Konzert im Bürgerhaus

Bodo Wartke spricht im Interview über sein politisches Engagement und seine Muse

Er gilt als Künstler, der mit der Klaviertastatur wie mit Worten gleichermaßen virtuos umzugehen weiß: Der Hamburger Bodo Wartke spielt am Mittwoch, 31. Oktober, im Bürgerhaus. Im Gespräch mit unserem Reporter Michael Forst erzählt er von Spontan-Konzerten im Hambacher Wald, seinem Verhältnis zu Rüpel-Rappern und warum er gerne nach Dreieich kommt.

Herr Wartke, was verbindet Sie mit Dreieich?

BODO WARTKE: Der Ort selbst und die Leute, die dort arbeiten, haben mir viel ermöglicht. So sind die Haustechniker der Bürgerhäuser auch meine Techniker, die mich teils seit Jahrzehnten auf Tournee begleiten. Außerdem stehen mir dort Probenräume zur Verfügung. Neulich erst haben wir im Bürgerhaus für einen TV-Auftritt von „Antigone“ geprobt (Wartkes neues Theaterstück, frei nach Sophokles, Anm. d. Red.). Und aus diesem Haus stammt auch der E-Flügel, mit dem wir zum Spontan-Guerilla-Konzert in den Hambacher Wald gefahren ist.

Sie haben dort gegen die Rodung demonstriert?

WARTKE: Ja, wobei zu diesem Zeitpunkt das Oberverwaltungsgericht Münster zwei Tage vorher entschieden hatte, die Rodung bis auf Weiteres auszusetzen. Entsprechend gut und gelöst war die Stimmung. Ich habe auch ein Lied für den Hambacher Wald geschrieben – das dort zu singen war natürlich sehr schön.

Manche Fans schätzen Sie für Ihre feinfühligen Liebeslieder. Fürchten Sie nicht, dass Sie die mit Ihrem politischen Engagement vor den Kopf stoßen könnten?

WARTKE: Ich kenne solche Gedanken. Aber sie halten mich nicht davon ab, es zu tun. So ist es mit allem gewesen, was ich an Neuem ausprobiert habe. Ich habe ja gerade mein zweites Theaterstück auf die Bühne gebracht, und bestimmt gibt es einige Fans, die nicht so viel damit anfangen können. Andere wiederum halten vielleicht nicht viel von meinem „Best of“-Programm mit Orchester. Oder sie lieben meine lustigen Lieder, aber die gesellschaftskritischen nicht so sehr. Das sei jedem gegönnt. Umgekehrt gewinne ich sicher auch ein neues Publikum dazu, das meine gesellschaftskritischen Lieder zu schätzen weiß. Ich schreibe halt immer das, was mich gerade akut interessiert, und versage mir das nicht.

Wann kommen Ihnen Ihre Ideen?

WARTKE: Meistens in Situationen, wenn man nicht damit rechnet und mit etwas anderem beschäftigt ist. Man kann diese Einfälle nicht erzwingen. Es ist wichtig, empfangsbereit zu sein, wenn sie kommen. Auszuhalten, dass mal keine Ideen kommen, gehört übrigens auch dazu.

Wo landen Ihre Musenküsse?

WARTKE: Ich habe immer eine Kladde dabei. Die Verlockung ist natürlich groß, Einfälle ins Handy zu tippen. Aber mir sind einmal mehrere hundert Strophen verlorengegangen, die ich nicht auf Papier, sondern im Rechner hatte. Der wurde mir geklaut – und es gab kein Backup. Das war sehr schmerzhaft. Vor allem wegen der Strophen, die unwiederbringlich verloren waren, in die ich Tage an Herzblut und Arbeit investiert hatte. Eine Freundin von mir sagte: „Okay, 300 Strophen sind weg. Aber Du kannst 300 neue schreiben. Das sind dann andere, aber auch die sind gut.“ Da habe ich dann den Mut gefasst, den Stift in die Hand genommen und alles noch mal aufgeschrieben. Papier ist tatsächlich die sicherere Variante.

Dän Dickopf von der A-Cappella-Gruppe „Alte Bekannte“ hat Sie in einem Interview als einen der genialsten deutschen Liedtexter bezeichnet.

WARTKE: Oha! Das ist aber eine Ehre!

Welche Vorbilder als Textschreiber haben Sie selber?

WARTKE: Dän ist ein Kollege, den ich sehr schätze. Ich halte ihn für einen kunstfertigen, versierten Textdichter, der sein Handwerk beherrscht. Wer mich sehr geprägt und inspiriert hat, sind Heinz Erhardt und Georg Kreisler. Ich verehre Sebastian Krämer (Berliner Chansonnier, Anm. d. Red.) und halte ihn für ein veritables Genie. Bei jedem seiner Lieder wünschte ich mir, ich wäre drauf gekommen.

Sie kokettieren auf der Bühne oft mit Ihrer klassischen musikalischen Ausbildung. Was würde ein Bodo Wartke, „nur“ mit Musiktalent, aber ohne Sprachfinesse ausgestattet, wohl heute machen? Hätte es zum Konzertpianisten gereicht?

WARTKE: Dafür hätte ich mich wohl noch intensiver dem Klavierspiel widmen müssen. Mein damaliger Klavierlehrer glaubte, ich hätte das Zeug dazu gehabt. Aber ich hatte eben auch damals schon andere Interessen, fand es spannender, etwas Neues zu schaffen als nur etwas nachzuspielen. Dazu kann auch gehören, auf ein klassisches Stück einen Text zu schreiben. Sachen zu verbinden, die erst mal nichts miteinander zu tun haben, und zu gucken: Was kommt dabei heraus?

Sie mischen Klassik gerne mit anderen Formen wie Blues und Boogie-Woogie . . .

WARTKE: Genau. Es gibt rein musikalische Werke von mir, wo ich genau das mache. Ein Klavierstück wie Mozarts „Rondo alla Turca“ etwa, das auch als Boogie-Woogie eine unfassbare Raffinesse hat, weil Mozart das so gut komponiert hat. Mich interessiert: Was hat alte Kunst mit uns heutzutage noch zu tun? Wie kann man sie interpretieren, damit sie ein heutiges Publikum versteht und Spaß daran hat? Aus dieser Frage heraus sind auch meine Theaterstücke entstanden, in denen ich mehr als 2000 Jahre alte Stoffe wie Ödipus oder Antigone mit heutigen Worten nacherzähle. Das sind Geschichten, die erzählt werden sollten, weil sie einfach toll sind.

Bei Ihrem Auftritt bei den Burgfestspielen erklärten Sie in einem Lied, warum deutsche Rüpel-Rapper in Wirklichkeit missverstandene Botschafter für Toleranz und Nächstenliebe sind – und Bushido demnächst als rosa Glitzerfee auf dem Christopher Street Day tanzen wird. Haben Sie keine Angst, damit den Zorn der harten Jungs auf sich zu ziehen?

WARTKE: Das ist ja noch eine ganz neue, unveröffentlichte Nummer, die noch in der Testphase ist. Ich wage zu bezweifeln, dass Gangster-Rapper zu meinen Auftritten kommen, geschweige denn überhaupt wissen, wer ich bin. Sobald man es ins Netz stellt, könnte es natürlich sein, dass es die Runde macht. Ich spiele ja mit dem, was diese Rapper selber immer behaupten: Das sei alles nicht so gemeint. Tatsache ist wohl, dass sie nicht die harten Jungs sind, die sie vorgeben zu sein. Deshalb glaube ich nicht, dass mir Bushido seinen Clan auf den Hals hetzen oder mir Kollegah auf die Fresse hauen wird. Man muss unterscheiden zwischen Bühnenpersönlichkeit und Privatperson.

Gutes Stichwort: Sie verströmen auf der Bühne immer etwas Gentlemanhaftes. Nur ein Image oder ist das hundert Prozent Bodo Wartke?

WARTKE: Das, was man von mir auf der Bühne sieht, ist keine völlig andere Person, sondern ein wichtiger Teil von mir. Nun lauf' ich im sonstigen Leben nicht die ganze Zeit herum wie auf der Bühne. Dort bin ich deutlich besser gekleidet. Und im sonstigen Leben spreche ich auch nicht die ganze Zeit in Reimform [lacht]. Das würde auch ganz schön nerven. Aber auf der Bühne sieht man mich bei dem, was ich gerne und mit großer Hingabe und Liebe zum Detail tue. So gebe ich mich nie mit schlechten Texten zufrieden, sondern denke immer: „Das geht noch geiler!“ Ich mache keine Kompromisse: weder bei der Aussage, dem Inhalt eines Stückes noch beim Reim.

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