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Als erster Solo-Künstler stand Sänger und Gitarrist Midge Ure auf der Bühne.

Rockpionier

Interview mit Midge Ure: „Der Kampf machte uns kreativ“

Ein lebendes Stück Musikgeschichte gibt sich am 13. November die Ehre im Sprendlinger Bürgerhaus: Der Schotte Midge Ure war mit seinen Synthiepop-Bands „Visage“ und „Ultravox“ schon vor 40 Jahren stilprägend, komponierte später mit Bob Geldof den Klassiker „Do They Know It’s Christmas Time?“ und brachte damit die „Band Aid“-Benefizkonzerte ins Rollen. Mit Michael Forst hat er über seine schottischen Wurzeln, seine Lust am Wandel und das Geheimnis seiner Stimme gesprochen.

Mister Ure, Sie werden von vielen Fans, etwa auf YouTube, der am meisten unterschätzte Rocksänger und Komponist genannt. Wie sehen Sie sich selber?

MIDGE URE: Ich denke, jeder Kreative würde gerne noch erfolgreicher sein – das ist Teil des Selbstzweifel-Pakets, das wir Künstler mit uns rumschleppen. Doch andererseits habe ich wirklich nichts, worüber ich mich beklagen könnte, wenn ich auf mein Leben und meine Karriere zurückschaue. Ich bin immer noch hier, schreibe und singe Lieder und habe eine tolle Zeit. Was könnte es denn Besseres geben?

Auf welche Erfolge in Ihrem Leben als Musiker blicken Sie mit besonderem Stolz zurück – was wird bleiben?

URE: Natürlich ist das Band-Aid-Projekt oben auf der Liste. Genauso wie die Auszeichnung mit dem OBE (britischer Verdienstorden „Order of the British Empire, Anm. d. Red.), vor allem, weil ich den nicht nur für Spendenaktionen bekam, sondern auch für Verdienste um die Musik. Es gab so viele Höhepunkte, es ist echt schwierig, nur einen herauszugreifen. Da wären noch ein paar Dinge, vom Duett mit Kate Bush, der Auftritt zur Neueröffnung des Potsdamer Platzes 1998 bis hin zur Auszeichnung mit dem Ivor Novello Award (höchster britischer Preis für Liedertexter und Komponisten, Anm. d. Red.).

Sie wurden in einer Arbeiterfamilie in der Nähe von Glasgow geboren. Wie erwachte die Liebe zur Musik in Ihnen – und diente sie als Fluchtmöglichkeit?

URE: Ja, Fluchtmöglichkeit beschreibt es gut! Mein Bruder Bobby war ein riesiger Musikfan, und ich hörte mich als Kind oft durch seine Plattensammlung. Und so jung ich auch wahr, das löste etwas in mir aus. Also bekniete ich meine Eltern, mir eine akustische Gitarre zu kaufen. Die hängt bei mir immer noch im Studio, um mich daran zu erinnern, woher ich komme.

Im Laufe Ihrer Karriere haben Sie sich in musikalischen Gefilden von Art Rock über Electro Pop bis zu akustischen Klängen bewegt – und dabei immer Zuhörer in Ihren Bann gezogen. Sind Ihnen Ihre Fans über all die Jahre hinweg treu geblieben oder haben Sie eher immer wieder alte verloren und neue gewonnen?

URE: Wohl ein bisschen von beidem. Ein gutes Lied sollte unabhängig von dem Format, in dem es präsentiert wird, funktionieren – und meine Fans verstehen das, denke ich. Natürlich ist es großartig, unter den Fans alte Wegbegleiter zu haben, von denen einige jetzt ihre Kinder und Enkel mit zu den Konzerten bringen. Aber nicht weniger toll ist, wenn neue Menschen deine Musik entdecken.

Was ist Ihr Antrieb, sich immer wieder neu zu erfinden?

URE: Ich nenne es natürliche Evolution. Die Dinge können nicht für immer gleich bleiben – oder sie werden schal.

Einer Ihrer zeitlosesten Lieder ist „Vienna“, das Sie mit „Ultravox“ aufnahmen, als Sie gerade Sänger John Foxx ersetzt hatten. Erzählen Sie uns von den schwierigen Umständen, in denen dieser Klassiker entstand.

URE: Ganz so war das nicht. Denn John hatte die Gruppe längst verlassen, bevor ich dazustieß. Die Band stand ohne Plattenvertrag und Frontmann da. Wir nahmen das Album in Conny Planks (legendärer deutscher Musikproduzent, Anm. d. Red.) Studio am Rande von Köln auf – und arbeiteten da in einem richtig kreativen Umfeld.

Mit „Ultravox“ waren Sie Pioniere der elektronischen Popmusik zu einer Zeit, als Synthesizer schwer zu beschaffen waren – und viel limitierter, verglichen mit heutigen Instrumenten. Wenn Sie damals die Technologie von heute gehabt hätten – hätten Ihre Lieder mit „Visage“ oder „Ultravox“ wohl anders geklungen?

URE: Ich denke, es wäre wesentlich einfacher gewesen. Aber ob es auch besser gewesen wäre? Da habe ich meine Zweifel. Wir haben die ganze Zeit versucht, die technologischen Grenzen zu erweitern. Aber wahrscheinlich war es genau dieses zähe Ringen, das dem kreativen Prozess so gut tat.

Zusammen mit Bob Geldof schrieben Sie „Do They Know it’s Christmas Time at all?“. Das dürfte einer der erfolgreichsten modernen Weihnachtslieder sein. Hatten Sie damals eine Ahnung, wie einflussreich dieses Lied werden würde?

URE: Natürlich nicht. Es war ein Song, der seinen Zweck erfüllt – Aufmerksamkeit zu erzeugen und Geld einzubringen. Es ist ganz sicher nicht das beste Lied, das ich je geschrieben habe. Aber es ist das einzige, das im Geschichtsunterricht an Schulen gelehrt wird.

Wenn Sie es heute im Radio hören, wie reagieren Sie darauf?

URE: Ich freue mich, dass es immer noch Geld für Afrika in die Kassen spült.

Dieses Lied war die Initialzündung für weltweite Kampagnen und Konzerte mit dem Ziel, die politischen Führer dazu zu bringen, den Welthunger zu bekämpfen. Hätten Sie im Rückblick Dinge anders angegangen?

URE: Eigentlich nicht, nein. Die Sache hat unsere wildesten Träume überstiegen. Ich wünsche mir bloß, wir lebten, ob damals oder heute, in einer Welt, in der so eine Aktion gar nicht nötig wäre.

Ihrer Stimme scheint die Zeit nichts anhaben zu können: Sie klingt kraftvoll wie eh und je. Was ist Ihr Geheimnis: Gute Gene oder tägliche Stimmübungen?

URE: Die Gene – und jahrelanger Missbrauch! (lacht)

Was darf das Publikum im Dreieicher Bürgerhaus vom Konzert mit Ihrer Band Electronica erwarten?

URE: Diese Show ist sehr geprägt durch Synthesizer und Gitarren, mit einer Kombination aus Klassiker-Hits meiner Solokarriere, Ultravox-Stücken und ein bisschen was aus der Visage-Zeit. Hoffentlich werden wir alle eine tolle Zeit haben!

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