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Um die Beete an der Flüchtlingsunterkunft in der Benzstraße kümmern sich Zahid Izbal, Muzaffar Gondal und Rana Usman Ali (von links). Die drei Männer würden gerne ausziehen – es gibt aber keine Wohnungen.

Situation der Flüchtlinge

Integrationsbeauftragte Karin Scholl: „Wir haben es gut hinbekommen“

Karin Scholl, Ressortleitung Integration und Flüchtlingshilfe bei der Stadt, ist zufrieden. Denn in der Flüchtlingsunterkunft in der Benzstraße "läuft es eigentlich ziemlich gut". 

Dreieich – Muzaffar Gondal zupft gewissenhaft seine Zucchini-Pflänzchen zurecht und versorgt sie mit ausreichend Wasser. „Dieses Jahr habe ich gar nicht so viel gepflanzt. Aber es macht mir Spaß, es fühlt sich ein bisschen an wie Heimat“, sagt der Mann in gebrochenem Deutsch. Er lebt in der Flüchtlingsunterkunft in der Benzstraße, einem Container, den die Stadt angeschafft hat, als die Wohnungen und Unterkünfte 2016/17 knapp wurden. „Dort läuft es eigentlich ziemlich gut. Es gibt grün außen rum, die Menschen können sich gut auch im Freien aufhalten“, ist Karin Scholl, Ressortleitung Integration und Flüchtlingshilfe bei der Stadt, zufrieden.

Wie ist die Situation der Geflüchteten in Dreieich überhaupt, wie viele Menschen leben in der Stadt und wie ist ihre Perspektive? Karin Scholl hat die Antworten auf die Fragen, die in den vergangenen Monaten nicht mehr so im Fokus standen.

Derzeit leben 635 Flüchtlinge in Dreieich, 139 von ihnen sind Asylbewerber, die Mehrheit, 496, hat bereits ein Bleiberecht. Die Menschen kommen hauptsächlich aus Afghanistan, Syrien, Somalia, dem Irak und Eritrea. „Wir haben derzeit sinkende Zuweisungszahlen nach Dreieich, wobei wir mit zwölf Prozent aller im Kreis ankommenden Flüchtlingen mit Rodgau die meisten Menschen aufnehmen müssen“, so Scholl. Von April bis Juni waren das 17 Personen – aber Erster Kreisbeigeordneter Carsten Müller habe die Kommunen schon gewarnt, Unterkünfte abzubauen, weil er mit wieder steigenden Flüchtlingszahlen rechnet. „Das ist eine schwierige Entscheidung. Denn jeder Platz in einer Unterkunft, den wir vorhalten, kostet natürlich Geld“, erläutert die Integrationsbeauftragte. Derzeit gebe es noch zwölf Gemeinschaftsunterkünfte, von denen die Stadt fünf betreibt. Eine wird vom Kreis Offenbach (Hauptstraße 1a) verwaltet, sechs Einrichtungen von privaten Anbietern. Dazu kommen weitere 96 Wohnungen und Häuser, die die Stadt in allen Stadtteilen angemietet hat oder die sich im eigenen Besitz befinden. „Probleme gibt es mit der dezentralen Unterbringung. Wir haben inzwischen viele Geflüchtete in den Gemeinschaftsunterkünften, die ein Bleiberecht haben und damit auch das Recht auf eine Wohnung. Es gibt aber so gut wie keine bezahlbaren Wohnungen in Dreieich für diese Menschen“, erklärt Karin Scholl.

Zudem sei der Betreuungsbedarf hoch. Die Neubürger aus anderen Kulturen haben beispielsweise Probleme mit der Mülltrennung oder mit den Nachbarn. „Da diskutieren wir schon manchmal, dass es eben schwierig ist, wenn jeden Tag Besuch kommt, der bis spät in die Nacht bleibt oder die Kinder bis um zehn auf der Straße herumrennen“, berichtet Scholl aus ihrem Arbeitsalltag. Es gibt Familien, die sich schnell integrieren, andere wiederum tun sich schwer. Das habe vielmals mit dem Bildungsgrad zu tun: „Wir haben eine hohe Anzahl von Leuten, die auch in ihrer Heimat nie zur Schule gegangen sind. Eine afghanische Mutter, die selbst nicht lesen und schreiben kann, kann nur hoffen, dass es ihre Kinder schaffen. Ein syrischer Vater mit akademischem Abschluss hat ganz andere Möglichkeiten, seine Kinder zu fördern, sie zu unterstützen, ohne dabei seine eigene Kultur aufgeben zu müssen.“

32,3 Prozent der Geflüchteten haben keine Schulbildung. 73,2 Prozent keine Ausbildung, 11,3 Prozent haben eine, die aber in Deutschland noch nicht anerkannt ist. 2,7 Prozent haben einen Uniabschluss. 48 Prozent der in Dreieich lebenden Flüchtlinge sind in Arbeit oder Ausbildung, 22 Prozent sind arbeitslos und 30 Prozent sind erwerbsunfähig, nicht arbeitsfähig, zu alt, krank oder haben unversorgte Kinder.

Die Geflüchteten merken sehr wohl, dass die Stimmung schwieriger wird. Dass es eben nicht so leicht ist, eine Arbeit und Wohnung zu finden. Trotzdem ist die Integrationsbeauftragte optimistisch. „Wir haben viele positive Beispiele von Menschen, die sich gut eingelebt und entwickelt haben. Wir haben es als Stadt gut hinbekommen“, bilanziert sie. Die Integration in Kitas und Schule funktioniere gut, es gebe noch immer viele Ehrenamtliche, die bei der Betreuung helfen. Auch in Vereinen und Institutionen sei viel getan worden. Als besonders positive Beispiele hebt Scholl die Strothoff School, die Kirchen und den Verein Zukunft Dreieich hervor, die gerade zu Beginn des Flüchtlingsstroms eine wichtige Rolle gespielt hätten.

Von Nicole Jost

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