Lesung ihrer Geschichten

Holocaust-Zeitzeugin Edith Erbrich ist in der Stadtbücherei zu Gast

Edith Erbrich ist eine der wenigen noch lebenden Zeitzeugen des Holocaust und Überlebende des Konzentrationslagers Theresienstadt. Hans-Josef Rautenberg erzählt ihre Geschichten in einem Buch.

Es sind nur noch rar gesäte Veranstaltungen, denn es gibt nicht mehr viele Menschen, die aus den eigenen Erfahrungen von den Grauen des Nationalsozialismus erzählen können. Naturgemäß werden die Menschen weniger. Eine, die aber unermüdlich und immer wieder von den Erfahrungen ihrer Kindheit während der NS-Zeit und auch im Konzentrationslager Theresienstadt erzählt, ist die Langenerin Edith Erbrich. Autor Hans Josef Rautenberg hat Geschichten von Erbrich als sogenannte „Shorts“ – Kurzgeschichten – in seinem Band „Erinnerungen“ aufgezeichnet.

Mit diesen Rückblicken war der Autor jetzt zu Gast in der Stadtbücherei in Dreieich. Mit beeindruckenden Bildinstallationen, Musik und Fotografien lud er die Zuschauer dazu ein, mit auf die Reise in die dunkelste Zeit der Deutschen Geschichte zu gehen.

Während Hans-Josef Rautenberg aus den Erzählungen las, saß Edith Erbrich auf dem Podium, um die Geschichten mit noch mehr lebendigen Erinnerungen zu füllen. Edith Erbrich, 1937 als deutsch-jüdisches „Mischlingskind“ im Frankfurter Ostend geboren, hat mit zwei Jahren eine Kennkarte mit dem fett gedruckten „J“ (für Jude) verpasst bekommen. Sie berichtet, wie es war, nicht in die Schule gehen zu dürfen. Im März 1944 wird die Familie bei den schweren Luftangriffen in Frankfurt ausgebombt und am 14. Februar wird sie gemeinsam mit ihrem Vater und der vier Jahre älteren Schwester nach Theresienstadt deportiert. Von der Roten Armee nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht befreit, haben sie das Grauen überlebt. „Mein Vater hat aber viele Geschichten, die er erlebt hat, mit ins Grab genommen“, erzählt Erbrich in Sprendlingen. Bei all den schrecklichen Erlebnissen, zeichnet es die Langenerin aus, dass sie auch positive Geschichten aus dieser Zeit berichtet. „Wir hatten auch unsere ,heimlichen Helden’, wie ich sie immer nenne“, so Erbrich.

Für diese Art von Helden nannte sie zwei Beispiele: Zum einen seien die aus Theresienstadt über den Zaun geworfenen Postkarten alle bei ihrer Mutter in Frankfurt angekommen. Es habe also helfende Hände gegeben, die diese bei der Post abgegeben hätten. Die zweite Geschichte stammt aus der Zeit vor der Deportation, wo sie und ihre Schwester zum Kohlen sammeln durch Frankfurts Gassen streunten.

„Ein Mann beschimpfte uns wild, wir sollen die kleinen Brocken sofort fallen lassen. Da rief uns der Fahrer des Kohlelasters zu sich und schenkte uns zwei ganze Briketts. Er hat damit sein Leben aufs Spiel gesetzt“, ist Erbrich heute noch dankbar. Die leise Atmosphäre in der Stadtbücherei beweist, dass diese Geschichten auch 2018 von unschätzbarem Wert sind. njo

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