück. Der Vorsitzende der Freunde Sprendlingens und Kulturpreisträger - seit neuestem auch Mitglied im GHV - kritisiert die Situation in dem als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesenen Bereich im Stadtgraben - der zum größten Teil der Stadt gehört. "Es sieht dort übel aus", sagt Ott bei der Jahreshauptversammlung des GHV.

Neuer Terrassenbau

Nachdem er dort Grenzsteine dokumentiert hatte, fing er an, intensiver zu recherchieren. Die größtenteils aus dem 14. Jahrhundert stammende Stadtmauer gilt als "am besten erhaltene Wehranlage Hessens." Doch durch illegale Anbauten, Mauerdurchbrüche und sogar Schwimmbecken sei das Areal ein "Schandmal für die Gemeinde", sagt Ott - den Heimatforscher Karl Nahrgang zitierend, der den schlechten Zustand schon in den 40ern bemängelt hatte.

Dabei stehen nicht alle Hütten und Anbauten bereits seit Jahrzehnten. Kürzlich beobachtete Ott einen neuen Terrassenbau. "Doch von politischer Seite passiert nichts, um diesen Zustand zu beheben", kritisiert Ott. Er hoffe deshalb auf eine Stellungnahme des Geschichtsvereins, die für mehr politischen Druck sorgen könnte. "Ich denke, es ist mal wieder an der Zeit, dieses Thema auf die Tagesordnung zu bringen."

Der GHV setzte das "Problemkind" südliche Stadtmauer und das Wallgrabengelände auf die Tagesordnung seiner Versammlung. Wünschenswert - so der Tenor der Mitglieder im Burgkeller - wäre es, dass das Areal einen besseren Eindruck macht. "Die Situation ist unbefriedigend, man kann darüber reden", sagt der Vorsitzende Detlef Odenwald. Einige Mitglieder unterstützen Otts Forderung voll und ganz. Die Zerstörung der Anlage werde einfach hingenommen, argumentieren sie. Auch Besucher wunderten sich oft über den Zustand.

Komplexe Thematik

Der Vereinsvorstand nimmt aber eher eine skeptische Grundhaltung ein. Denn die Krux ist: Das Gelände gehört nun mal der Stadt, eine Handhabe haben die "Hüter der Burganlage" nicht. "Die Stadt müsste einen neuen Haushaltsposten dafür eröffnen. Da passiert nichts, weil sie keine Mittel zur Verfügung stellt", sagt Odenwald. Sein Eindruck: Die meisten Anwohner pflegen ihre Außenanlagen sehr gut. Das sieht aber nicht jeder so: Viele Haaner stören sich an verwildertem Gestrüpp, verwahrlosten Hütten und Ablagerungen - vor allem in den eingezäunten Bereichen des städtischen Geländes.

Viele dieser illegalen Bauten stünden seit mehr als 50 Jahren an Ort und Stelle, betont Frank Oppermann, Beisitzer für Denkmalschutz im GHV-Vorstand. "Das ist schlicht und ergreifend Schwarzbau!", sagt er. Aber die Denkmalschutzbehörde des Kreises könne den Zustand nicht mehr rückgängig machen, das sei viel zu aufwendig. Nicht die Verwaltung, sondern die Politiker hätten das Thema versanden lassen, meint Oppermann. "Nur wenn jemand neu bauen will, können die Stadtverwaltung und Kreisbehörde Einfluss nehmen", betont das Vorstandsmitglied. Die Thematik sei sehr komplex und verworren. "Die Stadt müsste einen eigenen Juristen dafür einstellen, damit sie die Situation in den Griff bekommt", so Oppermann.

Ott fordert, man müsse einen Kompromiss finden zwischen den Anforderungen des Denkmalschutzes sowie des Landschaftsschutzgebiets und den Bedürfnissen der Anwohner. Seinen Wunsch nach einer Stellungnahme des GHV wiegelt der Vorstand aber ab. Immerhin verspricht Odenwald: "Das Thema wird nicht einschlafen, wir wollen es im Fokus behalten."

Zeitgleich zum Geschichts- und Heimatverein Dreieichenhain tagte die Stadtverordnetenversammlung, in der Natascha Bingenheimer (Bürger für Dreieich) den Magistrat zur Situation an der südlichen Stadtmauer befragte. Demnach handele es sich bei dem Areal rechtlich um einen Außenbereich.

"Eine planungsrechtliche Beurteilung vorhandener baulicher Anlagen kann nur für den Einzelfall erfolgen", heißt es in der Antwort.

Was die Ahndung angeht, verweist die Stadt an die zuständigen Kreisbehörden: "Der Magistrat besitzt hier keine gesetzlichen Eingriffskompetenzen."

Er verweist auf den Feldschütz, der immerhin neue Bautätigkeiten frühzeitig erkennen kann, die die Stadt dem Kreis melden kann. Es bestünden teilweise Pachtverträge, die die Stadt als Eigentümerin gegebenenfalls kündigen könne - einzelfallabhängig.

Wegen des hohen Aufwands setze die Verwaltung Schwerpunkte - in den Baierhansenwiesen und im Seegewann: "Kapazitätsbedingt ist ein Tätigwerden ( . . .) derzeit nicht möglich." 

jrd

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