Versuchter Diebstahl?

Unbekannte beschädigen Sühnekreuz in Dreieich

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War es versuchter Diebstahl oder ein Unfall? Unbekannte haben das Sühnekreuz in Offenthal demoliert. Schon öfter wurden die Steine gestohlen – und sind bis heute nicht wieder aufgetaucht.

Ein Eintrag im Mängelmelder ließ Karl Markloff, Ressortleiter Infrastruktur und Umwelt bei der Stadt Dreieich, gleich reagieren. Ein aufmerksamer Spaziergänger machte die Stadtverwaltung über das Online-Portal darauf aufmerksam, dass sich das historische Sühnekreuz in Offenthal, an der Einmündung der Philippseicher Straße in die B 486, bewegen lässt und schief steht. Er vermutete, dass das Kreuz möglicherweise gestohlen werden sollte.

Die Mitarbeiter von der Stadt und auch Stein-Fachmann Wilhelm Ott, Vorsitzender der Freunde Sprendlingens, sahen sich das beschädigte Kreuz an. Die Überprüfung ergab, dass das Kreuz unten am Schaft abgebrochen war und nur locker auf dem Stumpf stand. Schleifspuren am Kreuzschaft deuteten darauf hin, dass das Steinkreuz mit Gewalt umgestoßen und dann provisorisch wieder aufgestellt wurde. Der Dienstleistungsbetrieb sicherte das Kreuz und brachte es zum Steinmetzbetrieb Burkard, der das abgebrochene Sühnekreuz wieder fachmännisch am Stumpf befestigen wird. „Möglicherweise war es ein Diebstahlversuch“, vermutet Wilhelm Ott, „viele Leute mögen die Kreuze und hätten gerne eines zur Dekoration im heimischen Garten.“ Der Vorsitzende der Freunde Sprendlingens, der in Absprache mit der Stadt die Restaurierungsarbeiten koordiniert, ist bestürzt über den Vorfall.

„Das Kreuz stand eigentlich recht geschützt an einem Wirtschaftsweg direkt vor einem Zaun. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass dies versehentlich passiert ist. Spuren am Betonfundament lassen den Schluss zu, dass hier jemand nachgeholfen hat.“ Es könne aber auch sein, dass ein Autofahrer das Denkmal gerammt habe. Die Untere Denkmalschutzbehörde ist von diesem Vorfall unterrichtet. Die Mitarbeiterinnen sind ebenfalls betroffen, dass das denkmalgeschützte mittelalterliche Rechtsmal auf diese Weise beschädigt wurde. Sie sind froh, dass das Kreuz nicht gestohlen worden ist, sondern bald wieder auf seinem Platz stehen wird.

Denn das Steinkreuz hat eine Geschichte: An diesem Platz, dem Schnittpunkt zweier alter Verkehrswege, befand sich ein weiteres, allerdings abgebrochenes Sandsteinkreuz. Es wurde 1959 gestohlen und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. „Das jetzt abgebrochene Sühnekreuz wurde 1979 bei Straßenarbeiten ausgegraben und zur Seite gelegt. Zwei Tage später war es verschwunden. Nach einem großen Presseaufruf wurde es heimlich zurückgebracht und am jetzigen Standort einbetoniert“, so Ott.

In der Gemarkung Offenthal gibt es am Langener Weg noch zwei frei stehende Sühnekreuze, drei sind im Offenthaler Kirchturm eingemauert. Ein weiteres Kreuz sieht am Hainer Weg in Götzenhain. Im Dreieich-Museum sind drei Sühnekreuze ausgestellt. Zu einem gibt es eine weitere skurrile Diebstahlgeschichte: Es war 1956 gestohlen und 2007 von der Tochter des „Diebes“ nach dessen Tod wieder ans Dreieich-Museum zurückgegeben worden.

Die Geschichte zu den Kreuzen ist eine etwas gruselige: Solche inschriftlosen steinernen Sühnekreuze wurden etwa zwischen 1200 und 1600 aufgestellt. Nach einem Totschlag wurde in einer Verhandlung zwischen der Obrigkeit, dem Täter und seiner Familie sowie der Familie des Opfers ein Vertrag ausgehandelt, der eine ganze Reihe von Bußen enthielt. Unter anderem sollte am Ort des Geschehens vom Täter oder der Täterfamilie ein steinernes Kreuz aufgestellt werden, um an die Tat zu erinnern. Hintergrund war letztlich, die damals übliche Blutrache zu verhindern. Welche Tat genau mit dem jetzt beschädigten Sühnekreuz zusammen hängt, lässt sich nicht mehr recherchieren. Die Tat ist zu lange her.

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