25 Jahren Dreieicher Frauenbüro

Interview mit Karin Siegmann: „Ich musste mich durchbeißen“

Das Dreieicher Frauenbüro feiert am morgigen Donnerstag seinen 25. Geburtstag. Karin Siegmann ist mit der Einrichtung untrennbar verbunden. Sie hat ebenfalls am 1. Dezember 1991 in der Stadt am Hengstbach ihre Stelle als Frauenbeauftragte angetreten. Die studierte Diplompädagogin war zunächst als Gemeindepädagogin in Darmstadt-Eberstadt tätig sowie dreieinhalb Jahre lang Geschäftsführerin des Beirats zur Förderung von Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche. Dann hat sich Karin Siegmann für die Stelle der Frauenbeauftragten der Stadt Dreieich beworben. Jetzt ist sie seit 25 Jahren Ansprechpartnerin für die Frauen in der Verwaltung und in der Stadt. FNP-Reporterin Nicole Jost hat mit der 58-Jährigen gesprochen.

Frau Siegmann, mit welcher Motivation haben Sie sich damals auf die Stelle beworben? Was waren die Ziele, wo lag der Handlungsbedarf in Dreieich?

KARIN SIEGMANN: In der Zeit, in der ich bei der Kirche arbeitete, herrschte eine große Aufbruchsstimmung. Es kam gesellschaftlich so viel in Bewegung. Die Frauenbewegung war voll im Gange, und ich habe mich davon anstecken lassen. Ich habe selbst die Ungerechtigkeiten gesehen und hatte für mich beschlossen, da muss ich mitmischen und möchte auch etwas tun. Es geht um die Rechte der Frau und den Fortschritt für die Frauen. Und das gilt heute immer noch. Ich finde es zum Beispiel traurig, dass wir bei der gleichberechtigten Bezahlung mit 23 Prozent weniger Gehalt für die Frauen in unserem modernen Land in Europa zu den Schlusslichtern gehören. Das geht überhaupt nicht.

Was sind die größten „Brocken“, die Sie in dem Vierteljahrhundert bewegt haben?

SIEGMANN: Als ich hier im Dezember 1991 anfing, konnte ich es noch nicht so einschätzen, wo hier der Handlungsbedarf ist. Ich musste mich erst einmal orientieren, was gibt es an Frauengruppen, was existiert an Strukturen. Es bestand ein ganz aktives DGB-Ortskartell, dann gab es mit Ursula Schwippert eine engagierte Betriebsrätin bei Ellen Betrix – eine toughe Frau. Es gab die Hexenbesenfrauen und es gab hier schon immer sehr engagierte Frauen, die was auf die Beine gestellt haben. Ich habe in der Verwaltung auch zu spüren bekommen, dass ich nicht unbedingt gewollt war. Es gab doch viele, die erst einmal gesagt haben, sie brauchen keine Frauenbeauftragte. Selbst bei den Frauen musste ich mich erst einmal durchbeißen. Aber es gab zum Glück auch Verbündete. Das war nicht immer leicht, aber jetzt hat sich doch einiges getan und auch die Haltung hat sich geändert. Wir haben auch einiges verändert, zum Beispiel gibt es heute sehr ordentliche Bewerbungsverfahren, in die ich auch involviert bin, da sind wir als Stadt auf einem hohen Niveau. Es gibt heute viele verschiedene Arbeitsplatzmodelle und viele Teilzeitarbeitsplätze, die den Mitarbeiterinnen sehr individuelle Möglichkeiten bieten. Kinderbetreuung ist inzwischen ja ein Standortfaktor, das haben ja auch die Unternehmen erkannt. Das Biotest heute einen Kindergarten hat, ist der Beweis dafür, dass auch die Unternehmer ihre gut und teuer ausgebildeten Frauen nicht verlieren wollen. Ich kann das jetzt gar nicht so herunterbrechen auf unseren Ort, es sind in den vergangenen 25 Jahren viele Verbesserungen gesetzlich festgeklopft worden, dazu gehören auch das Elterngeld und die Elternzeit für die Männer, die eine echte Verbesserung gebracht hat.

Gab es ein ganz besonderes Ereignis oder eine Veranstaltung, die Sie immer in Erinnerung behalten werden?

SIEGMANN: Ich hatte eine sehr lustige Begebenheit, die ist schon ein paar Jahre her. Da hatten wir Ingrid Noll zu einer Lesung eingeladen, sie hat aus einem ihrer Krimis vorgelesen und bei uns stand die Veranstaltung unter dem Motto „Wie Frauen morden.“ Da bekam ich einen Anruf von einer Frau, sie würde sich gerne zu dem Workshop „Wie Frauen morden“ anmelden. Sie wollte wohl ein paar Tipps, das ist mir im Gedächtnis geblieben. Und sonst natürlich 25 mal Internationaler Frauentag, zu dem wir viele tolle Veranstaltungen hatten. Viele Jahre auch in Kooperation mit dem Langener Frauenbüro, wir waren ja die Vorreiter für die interkommunale Zusammenarbeit. Wir hatten tolle Seminare, super Exkursionen – ich könnte jetzt gar nicht eine bestimmte Veranstaltung nennen. Wobei ich sagen muss, dass es schwieriger geworden ist, Veranstaltungen zu organisieren. Wir müssen gut planen, die Leute sind auch ein bisschen satt. Darum freue ich mich, wenn zu einer Veranstaltung wie der mit Maria von Welser viele Leute kommen. Denn das ist auch meine Aufgabe, den Finger in die Wunde zu legen und auf Frauenschicksale aufmerksam zu machen.

Wie sieht Ihr Alltag im Frauenbüro aus?

SIEGMANN: Meine Stelle ist ja genau zweigeteilt, einmal bin ich intern innerhalb der Verwaltung beschäftigt. Da bin ich in vielen Gremien involviert, bei den Vorstellungsgesprächen, und ich bin direkt dem Bürgermeister unterstellt, habe sonst keinen Vorgesetzten. Extern bin ich Ansprechpartnerin für die Dreieicher Frauen. Sie kommen hierher, wenn sie vor schwierigen Entscheidungen stehen. Ich mache ja keine Rechtsberatung, aber Trennung und Scheidung begegnen mir hier in meinem Büro sehr häufig. Vor allem nach Weihnachten häuft es sich sehr. Es ist ja immer eine sehr schwierige Situation, ich helfe beim Clearing-Prozess, es ist wichtig, dass die Frauen nicht alleine sind. Oftmals lösen Frauen selbst aus, dass sie sich trennen wollen und haben dann aber Angst, dass das Geld nicht reicht, sie nicht alleine mit der Verantwortung klarkommen. Da helfen Gespräche sehr. Ich bin auch immer wieder mit häuslicher Gewalt konfrontiert, und was ich als Frauenbeauftragte wirklich gelernt habe, ist, dass sich Gewalt durch alle gesellschaftlichen Schichten zieht und dass Männer zu 85 bis 90 Prozent nicht betrunken sind, wenn sie schlagen. Frauen wollen sich oft nicht trennen. Sie lieben ihre Männer und wollen, dass die Gewalt aufhört. Ich mag es, dass ich hier mit der Verwaltung und den externen Aufgaben so breit aufgestellt bin. Die Arbeit ist sehr vielseitig. Denn das Frauenbüro – was sich anhört, als sei es ein ganzer Stab – besteht ja nur aus mir. (lacht)

Ihre Kollegin Gabriele Loepthien hat vergangene Woche in Neu-Isenburg gesagt, sie habe sich über die Zeit beinahe selbst abgeschafft, weil dort innerhalb der Verwaltung die Frauenquote – auch in den Führungspositionen – so hoch ist. Gilt das für Dreieich auch?

SIEGMANN: Wir haben eine gute Quote – aber bei den Führungspositionen ist durchaus noch Luft nach oben. Da steht es derzeit bei 40 Prozent Mitarbeiterinnen und 60 Prozent Mitarbeitern. Allerdings muss man fairerweise sagen, dass diese Stellen ja auch nicht so oft frei werden. Unsere Mitarbeiter in den Führungspositionen sind alle in einem Alter. Da kommt dann eines Tages ein ganzer Schwung junger Leute nach. Aber da müssen wir aufpassen, dass sie dann auch mit Frauen besetzt werden. Wir haben ja gerade zwei junge Männer, die studieren, ich habe schon angemerkt, dass die beiden nächsten Studienplätze an Frauen vergeben werden sollten. Denn wir haben auf unsere Stellen durchaus Bewerbungen von Männern und Frauen – auch bei den Auszubildenden. Für Frauen ist der öffentliche Dienst interessant, weil sie wissen, dass sie Elternzeit nehmen können und Teilzeitstellen möglich sind. Das Gleichstellungsgesetz wurde ja erneuert, und die Kommunen sind verpflichtet, alle sechs Jahre einen Frauenförderplan neu aufzulegen und alle drei Jahre einen Bericht abzugeben. Das steht bei uns 2017 auch wieder an und da müssen wir mal wieder genau hinschauen, wie sieht es in den einzelnen Gehaltsgruppen aus, auf den Führungspositionen, und dann müssen Fördermaßnahmen angepasst werden. In der Politik lag die Frauenquote als ich hier anfing bei 42 Prozent – das hat sich total zurückentwickelt, in der vergangenen Legislaturperiode waren es noch knapp 30, derzeit sind es nur noch 13 Prozent. Ich weiß nicht, woran das liegt und kann dazu keine Analyse abgeben.

Gibt es irgendwas, was bislang noch nicht erreicht ist, was Sie aber für die Dreieicher Frauen für wichtig halten würden?

SIEGMANN: Ja, ich hätte gerne ein Frauenzentrum, in dem sich Frauen, Migrantinnen mit Kindern treffen und für sich etwas bewirken können. Vielleicht gelingt das ja im neuen Stadtteilzentrum ansatzweise, ich fände es toll, wenn so etwas auf breiterer Basis möglich wäre. Ein Haus, in dem sich Frauen begegnen können, mit Veranstaltungen, Kursen und offenen Treffen. Wir haben in Dreieich einfach viel zu wenige Räume für solche Gelegenheiten. Der Bedarf ist da – und eigentlich nicht nur im Sprendlinger Norden.

Was haben Sie für sich persönlich aus der Arbeit als Frauenbeauftragte mitgenommen und wie entspannen Sie sich von ihrer Aufgabe?

SIEGMANN: Ich bin der Stadt dankbar, dass ich mich in diesem Beruf so entwickeln konnte. Ich war ja immer gezwungen, mich mit Themen auseinanderzusetzen, mit denen ich ohne diesen Beruf gar keine Berührung gehabt hätte. Ich habe viel über das Leben gelernt, der Beruf bringt es mit sich, dass ich mich auf viele Situationen neu eingestellt habe und auch meine eigene Haltung immer wieder neu überdenken musste. Dadurch konnte ich mich auch persönlich weiterentwickeln. Bei der internen Arbeit ist es bis heute spannend zu sehen, wie eine Stadt tickt, wie Verwaltung funktioniert. Ich bin an vielen Prozessen beteiligt und habe an vielen Stellen Einblick, das wäre mir als „normale“ Bürgerin so nie möglich gewesen. Und es ist natürlich schön, dass ich über die Jahre so viele tolle Frauen kennengelernt habe. Denn es gibt in Dreieich wirklich viele Frauen, die sich sehr engagieren und besondere Persönlichkeiten sind. Nach der Arbeit kann ich mich mit Tanzen oder Lesen entspannen.

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