Schwieriger Job

Der Druck auf Pflegekräfte steigt

  • VonNicole Jost
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Gewalt gegen Pflegekräfte und nörgelnde Angehörige – auch die Mitarbeiter im Haus Dietrichsroth haben das schon erlebt. Dennoch machen sie ihre Arbeit gerne. Allerdings wünschen sie sich, dass ihr Beruf mehr Anerkennung erfährt – auch damit mehr junge Leute in ihre Fußstapfen treten.

„Was? Du bist Altenpflegerin? Das ist toll, dass Du diese Arbeit übernimmst. Ich könnte das ja niemals!“ – Diesen Satz hört Adriane Hesselbach oft. Die 38-Jährige ist Pflegehelferin im Haus Dietrichsroth in Dreieichenhain. Gerade noch streichelt sie einer bettlägerigen Bewohnerin die Wange, hält ihr die Hand und reicht der Dame dann etwas zu Trinken. Sie erntet ein Lächeln und ein „Danke“ mit brüchiger, leiser Stimme.

Der Stand der Altenpfleger ist nicht der allerbeste in der Gesellschaft. Zudem herrscht großer Personalmangel, die Einrichtungen haben Schwierigkeiten die Stellen zu besetzen, es werden Kräfte aus dem Ausland angeworben, und Reportagen über die schlechten Zustände in den Pflegeheimen machen es den Mitarbeitern nicht leichter. Im Gespräch mit dieser Zeitung berichten Gabriele Roettger, Einrichtungsleiterin des Johanniter Haus Dietrichsroth, und ihre Mitarbeiterinnen über die Herausforderungen ihres Berufstands.

„Der Beruf, die Herausforderungen und auch die Anspruchshaltung haben sich in den vergangenen Jahren schon verändert“, so Roettger. Das bestätigt Jihong Zhou, seit 15 Jahren im pflegerischen Beruf und heute Leiterin der Tagespflege: „Vor zehn Jahren hatten wir noch viele, fitte Patienten und unsere Aufgabe war vielmehr die Beschäftigung der Menschen. Heute sind es viele Schwerstpflegefälle, und damit fallen auch viele zusätzliche Aufgaben an.“

Eigenanteil stetig erhöht

Diese sogenannte Behandlungspflege, wie das Verabreichen der Medikamente, Blutdruck oder Fieber messen, Verbandswechsel oder Kompressionsstrümpfe anziehen – das sind alles Leistungen, die in der Pflegekasse involviert sind und die nicht extra vergütet werden. Zehn Jahre lang wurde dieser Betrag nicht erhöht, 2017 gab es dann eine kleine Anpassung. „Das bedeutet aber im Gegenzug, dass die Mehrkosten, beispielsweise für Lohnsteigerungen, durch den Eigenanteil abgefangen werden muss“, erklärt Roettger. „Der wurde in der Vergangenheit alle eineinhalb Jahre erhöht. Das kann eigentlich auch nicht sein, dass diese Steigerung komplett an den Angehörigen hängen bleibt. Da muss sich unsere Gesellschaft schon fragen, was ihnen das Altwerden wert ist.“

Die immensen Kosten im Eigenanteil veränderten auch die Anspruchshaltung bei den Angehörigen. Wenn sonntags eine Bewohnerin für die Familie schick gemacht werde, und noch bevor der Besuch kommt ein Kaffeefleck auf der Bluse sei, gebe es schon mal schlechte Stimmung. „Dann kommt der Sohn zu uns und schimpft: Wie sieht denn meine Mutter aus? Ich zahle hier so viel Geld und Sie schaffen es nicht einmal, sie sauber anzuziehen“, erzählt Karolina Spezzano, stellvertretende Pflegedienstleitung. „Da verstehen wir die Welt nicht mehr. Unser größtes Anliegen ist es immer, die Selbstständigkeit der Bewohner so weit wie möglich zu erhalten. Dann kann es schon mal passieren, dass gekleckert wird.“ Natürlich sollen die Senioren auch ordentlich aussehen, aber ein Kaffeefleck auf einer sonst sauberen und frischen Bluse sei ja kein Weltuntergang.

Mit dem Glas geworfen

Auch Gewalt gegen Pflegekräfte komme im Alltag vor. Wenn ein Bewohner nicht essen oder trinken wolle, könne es passieren, dass er ein Glas nach dem Pfleger werfe oder bei der Körperpflege aggressiv und handgreiflich werde. „Unsere Mitarbeiter haben deeskalierendes Verhalten gelernt, aber sie sind hin und wieder körperlicher Gewalt ausgesetzt“, sagt Gabriele Roettger. Zum Glück sei die Mehrheit der Bewohner aber friedlich und dankbar, und auch viele Angehörige sprechen den Mitarbeitern ihre Anerkennung aus oder bringen sich sogar ehrenamtlich in die Arbeit im Haus ein. „Wenn dann eine Bewohnerin zu mir sagt. Schwester, ich kann Ihnen nichts geben, aber ich schließe Sie in mein Abendgebet mit ein, dann weiß ich, dass ich bei meiner Berufswahl die richtige Entscheidung getroffen habe“, berichtet Karolina Spezzano.

Ein weiteres Problem ist das gewachsene und unwahrscheinlich betreuungsintensive Feld der Demenz. Einige der Demenzpatienten brauchen eine Eins-zu-Eins-Betreuung. Die Alltagsbegleiter, die im Haus helfen, haben einen Betreuungsschlüssel von 1 zu 20. Wenn darunter drei Demenzpatienten sind, gibt es ein Problem. Darüber hinaus ist es immer die Pflegekraft, die sofort rennen muss: Egal ob es Angehörige sind, oder der Arzt der kommt – alle erwarten, dass die Mitarbeiter ihre Arbeit unterbrechen und sofort reagieren.

Dabei sei es so wichtig, dass der Beruf der Pflege einen besseren Ruf bekomme, um junge Menschen dafür zu gewinnen. „Was sollen wir eigentlich machen, wenn wir Baby-Boomer in die Pflege kommen? Wir können auch nicht Spanien, Italien und Polen bei den Pflegekräften ausbluten lassen“, so Roettger. Sie betont, dass es durchaus Aufstiegschancen in den pflegerischen Berufen gebe, die Leute gut ausgebildet würden und aufgrund der Zuschläge an den Feiertagen und Wochenenden auch das Gehalt nicht so schlecht sei. „Ich wünsche mir sehr, dass die Politik nicht nur schönes Wetter bei unseren Sommerfesten macht. Es ist an der Zeit, dass die Verantwortlichen unseren Alltag, die Probleme und unsere Herausforderungen sehen und sie auch mitnehmen“, wünscht sich die Einrichtungsleiterin.

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