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Mutter aus Dreieich droht die Obdachlosigkeit (Symbolbild)

Konkurrenz zu stark

Wohnungsnot in Rhein-Main: Mutter aus Dreieich droht die Obdachlosigkeit

Eine junge Mutter aus dem Kreis Offenbach sucht verzweifelt eine neue Wohnung. Doch die Konkurrenz ist so stark, dass die Familie droht auf der Straße zu landen.

Dreieich – Im Rhein-Main-Gebiet ist das Problem besonders ausgeprägt: Die Mieten schießen in die Höhe und der Markt ist so eng, dass sich Wohnungssuchende bei Besichtigungsterminen oftmals in langen Schlangen die Beine in den Bauch stehen, um ein bezahlbares Zuhause zu ergattern. Die Politik ruft nach sozialem Wohnungsbau, die Städte haben kein Geld und die Listen der Suchenden in den Rathäusern wachsen.

Mutter sucht 3-Zimmer-Wohnung für sich und ihre Kinder

Annika Zühl ist verzweifelt. Die 32-jährige Götzenhainerin ist auf der Suche nach einer Drei-Zimmer-Wohnung für sich und die zwei und elf Jahre alten Kinder. Ihr Vermieter hat ihr wegen Eigenbedarfs zum 31. Mai gekündigt. Seit Januar sucht die Mutter nach einer passenden Bleibe für ihre Familie in Dreieich. „Aussichtslos“, sagt die Altenpflegehelferin. Als alleinerziehende Mutter, die nach der Elternzeit in den nächsten Monaten wieder halbtags arbeiten geht, hat sie ein Anrecht auf Sozialhilfe mit Wohngeld. Der Kreis stockt das Gehalt auf, damit das Geld zum Leben reicht. Damit ist Annika Zühl bei der Wohnungssuche an strenge Regeln gebunden: Drei Zimmer dürfen bis zu 771 Euro Kaltmiete oder 900 Warmmiete kosten. „Das ist auf dem Dreieicher Wohnungsmarkt nahezu ausgeschlossen. Ich habe mich sehr bemüht, mir alles angeschaut, was irgendwie in Frage kam. Da stehen dann zehn Leute, von denen neun den Mietvertrag sofort unterschreiben können“, schildert die junge Frau. Sie aber braucht erst die Zusage von ihrem Sachbearbeiter im Kreishaus, bevor sie einen Mietvertrag unterschreiben darf.

Frau hat große Angst, obdachlos zu werden

Zühl war bei diversen Beratungsstellen, im Kreis beim zuständigen Mitarbeiter von Pro Arbeit, bei der Wohnraumversorgung und der Sozialberatung der Stadt Dreieich. „Sie alle zuckten mit den Achseln, ich bin auf der Liste für eine Sozialwohnung nicht unter den ersten hundert. Den einzigen Rat, den ich bekommen habe, ich möge doch die Zeit überbrücken und auf eine Räumungsklage warten und weitersuchen.“

Das mit der Räumungsklage will sie eigentlich nicht. „Ich mag meinen Vermieter, wir kommen gut miteinander aus. Er braucht die Wohnung für seine Tochter, weil ihr ebenfalls wegen Eigenbedarfs gekündigt wurde“, erzählt Zühl. Es fühle sich auch nicht gut an, an einem Ort zu leben, an dem man im Prinzip nicht mehr erwünscht sei.

Mit den zwei Kindern kann sie auch bei ihrer Familie nicht unterkommen. Der Kellerraum der Schwester sei zu dritt keine Lösung. Dreieich möchte sie insbesondere wegen der Kinder, die hier ihre Freunde und Familie haben, möglichst nicht verlassen. Zühl kämpft mit den Tränen: „Was soll ich denn machen? Wie es jetzt aussieht, stehe ich am 1. Juni mit meinen Koffern und meinen zwei Kindern auf der Straße. Ich weiß nicht, wohin mit meinen Möbeln und nicht wohin mit uns.“ Von den Ämtern fühlt sie sich behandelt wie eine lästige Nummer. Die junge Frau hat Angst davor, obdachlos zu werden.

Muss die kleine Familie in die Notunterkunft?

Bürgermeister Martin Burlon möchte Annika Zühl gerne helfen. Er bietet noch einmal Beratung an: „Diese deckt eine relativ große Bandbreite ab und reicht von der einfachen emotionalen Betreuung über die Teilnahme an Gesprächen mit den Vermietern bis zur Vermittlung einer (Sozial-)Wohnung, sofern eine solche verfügbar ist“, sagt der Rathauschef. Seine Mitarbeiter raten von Obdachlosigkeit bedrohten Dreieichern, für eine Übergangszeit eine Unterbringung bei Familie, Freunden oder Bekannten zu suchen. Wenn sich gar keine andere Lösung finde, könne die kleine Familie in der städtischen Obdachlosenunterkunft untergebracht werden. „Dies ist nur die letzte Lösung“, betont Burlon.

Annika Zühl ist in Dreieich kein Einzelfall. Im Durchschnitt werden zu angedrohten Räumungen rund 80 bis 100 Gespräche im Jahr geführt. Jährlich gibt es etwa 20 Räumungen. „Uns ist die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt sehr bewusst. Um hier zumindest ein bisschen gegenzusteuern und insbesondere das eigene Angebot auszuweiten, wurde die DreieichBau gegründet, die in diesem Jahr mit dem Bauvorhaben an der Hainer Chaussee beginnen wird, in dem ganz überwiegend geförderter Wohnraum entstehen wird. Weitere Projekte werden folgen“, berichtet Burlon. Die Stadt stelle sich „dieser schwierigen und auch kostenintensiven Aufgabe, um Fälle wie diesen hier beschriebenen möglichst zu vermeiden“. Für die junge Mutter und die beiden Kinder kommen die Wohnungen an der Hainer Chaussee zu spät – sie braucht jetzt ein neues Dach über dem Kopf.

VON NICOLE JOST

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