+
Ihren Gästen serviert Ute Klein nicht nur Getränke, sondern schon mal Würstchen mit Nudelsalat. Morgen zapft sie die letzten Biere.

Nachtleben

Ende einer Ära nach 44 Jahren: Bar Comtesse von Wirtin Ute Klein hat morgen das letzte Mal geöffnet

  • schließen

Nach 44 Jahren schließt die Bar Comtesse zum Jahresende ihre Pforten. Ein schwerer Schritt für Gastronomin Ute Klein, die ihre Gäste auch schon mal mit Nudelsalat und Würstchen versorgt, damit sie eine Grundlage für die Partys bis morgens um 3 Uhr haben.

Um fünf vor zehn tauscht Ute Klein eine defekte Glühbirne an der Barbeleuchtung aus, wischt noch einmal über die Theke und zieht dann die Vorhänge vor der Eingangstür der Bar Comtesse auf. Nach 44 Jahren hat diese einen etwas verstaubten Charme: Samtgrüner Teppich mit goldenen Ornamenten bedeckt den Boden und die Wände. „Der Schüchterne“, eine Putte nach Michelangelo, ziert die Bar-Mitte. „Wir haben in all den Jahren nichts verändert. Nur immer mal renoviert“, erklärt Klein, die weiß, dass ihr Publikum genau diese plüschige Atmosphäre mag.

Es dauert nicht lange und die ersten Gäste kommen die kleine Treppe hinauf, treten grüßend und die Mütze vom Kopf ziehend ein. Die inzwischen 74-Jährige begrüßt alle namentlich und mit einem Lächeln auf den perfekt rot geschminkten Lippen. „Es gibt hier genau zwei Regeln: Das Handy bleibt in der Tasche, denn eine Bar ist dazu da, um sich zu unterhalten. Und der Respekt voreinander gebietet es, Mützen und Hüte abzunehmen“, sagt die Wirtin ein wenig streng.

Abschiedsschmerz

Nach einer guten halben Stunde sind alle Plätze an der Bar besetzt. Es herrscht Abschiedsschmerz in der Kneipe, wo es 44 Jahre lang immer noch einen Absacker gab, wenn jede andere in Sprendlingen geschlossen hatte: Denn am morgigen Samstag hat Ute Klein zum letzten Mal geöffnet. „Das Haus gehört mir, aber für das Grundstück hatte ich nur das Erbbaurecht und der Vertrag läuft jetzt zum Jahresende aus“, erklärt Klein. In den vergangenen Jahren hat sie die Öffnungszeiten immer weiter reduziert, öffnete nur noch freitags und samstags. „Vielleicht muss es so sein. Ich bin schon ein bisschen müde geworden und möchte nicht bis 80 hier stehen“, sagt sie.

Ihre Stammgäste können sich die Zukunft ohne Bar Comtesse kaum vorstellen: „Es gibt keine Alternative in Sprendlingen, wo wir so warmherzig begrüßt, so liebevoll versorgt werden, wie von Ute. Wir werden zu Hause bleiben müssen“, fürchtet ein Gast. „Hier konnten wir immer hinkommen, wenn alles andere zu hatte. Wir werden unsere Ute sehr vermissen“, sagt Peter Schmitz. Auch Gabi Thieme ist untröstlich: „Die Bar Comtesse ist mein Wohnzimmer, hier trifft man immer ein nettes Gesicht. Sprendlingen verliert eine Institution.“

Mit der Schließung der Bar Comtesse geht auch für die Wirtin eine Ära zu Ende. „Natürlich bin ich traurig. Ich mache das länger als die Hälfte meines Lebens, erlebte hier meine schönsten Stunden. Hier finden sich die unterschiedlichsten Menschen und sie sind alle so liebenswert“, schwärmt Ute Klein, während sie ein paar frische Pils zapft.

Überwiegend Stammgäste

Im Herbst 1974 eröffnet die gelernte Zahnarzthelferin das Schweizer Spezialitäten-Restaurant „Coupé“ in der Hauptstraße 5, zwei Jahre später dann die Bar Comtesse in unmittelbarer Nähe. Sie hat sieben Tage die Woche geöffnet, von 22 bis 3 Uhr morgens. „Das war noch eine Zeit, da gab es offiziell eine Sperrstunde in Sprendlingen und Ute war die Einzige, die länger als 1 Uhr öffnen durfte“, erzählt Kleins Lebenspartner Dr. Horst Niejahr.

Die Sprendlinger kommen gerne, schätzen Kleins freundliche Art. Einige wollen nach einem Theaterbesuch noch einen Sekt trinken, andere einfach noch nicht nach Hause. Ute Klein ist Gastronomin, Freundin und hat einfach ein offenes Ohr. Natürlich findet sich so manches Paar in der Comtesse und manches geht nach einem turbulenten Abend getrennte Wege.

Klein hört schöne Geschichten und schlimme Dramen – auch Lebensbeichten. Aber diese Anekdoten erzählt sie nicht, Diskretion gehört zum Geschäft. „An der Kerb wird hier bis morgens gefeiert. An Faschingsdienstag gibt’s ab 12 Uhr mittags Erbsensuppe. Ich habe die Jungs und Mädels hier ihr Abitur feiern sehen und sie ziehen dann nach Hamburg, München oder New York. Immer wieder kommen sie hierher. Einen Gast sehe ich sogar regelmäßig im Fernsehen“, verrät sie augenzwinkernd. „95 Prozent ist Stammpublikum“, schätzt die Wirtin, die morgens um 2 Uhr schon mal Würstchen heiß macht und Nudelsalat ausgibt. „Wenn die Leute trinken, brauchen sie ja eine Grundlage“, sagt sie.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare