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Die Polizei sperrte das Gelände ab.

Schlafender Syrer verletzt

Schüsse auf Flüchtlingsheim - "Jetzt ist es plötzlich hier"

Ein 23 Jahre alter Asylbewerber im Haus wurde am Bein getroffen und leicht verletzt. Der Syrer sei im Schlaf überrascht worden, sagt Almrashli. 14 Syrer und ein Afghane leben in dem Anbau eines dreistöckigen Hauses in einem Gewerbegebiet. In dem Haus selbst sind vier Flüchtlingsfamilien untergebracht. Von dem Täter fehlt zunächst jede Spur. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt spricht von einem "gezielten Angriff".

Als die Schüsse am frühen Morgen auf die Flüchtlingsunterkunft im südhessischen Dreieich abgefeuert werden, ist der Syrer Haitham Almrashli noch wach. Er habe eine vermummte Gestalt gesehen, die eine Handfeuerwaffe zog und sechs oder sieben Schüsse auf das Nachbarzimmer abgegeben habe, berichtet der 27-Jährige mit Hilfe eines Dolmetschers.

Ein 23 Jahre alter Asylbewerber im Haus wurde am Bein getroffen und leicht verletzt. Der Syrer sei im Schlaf überrascht worden, sagt Almrashli. 14 Syrer und ein Afghane leben in dem Anbau eines dreistöckigen Hauses in einem Gewerbegebiet. In dem Haus selbst sind vier Flüchtlingsfamilien untergebracht. Von dem Täter fehlt zunächst jede Spur. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt spricht von einem "gezielten Angriff".

Die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Hessen im vergangenen Jahr steht noch nicht fest. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat 887 Straftaten gegen Asylbewerberunterkünfte in ganz Deutschland registriert - von der Schmiererei bis zur Brandstiftung. Darunter waren 150 Gewalttaten, wie eine BKA-Sprecherin sagt. 792 Straftaten seien dem rechten Spektrum zuzuordnen. Die Zahlen sind aber noch vorläufig und liegen nicht nach Bundesländern vor.

In Hessen besonders in Erinnerung: Die Schüsse mit einer Druckluftwaffe auf ein Fenster in einer Container-Unterkunft in Hofheim (Main-Taunus-Kreis) im vergangenen April. Dabei wurde keiner der 53 Flüchtlinge verletzt. Mehrere geplante Unterkünfte waren ebenfalls Ziel von Angriffen: In Fuldatal bei Kassel beschädigten Unbekannte im November einen Gastank, in Walluf bei Wiesbaden setzten sie im selben Monat ein Haus unter Wasser, das zur Flüchtlingsunterkunft umgebaut werden sollte. Im mittelhessischen Mengerskirchen wurden bereits im Juli Schweinköpfe und -schwänze neben Schmierereien vor einer geplanten Unterkunft gefunden.

"Es war krachend laut", beschreibt Almrashli die Schüsse, die am Montag um kurz vor 2.30 Uhr im Stadtteil Dreieichenhain fielen. "Die Angst steckt uns noch in den Knochen." Seine beiden Mitbewohner und er hätten sich erstmal auf den Boden geworfen. "Wir haben Angst und Furcht und wissen nicht, was uns die Zukunft bringt, wenn wir als Flüchtlinge keine Sicherheit haben", beschreibt der Mann aus Damaskus die Stimmung in der Unterkunft wenige Stunden nach der Tat. "Dass jemand gegen uns aggressiv wird, haben wir hier noch nicht erlebt."

Über ein Motiv spekuliert er nicht: Er setze die Hoffnung in die Arbeit der Polizei und wünsche sich, dass der Täter gefasst werde und eine gerechte Strafe bekomme. "Eigentlich habe ich keine Angst. Wir halten uns in Deutschland auf, das Menschenrechte und den Schutz der Bevölkerung sehr ernst nimmt. Ich fühle mich eigentlich sicher hier."

Die Menschen, die am Montag nur wenige Meter neben der Flüchtlingsunterkunft einkaufen oder in dem Gewerbegebiet arbeiten, können es zunächst nicht glauben. Viele wussten gar nicht, dass in dem eingezäunten, weißen Gebäudekomplex an der Bahnlinie Flüchtlinge leben. "Das ist eine Sauerei. Das sind Verbrecher", sagt ein Rentner, der mit seiner Frau in einem der Großmärkte einkauft, seinen Namen aber nicht nennen will.

"Eigentlich denkt man, in einem so kleinen Ort wie Dreieichenhain kann so was nicht passieren", sagt Karin Knorz, die nicht weit vom Tatort wohnt und mit ihrem Enkel Jonathan zum Einkaufen gekommen ist. "Wir haben heute Morgen das Radio angemacht und waren alle erschrocken." Dabei sei die Stimmung im Stadtteil eigentlich gut: "Jeder ist offen für Flüchtlinge, und sie werden auch integriert." Gut 8000 Menschen leben in dem Stadtteil von Dreieich, das mit insgesamt etwa 40 000 Menschen die zweitgrößte Stadt im Kreis Offenbach ist.

Ein Beschäftigter der Pharma-Firma Biotest unweit des Tatorts ist ebenfalls überrascht: "Hier sind alle Ethnien vertreten. Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit habe ich noch nicht erlebt", erzählt der 30-Jährige, der seinen Namen nicht nennen will, in einer Zigarettenpause.

Ein 68-Jähriger ist auch erschrocken: "Ich hätte gedacht, in Dreieichenhain gibt es sowas nicht", sagt der Rentner, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Allerdings hätten dies viele Menschen auch in anderen Bundesländern gedacht, bevor es dort Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte gegeben habe. "Jetzt ist es plötzlich hier, und dann wird man aufgeweckt." Und: "Es gibt wohl auch in jedem Ort irgendwelche auffälligen Menschen, von denen man denkt, die könnten der rechten Kategorie angehören."

Heinrich Neubecker, der mit seiner Frau Lebensmittel kauft, hat nie etwas Negatives über die Unterkunft in seinem Stadtteil gehört. "Weder gab es Antipathien, noch hat man von den Asylbewerbern was Negatives gehört. Die leben hier wie alle."  (dpa)

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