Interview

Musikkabarettist Willy Astor: „Albernheit verhindert den Ernst der Lage“

Er gilt als einer der begnadetsten Wortverdreher im deutschsprachigen Kabarett – und kann doch mehr als nur witzig sein. Der Münchener Willy Astor hat mit Michael Forst über das Warten auf den magischen Moment, den wertvollen Blick in den Spiegel und seinen Flirt mit dem hessischen Dialekt gesprochen.

Herr Astor, der Deutsche liebt die Ordnung und die Einordnung. Bei Ihnen fällt das schwer: Sie wirbeln mit Worten und schreiben Lieder, aber weder „Comedian“ noch „Liedermacher“ beschreibt Sie wirklich. Welche Bezeichnung würden Sie sich selber geben?

WILLY ASTOR: Ich liebe auch die Ordnung, kann sie aber zuweilen wirklich schlecht einhalten. Ich glaube, ich bin eher der Typ für das kreative Chaos. Daher nenne ich mich, wenn überhaupt: Unfugunternehmer, Komponist, Podestsänger und Liederniederschreiber.

Sie haben sich über die Jahre einen immer größeren Bekanntheitsgrad erspielt. Ist Ihr Humor dennoch zu subtil, um das Berliner Olympiastadion zu füllen, wie es einem Haudrauf-Comedian à la Mario Barth gelingt?

ASTOR: Das kann ich Ihnen wirklich nicht genau sagen, aber ich würde mich freuen, wenn mein Publikum meinen Humor als intelligent komisch bezeichnet. Ich glaube, dass ich schon auch ein Künstler bin, der familientauglich ist, aber natürlich ist meine Kost nicht ganz so leicht konsumierbar wie die mancher TV-Comedians.

Ihre Fantasie kann sich an einem so banalen, blutleeren Bürokraten-Gegenstand wie einem Hängeregister entzünden. Sie machten daraus ein Lied über das „Hänge-Reh“ Gista, mit wunderbar animiertem Video, das kopfüber an einer Palme hängt und in einen Pudel verliebt ist. Ist das nur Ulk? Oder ist das ein poetisches Prinzip: Die Welt zu verzaubern, weil sie bunter besser auszuhalten ist? Oder ohne Fantasie nicht zu ertragen ist?

ASTOR: Wissen Sie, ich glaube ganz ehrlich, dass Sie meine Kunst besser verstehen als so manche Kritiker – mein Credo ist: Albernheit verhindert den Ernst der Lage. Ich möchte die Leute aus ihrem gewohnten Alltag herausreißen, sie überraschen – und wenn es mit einem kleinen Lied über ein Hängeregister ist.

Beim „Hänge-Reh“ wenden Sie Ihren Stil an, Wörter aus der Alltagssprache in anderen Sinn-Zusammenhängen neu zu montieren. Ist das etwas, was Kinder verstehen – oder hat das sogar bei Kindern seinen Ursprung? Die Burg aus Legosteinen auseinandernehmen und etwas Neues draus bauen?

ASTOR: Es ist nicht so entscheidend, ob Kinder manches Wortspiel verstehen – in Kinderliedern geht es oft auch nicht um Verstand, sondern um Empathie und Emotion. Ich habe versucht, eine Brücke zwischen jung gebliebenen Erwachsenen und Kindern zu schlagen, mit der Absicht beide Teile gleichermaßen gut zu unterhalten.

In ihrem Lied „Einfach sein“ haben Sie ein paar wunderbare Lebensratschläge formuliert: „Leg deine Maske in einen Fluss, gib einer wildfremden Oma n’ Kuss. Lache mal laut in den Spiegel hinein, beschließ einfach glücklich zu sein.“ Wie lassen sich Gebote wie Selbstgenügsamkeit, Ehrlichkeit und Menschenliebe im Haifischbecken des Showbusiness beherzigen, in dem Sie selber mitschwimmen?

ASTOR: Ich denke, der tägliche Blick in den Spiegel sollte darauf die Antwort sein. Und wenn ich ehrlich bin, gibt es auch bei mir natürlich hier und dort durchaus noch Entwicklungspotenzial. Mein Lied „Einfach sein“ ist tatsächlich für mich persönlich auch ein guter Grad-Messer. Eines aber kann ich bestimmt nicht sein: eine moralische Instanz sowie Dieter Hildebrand es für mich war und Gerhard Polt für mich ist. Als Familienvater versuche ich natürlich ein gutes Beispiel zu sein, und natürlich auch für meine jungen Fans.

Ihr Instrument war ursprünglich das Akkordeon, bis Sie als Jugendlicher merkten, dass Ihre Gitarre spielenden Kumpels am Isarufer mit ihren Gitarren die Mädchen anlockten, während Sie und Ihre Quetsche nur Rentner aus dem Schrebergarten zum Publikum hatten. Welche Rolle hat die Gitarre denn beim Becircen Ihrer heutigen Frau gespielt?

ASTOR: Das müssen Sie sie vielleicht selber fragen. Aber ich glaube schon, dass ein Musiker, der ein Instrument gut spielen kann, bessere Chancen in der Frauenwelt besitzt, als ein Lohnbuchhalter, der sich nach der Arbeit um seine Münzsammlung kümmert.

Und was tun Sie, um Ihre Muse anzulocken? Gehen Sie in Klausur, um auf Einfälle zu kommen?

ASTOR: Ja, ich gehe in Klausur. Dafür fahre ich auch sehr gerne weg – ich war jetzt für eine Woche in Kroatien und in Andalusien zum Schreiben. In Wahrheit hoffe ich immer auf den magischen Moment. Dafür muss man allerdings erst einmal ein paar Ideen haben.

Mit Ihren Wortverdrehungen und Ihrer Schüchternheit auf der Bühne erinnern Sie an einen urbaneren, moderneren Fredl Fesl. War er ein Vorbild? Wer sind Ihre Vorbilder?

ASTOR: Freilich war Fredl Fesl ein Vorbild, aber nicht nur für mich – sondern für unzählige bayerische Liedermacher! Hintersinnige Lieder zu schreiben, darin war er ja der absolute Meister und ist bis heute unerreicht! Ich bin sehr stolz ein Kollege von ihm zu sein, weil er auch ein unglaublich netter Mensch ist. Persönlich pflege ich viele Kontakte in die Szene, suche mir aber keine Vorbilder aus, sondern orientiere mich an netten Menschen, wie zum Beispiel Piet Klocke, Badesalz, Rolf Miller und wie schon erwähnt Gerhard Polt.

Die Sprache ist Ihr Werkstoff, das Bayerische Ihr Idiom. Aber Sie flirten auch gerne mal mit anderen Dialekten wie in ihrer schwäbischen Hymne „Wart amol gschwind“. Wie gut können Sie sich mit dem Hessischen anfreunden?

ASTOR: Ich kann mich mit jedem Dialekt anfreunden. Ich spreche halt nur manche nicht so gut wie Schwäbisch zum Beispiel. Aber mein Hessisch sorgt immer wieder für hammermäßische Heiterkeitserfolge.

Sie werden am 27. Juli bei den Burgfestspielen Dreieichenhain zu sehen sein, in einer mittelalterlichen Umgebung mit besonderem Flair. Wie wichtig ist Ihnen diese Atmosphäre für Ihre Leistung auf der Bühne?

ASTOR: Das wichtigste ist ein Publikum, das zu mir kommt und sich an meiner Sprachspielerei erfreut und an meiner Musik. Eine schöne Umgebung inklusive gutem Wetter tut natürlich sein übriges, ist aber wirklich überhaupt keine Bedingung für ein gelungenes Konzert! In den schäbigsten Bühnen lässt sich mit einem offenen Publikum auch ein unvergesslicher Abend erzeugen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare