Technikbegeistert

100-Jährige skypt um die Welt

  • VonNicole Jost
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Ganz dicht sitzt Anna Reichardt vor dem Laptop, um ihren Neffen, der in Australien lebt, zu sehen. Sie hat das Skypen für sich entdeckt und ist begeistert.

Anna Erwina Reichardt lächelt glücklich in die kleine, im Laptop installierte Webcam. Die 100 Jahre alte Bewohnerin des Haus Dietrichsroth unternimmt ihre ersten Versuche in Sachen Video-Telefonie. Auf dem Bildschirm erscheint, zunächst etwas unscharf, das Gesicht ihres Neffen Wolfgang. Mit weißem Bart lächelt er ins Bild. Skype ist für die alte Dame ein großes Abenteuer. „Hallo Wolfgang, ich kann Dich jetzt sehen. Das ist ja so schön, Dich mal wieder zu erleben, wie geht es Dir?“, fragt die Seniorin aufgeregt ins Bild. Ganz dicht ist sie jetzt mit ihrer Nase vor dem 15 Zoll Bildschirm.

Schnell entwickelt sich ein herzliches Gespräch zwischen Tante und Neffe. Sie haben sich schon lange nicht mehr gesehen – die beiden trennen mehr als 16 000 Kilometer. Schon 1954 ist der inzwischen 86 Jahre alte Wolfgang nach Australien ausgewandert. „Früher habe ich ihn immer besucht. Australien ist ein toller Kontinent“, schwärmt Anna Reichardt und hat sofort die besten Tipps für eine Reise parat: „Sie müssen sich unbedingt anschauen, wo die Aborigines leben, die Milford Suo Wasserfälle sind wunderschön und Wellington eine spannende Stadt“, berichtet die fitte Seniorin.

Treffen verabredet

Inzwischen sind die weiten Reisen aber eben doch zu anstrengend. Da muss ein Video-Telefonat reichen. Die Skype-Treffen mit Wolfgang müssen allerdings gut verabredet sein. Denn der Zeitunterschied ist immens. Während es in Dreieich 10 Uhr morgens ist, geht der weit entfernte Neffe in Falls Creek im Nordosten von Australien um 20 Uhr schon fast wieder ins Bett. Aber heute hat alles bestens funktioniert.

Auf dem Bildschirm tut sich inzwischen Neues: Wolfgang hält sein Enkelkind in die Kamera. Das kleine, dunkelhaarige Mädchen schaut mit großen Augen und etwas erstaunt mitten in das Wohnzimmer von Haus Dietrichsroth. „Oh, sie ist ja so entzückend“, ruft Anna Reichhardt aus. Und der Opa in Australien meint ganz stolz: „Und schau, wie groß sie schon ist, sie macht schon ihre ersten Schritte.“ Das anfangs etwas flackernde Bild ist inzwischen etwas stabiler und auch der Ton ist ausreichend gut, dass die 100-Jährige ihren Gesprächspartner verstehen kann. Nach rund 15 Minuten liebevoller Plauderei verabschiedet sich der Neffe – nicht ohne schon den nächsten Termin zum Skypen zu verabreden.

„Das mit dem Computer und dem Bild, das ist wirklich ein Gewinn“, sagt Anna Reichardt mit glänzenden Augen. „Wolfgang schreibt mir sehr schöne Briefe und wir telefonieren auch regelmäßig. Aber, dass wir uns jetzt auch wieder sehen können, ist ganz toll. Vielen Dank, Frau Hering“, drückt die Bewohnerin des Seniorenheims Sandy Hering die Hand. Die junge Frau, studierte Gesundheitsmanagerin und gerade Trainee in der Heimleitung im Haus Dietrichsroth legt der alten Dame lächelnd ihre Hand auf die Schulter. „Das machen wir doch sehr gerne Frau Reichardt“, sagt Hering. Sie hat das Treffen zuvor mit E-Mail an den Neffen vorbereitet und verabredet.

In Kontakt bleiben

Skype, so die 22-Jährige, sei eine tolle Möglichkeit für die Heimbewohner, mit ihren Verwandten in engem Kontakt zu bleiben. Es braucht nicht viel dafür, ein Laptop mit Webcam und ein Internetanschluss. „Die Technik war schon vorbereitet, als ich hier anfing. Wir mussten es nur noch nutzen“, sagt Hering. Gerne verhilft sie den alten Menschen dazu, Kinder, Geschwister oder auch alte Freunde wieder einmal zu sprechen und sich dabei in die Augen zu sehen. Sie müssen dafür nicht in Australien wohnen.

„Da ist es natürlich ganz besonders praktisch, weil ein Treffen schon fast unmöglich wird. Wir wissen natürlich, dass ein Gespräch über Skype kein reales Treffen ersetzen kann. Aber wenn das eben nicht mehr möglich ist, oder die Angehörigen vielleicht auch zeitweise nicht kommen können, ist es vielleicht ein kleiner Trost, die Liebsten auf dem Bildschirm zu sehen“, so Hering. Noch dazu ist Skype ja kostenlos – auch ein wichtiges Detail, wenn man wie Anna Reichardt bis nach Australien telefonieren muss. Sie lebt übrigens seit 2011 in Dietrichsroth. Zunächst im Betreuten Wohnen und seit zwei Jahren in der Pflegeeinrichtung. Ihre Söhne kann die 100-Jährige zum Glück ein bisschen öfter sehen. Sie leben in Köln und in Sprendlingen. Nach dem Telefonat hat Anna Reichardt dann auch wieder was vor: Sie macht sich schick für einen anstehenden Ausflug in den Palmengarten.

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