1. Startseite
  2. Region
  3. Kreis Offenbach
  4. Dreieich

Jugendliche lernen die Klippen des Alters kennen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Nicole Jost

Kommentare

Yasmina entfährt ein lautes Stöhnen. Die 16-Jährige bückt sich behäbig nach einem Stück Papier auf dem Boden. Langsam richtet sie sich wieder auf und blickt lächelnd in die Runde von Jugendlichen

Yasmina entfährt ein lautes Stöhnen. Die 16-Jährige bückt sich behäbig nach einem Stück Papier auf dem Boden. Langsam richtet sie sich wieder auf und blickt lächelnd in die Runde von Jugendlichen und Senioren im Bürgertreff Götzenhain. Nicht ganz leicht der Alltag im Alter – das beweist auch die anschließende Unterhaltung, bei der das Mädchen immer wieder nachfragen muss, was ihr Gegenüber gesagt hat.

Sechs Jugendliche der Heinrich-Heine-Schule sind mit ihrem Wahlpflicht-Kurs „Service Learning“ zu Gast bei der städtischen Seniorenberatung und den Götzenhainer Senioren. Mit Hilfe eines Alterssimulationsanzugs, der den Körper mit Gewicht und Umfang steif macht und die Teenager beim Testen in eine gebückte Haltung zwingt, versuchen sich die Schüler in das Körpergefühl der Senioren einzufinden. Dazu vermindern Kopfhörer das Hörvermögen und eine spezielle Brille die Sehkraft.

Im geschützten Raum des Bürgertreffs ist das nur ein bisschen beschwerlich. Draußen, im Straßenverkehr, bemerkt Yasminas Klassenkameradin Acelya dann, dass sich so eingeschränkte Menschen im Alter unsicher fühlen können. Besorgt fasst sie beim Herablaufen der Treppe an Yasminas Schulter, packt sie an der Straße am Arm, weil es ihr zu gefährlich erscheint, diese ohne Hilfe zu queren.

„Jeder will alt werden, aber keiner möchte die Einschränkungen erfahren, die das Alter nicht immer, aber in der Regel mit sich bringt“, sagt Gabriele Buchwald von der Seniorenberatung. Sie freut sich über das Interesse der Jugendlichen und die gute Zusammenarbeit mit der Schule. Das Projekt soll Verständnis und Kommunikation zwischen den Generationen fördern.

Die Jugendlichen werden mit dem Simulationsanzug für die Beschwerlichkeiten des Alters sensibilisiert und merken, dass es einschränkt. „Vielleicht hindert das viele ältere Menschen auch daran rauszugehen, weil es nicht mehr leicht ist, alleine durch die Straßen zu laufen“, bemerkt Acelya, dass Alter auch zu sozialer Isolation führen kann.

In einem Gespräch wollen die Jugendlichen dann von den Senioren wissen, was die Vor- und Nachteile des Alterns sind. Peter Hörr erzählt von seinen Erfahrungen mit einem Schlaganfall: „Es ist ja nicht immer so, dass man langsam altert und sich daran gewöhnen kann. Bei mir war es so, dass ich von einem Tag auf den anderen alt geworden bin. Als ich dann nach einem dreiviertel Jahr aus der Reha zurückkam, war es ein Erfolg, wenn ich einen Stecker in die Steckdose bekam.“ Christiane Jaeger berichtet, dass sie keinen alpinen Skilauf mehr betreibe, aus Angst, sich die Knochen zu brechen. Peter Stahl ärgert sich, dass er seine Zeiten beim 5000-Meter-Lauf einfach nicht mehr erreiche.

Aber das Alter bringe auch viele Vorteile: „Ich kann alles und muss nichts mehr“, sagt Christiane Jaeger, „keiner schreibt mir mehr vor, wann ich was zu machen habe.“ Barbara Angermann ergänzt: „Ja, das ist ein Vorteil, aber ich nehme mir jeden Tag vor, aktiv zu sein, um damit beweglich zu bleiben. Die Zeit zur freien Verfügung und die Enkelkinder sind wirklich ein Gewinn im Alter.“

Die Jugendlichen waren beeindruckt von dem offenen Gespräch, den ehrlichen Antworten. „So schlimm ist es also gar nicht, alt zu werden“, sagt Talib. Nach dem Erlebnis mit dem Alterssimulationsanzug sind sich die Jugendlichen aber einig: Sie wollen künftig nicht mehr ungeduldig sein, wenn ein Senior nicht gleich versteht, was sie sagen oder wenn es an der Kasse am Supermarkt mal länger dauert, bis das Geld herausgekramt ist.

Auch interessant

Kommentare