Schlussakkord

Konstantin Wecker lässt die Burgfestspiele mit einem furiosen Finale ausklingen

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Dieser Schlussakkord hallt noch lange nach: Der streitbare Liedermacher bezaubert sein Publikum auf der Burg Hayn an gleich zwei Konzertabenden am Wochenende – und ist dabei als Künstler zwischen Zorn und Zärtlichkeit überzeugender denn je.

Mit einem Erdbeben beginnen – und dann langsam steigern: Was Filmproduzent Samuel Goldwyn einst als Erfolgsrezept für den Kinofilm definierte, setzte Konstantin Wecker konsequent bei seinem Konzert am Samstagabend auf der Burg in Dreieichenhain um. Stieg er doch – für viele überraschend – mit seinem „Willy“ ein; jenem Lied gewordenen Wutschrei über den Tod eines von Rechtsradikalen erschlagenen Freundes, der ihm 1977 den künstlerischen Durchbruch und der linken Protestbewegung eine nachhaltige Hymne bescherte.

Schon an diesem Stück zeigt sich das Selbstverständnis des singenden Anarchisten Konstantin Wecker: Statt sich im Glanze vergangener Erfolge behaglich einzurichten, bleibt er in Bewegung. So singt er den „Willy“ in der mittlerweile achten Neufassung, in der sogar eine Zeile über das vor wenigen Wochen nach langer Odyssee in Valencia geankerte Flüchtlingsrettungsschiff „Aquarius“ Eingang findet. Nötig ist die neuerliche Aktualisierung nach den Worten des Künstlers, weil Hassparolen hoffähig geworden und rechtes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft angekommen seien.

Fast nahtlos geht der Klassiker über in Weckers jüngstes Werk, „Den Parolen keine Chance“, mit Beethoven-Zitat und der programmatischen Aufforderung: „Lasst uns jetzt zusammen stehen, es bleibt nicht mehr so viel Zeit, lasst uns lieben und besiegen wir den Hass durch Zärtlichkeit.“

Wunderbar in sich ruhend wirkt der 71-jährige Münchener mit Wohnsitz in der Toskana, wo ihm zwei Maulbeerbäume seit vielen Jahren verlässlich Texte und Melodien für seine Lieder zuflüstern, wie er dem Publikum augenzwinkernd anvertraut. Die grauen Haare sind raspelkurz, grüne Augen blicken warm und wach hinter der schwarzgefassten Brille hervor.

Als Mitstreiter flankieren Cellistin Fany Kammerlander und Pianist Jo Barnikel den Liedermacher – und bereichern seine Stücke mit intimer kammermusikalischer Zurückgenommenheit. Die ist wohltuend, denn so ein Wecker-Stück braucht keine geschmacksverstärkenden Zutaten. Es reichen der grandios gereifte Heldentenor, der zwischen Flüstern und Schmettern immer noch alles kann, sowie Weckers nuancenreiches Klavierspiel: Wahlweise schüttelt er kantige Jazz-Akzente, klassische Arpeggien oder swingende Boogie-Woogie-Akkorde aus den Tasten. Nach der Pause holte er den talentierten Label-Kollegen Roger Stein auf die Bühne, der mit der Ballade „Glück“ neugierig auf mehr machte.

Immer schon wandelte Wecker zwischen den Polen des zornigen politischen Protestes und der zärtlichen, innigen Poesie. Doch erst jetzt, im fortgeschrittenen Alter, nach überstandenen Lebenskrisen geläutert und befreit von dem, was sein Vater einmal als „mein saudummes Rollenspiel als Möchtegernmacho“ kritisierte, vereint er überzeugend die Gegensätze und söhnt sie miteinander aus.

Apropos: Wie er seinem Vater huldigt, einem grundgütigen Pazifisten und trotz großem Talent als Opernsänger unbekannt geblieben Mann, gehört zu den berührendsten Momenten des Abends, der eine eigenwillige Kombination aus Poesie, Liedgut und Lesung ist. Das fordert die Zuschauer, bindet sie aber auch in besonderer Weise an den charismatischen Künstler mit den radikalpazifistischen Botschaften, der in „Ich habe einen Traum“ eine grenzenlose Welt beschwört. „Mein Publikum und ich“, hat Wecker einmal in einem Interview gesagt, „wir sind sicher nicht immer einer Meinung, aber wir haben dieselbe Sehnsucht.“

Spürbar wird dieses innige Band besonders beim hochemotionalen Finale: Wecker läuft den Mittelgang unterm Festzelt hoch, stimmt sein „Questa Nuova Realta“ an, schüttelt Hände, umarmt Menschen und animiert zum Nachmachen: „Drückt Euch doch einfach mal – das geht nicht nur bei Kirchentagen, sondern auch in Wecker-Konzerten.“ Was für eine Nacht.

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