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1914 gab es bereits 74 Latscha-Filialen. Das Foto zeigt den Laden im Kleinen Biergrund in Offenbach ? mit ausschließlich männlichem Verkaufspersonal, wie damals üblich. In dem Buch gibt es weitere schöne Aufnahmen alter Geschäfte.

Lebensmittelkette Latscha

Kaufmann Jakob Latscha: Ein unruhiger Geist voller Ideen

Vielen Älteren dürfte die Lebensmittelkette Latscha noch ein Begriff sein, die bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts existierte. Weniger bekannt ist, dass die Gründung von Buchschlag eng mit diesem Namen verbunden ist. Eine Biografie des Frankfurter Kaufmanns und Sozialreformers Jakob Latscha (1849-1912) hat der Buchschlager Wolfgang Storm vorgelegt.

Wolfgang Storm war der Name Latscha seit seiner Kindheit in Frankfurt bekannt, als es um die Ecke einen Latscha-Laden gab. LLL stand bis in die 70er Jahre für „Latscha liefert Lebensmittel“. Zudem gab es den Spruch „Die Lieblingsfrau des Maharadschas kauft ihr’n Handkäs’ nur bei Latscha“. Nach seinem Umzug nach Buchschlag erfuhr Storm, dass dem Firmengründer Jakob Latscha die Villenkolonie zu verdanken ist. Zudem war er mit dem Urenkel Peter Latscha als Partner in einer Frankfurter Anwaltskanzlei tätig.

Doch erst später begann sich Storm näher mit der außergewöhnlichen Persönlichkeit zu beschäftigen. Nun hat er das Buch „Jakob Latscha Kaufmann und Sozialreformer“ herausgegeben. Denn Jakob Latscha verband vieles. Er war erfolgreicher Kaufmann, der mit wenig Kapital den ersten Laden eröffnete, aus dem sich noch zu seinen Lebzeiten eine prosperierende Lebensmittelkette entwickelte. Doch der Unternehmergeist und die kaufmännische Begabung waren nur die eine Seite. Die christliche Einstellung zum Nächsten sollte sein Leben prägen und ihn zum Sozialreformer werden lassen. Der gläubige Mennonit, eine protestantische Freikirche, kümmerte sich um junge Männer, die ihre Familien auf dem Land zurücklassen mussten, um in der Stadt ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Er trat für eine gerechte Verteilung von Grund und Boden ein. Angesichts der rasanten Bevölkerungsentwicklung Ende des 19. Jahrhunderts wollte er für Leute Häuser bauen, die sich diese eigentlich nicht leisten konnten. So entstand Buchschlag, allerdings anders, als von ihm beabsichtigt. Später gründete er die Landhauskolonie Waldheim bei Offenbach, starb jedoch bald. Beide Vorhaben nahmen einen großen Teil seiner Arbeitskraft und finanziellen Mittel in Anspruch.

Christliche Sozialpolitik

Storm nimmt die Leser seines Buches mit auf eine Reise zu den verschiedenen Lebensstationen Latschas. Er zeichnet das Bild eines unternehmungslustigen und wagemutigen Kaufmanns, der – vor allem in späteren Jahren – auch immer ein unruhiger Geist war und voller Ideen und Pläne steckte. „Er war ein Visionär, aber auch ein Illusionär“, sagt Storm. Ausgehend von der Mennonitenfamilie, in die Latscha 1849 in Bad Dürkheim in der Pfalz geboren wurde, ging es nach Essen, wo Latscha nach seiner Lehrzeit in der Krupp’schen Konsumanstalt arbeitete, bevor der Kaufmann in Frankfurt den Grundstein für die Lebensmittelkette legte. Der Vater von fünf Kindern wurde daneben zum Vorkämpfer christlicher Sozialpolitik und beschäftigte sich mit der Bodenreform.

Jakob Latscha (1849-1912) war Kaufmann und Sozialreformer.

Breiten Raum in dem Buch nimmt die Gründung und Entwicklung von Buchschlag ein. 1868 kaufte Latscha dort in der Gemarkung Mitteldick eine Reihe von Grundstücken. Dort wollte der Naturfreund für arme Familien angemessene und bezahlbare Wohnungen schaffen. Die Häuser sollten all das bieten, was die nahe Großstadt vermissen ließ. Dort wollte er beweisen, dass man mit einer gesunden, ländlichen Siedlung auf solider finanzieller Basis ertragreiche Geschäfte machen kann. 1904 wurde der Gründungsvertrag für die Villenkolonie zwischen der Verwaltung des Großherzogtums Darmstadt und der Wohnungsgesellschaft Buchschlag geschlossen.

Schweres Erbe

Doch der Verkauf der Grundstücke entwickelte sich nicht so wie erhofft. Angesichts der Baukosten kamen Leute mit kleinen Einkommen nicht infrage. Stattdessen siedelte sich das gehobene Bürgertum an. Latscha musste erkennen, dass aus Buchschlag keine Landhaussiedlung nach seinen Vorstellungen werden konnte. Er verlor das Interesse, nicht zuletzt wegen der unerquicklichen Streitigkeiten der Bewohner untereinander. Sein Wunsch blieb aber, auch wenig begüterten Menschen ein Heim zu schaffen. Einen neuen Versuch startete er 1910 mit der Siedlung Waldheim bei Rumpenheim. Doch auch da taten sich Schwierigkeiten auf. Als Latscha am 5. Januar 1912 im Alter von 62 Jahren starb, waren außer einigen Bauplätzen nur wenige Häuser verkauft. Seinem Sohn Hans hinterließ er ein schweres Erbe. Und doch war Waldheim ein Beispiel dafür, dass trotz Schwierigkeiten die Ansiedlung abseits der großen Städte gelingen kann. Auch Buchschlag gehört zu dem, was nach dem Tod des wohltätigen Kaufmanns Bestand hatte. Obwohl die Entwicklung sich anders darstellte als von ihm erwünscht, wurde die Villenkolonie zu einer attraktiven Wohngegend. Latscha hatte auch Anteil daran, dass posthum wichtige Gedanken der Bodenreformbewegung in die Reichsverfassung der Weimarer Republik Eingang fanden. Von einem Scheitern kann also keine Rede sein.

Das informative Buch lebt auch von den Fotos. Hingucker sind alte Ansichten von Latscha-Läden oder aus den Anfangszeiten von Buchschlag. Die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall. Die Anregung, über Latscha zu schreiben, bekam Storm von dem Historiker Robert Brandt. Für Unterstützung sorgten unter anderem Historiker des Frankfurter Instituts für Stadtgeschichte sowie des Geschichtsvereins Buchschlag. Gefördert wurde die Schrift von den „Stadtteilhistorikern“ Frankfurt der Stiftung Polytechnische Gesellschaft.

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