Der liebe Gott muss sich noch gedulden

Hedwig Siebert hat in ihrem Leben eine ganze Menge erlebt. Es waren schwere und schöne Zeiten dabei. Heute wird sie stolze 100 Jahre alt.

Die Erinnerungen an ein langes Leben mit den Bildern der Familie vor ihrem geistigen Auge werden zum Wechselbad der Gefühle. Ihr kommen Tränen, als sie an ihren gestorbenen Mann Karl denkt: „Er war der Beste.“ Aber ihr verschmitztes Lächeln taucht wieder auf, wenn sie nach ihren Wünschen gefragt wird. „Ein bisschen will ich noch bleiben und sehen, was auf der Welt passiert.“ Hedwig Siebert feiert am heutigen Samstag im Kursana Domizil in Dreieich ihren 100. Geburtstag.

Starker Humor

„Der liebe Gott will mich noch nicht“, sagt die Sprendlingerin. Und sie will noch nicht zu ihm. „Ich möchte noch bleiben und die Leute ein bisschen ärgern“, meint sie mit einem Augenzwinkern. Die Beine sind schwach, der Rollator gibt beim Gehen Sicherheit, das Gehör hat nachgelassen, doch ihr Humor ist stark wie ehedem. Immer wieder lacht Hedwig Siebert, selbst wenn sie an die schweren Zeiten in Niederbayern denkt.

Wie es Anfang der 1930er Jahre so war, mussten die Mädchen in „Anstellung gehen“. Auf einem Bauernhof gab es viel zu tun für die junge Hedwig. Manchmal sind die Gäule mit ihr durchgegangen, aber im Wortsinn. „Ich musste mit einem Pferdewagen die Milch ausfahren.“ Die Gäule hätten aber trotz Zügel manchmal gemacht, was sie wollten.

Die Jahre mit der Arbeit auf dem Hof waren hart. Sie habe überall mit anpacken müssen und sich keine Blöße geben wollen. „Das schaffst du“, sagte sie sich. Später in Kassel gab es eine Zeit voller Entbehrung. Der Zweite Weltkrieg brachte für Hedwig Siebert Angst, Bomben und Vertreibung. Sie musste zur Verwandtschaft ins Fichtelgebirge flüchten.

Mit der BMW unterwegs

Die Arbeit sei damals mehr Schufterei gewesen, meint die 100-Jährige. Sie habe eine Zeit lang in einer Fabrik bei der VDO gearbeitet – Akkordarbeit. „Aber ich hab es immer wieder hingekriegt“, sagt Hedwig Siebert stolz. Sie strahlt Gelassenheit aus, so als könne sie in einem langen Leben, in dem so viel passiert ist, nichts mehr erschüttern.

Immer wieder kommen die Worte „der Karl“ über ihre Lippen. Gemeinsam haben Hedwig und Karl Siebert eine Tochter. Sie wohnt wie ihre Mutter im Kursana Domizil, wo sich beide wohlfühlen und viel Zeit miteinander verbringen.

„Der Karl“ habe ihr damals den Hof gemacht. „Er hat für mich geschwärmt.“ Einmal habe er ihr eine tolle Lederjacke gekauft. „Die war fürs Motorrad. Wir sind mit der 500er BMW nach Hamburg gefahren.“ In den Dörfern, in denen sie Rast gemacht hatten, kamen viele Kinder auf sie zu gerannt, um die Maschine zu bestaunen.

(fnp)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare