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Über das Megafon verkündete Raimundo Cadenas lautstark die Forderungen der Demonstranten. Rechts, mit den beiden Mädchen an der Hand, ist Mehmet Karaüzüm zu sehen, der Pächter des Kiosks in der Niederhölle.

Kiosk

Rund 150 Teilnehmer demonstrieren für den Erhalt des sozialen Treffpunkts in der Niederhölle

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Die Stadt hat dem Pächter des Kiosks in der Niederhölle, Mehmet Karaüzüm, gekündigt, weil das Grundstück für den Bürgertreff Mainhöhe benötigt wird. Seit Anfang Dezember wehren sich die Anwohner gegen die drohende Schließung „ihres“ Kiosks, den sie auch als sozialen Treffpunkt begreifen. Jetzt hatten sie zu einer Demo aufgerufen.

Die Stadt Kelsterbach hat noch nicht sehr viele Demonstrationen gesehen. Eine der seltsamsten trug sich Anfang der 1980er Jahr zu. Damals wollte die Polizei die Personalien etlicher Nacktbader am Mönchwaldsee aufnehmen. Als diese sich aber weigerten, zu diesem Zwecke das schützende Nass zu verlassen, sammelten die Ordnungshüter kurzerhand die Kleidungsstücke der Badenden ein und nahm sie mit zur Polizeistation. Die Folge: Kurze Zeit später zog eine Gruppe Nackter vom Mönchwaldsee über die Rüsselsheimer Straße zur Polizeistation im Rathaus.

Das war ein sehr stiller Demonstrationszug. Ganz anders gestaltete sich dagegen die aktuelle Demo gegen die drohende Schließung des Kiosks in der Straße An der Niederhölle, zu der Anwohner des Quartiers Mainhöhe, vormals Niederhölle, aufgerufen hatten. Bereits eine halbe Stunde vor dem Start der Demo ertönte am Bahnhof der Untermainstadt, dem Treffpunkt der Demonstranten, ein schrilles Trillerpfeifenkonzert. Und immer wieder skandierte die rasch anwachsende Zahl der Demonstranten Sprüche wie „Hände weg von unserem Kiosk“ und „Der Kiosk muss bleiben“. Für eine ausreichende Anzahl an Trillerpfeifen hatten die Organisatoren der Demo selbst gesorgt. Sie verteilten die gelben, grünen, roten und blauen Geräuschinstrumente freigiebig unter den Teilnehmern. Auf Transparenten waren Sprüche wie „Solidarität mit Familie Karaüzüm“, „Kiosk-Abriss: Steuerverschwendung“ und „Bürgerwillen durchsetzen“ zu lesen.

Lautstarke Forderung

Inzwischen hatte sich auch die Polizei bei den Demonstranten eingefunden, ebenso Mitarbeiter des städtischen Ordnungsamts, die den ordnungsgemäßen Verlauf der Demonstration überwachen sollten. Nein, mit Ausschreitungen rechne er nicht, hatte einer der Polizisten vor dem Abmarsch des Demonstrationszugs gesagt, „das sind doch alles ganz friedliche Bürger“.

Angemeldet war die Demonstration für etwa 200 Teilnehmer, am Ende waren es vielleicht 150, die sich pünktlich um 15 Uhr in Bewegung setzten. An die Spitze des Zuges hatten sich Raimundo Cadenas und Mehmet Karaüzüm, der Betreiber des Kiosks, gesetzt, wobei Cadenas, mit einem Megafon versehen, lautstark ein ums andere Mal die Forderungen der Demonstranten wiederholte. Vom Bahnhof aus ging’s über die Bergstraße durch die Unterführung Stadtmitte, dort hallten die Trillerpfeifen besonders schrill, zum Platz zwischen den beiden Rathäusern.

Rasch formierte sich der Zug zu einem Halbkreis vor den Fenstern der Amtsräume des Bürgermeisters. Immer wieder wiederholten die Demonstranten ihre Forderung: „Wir verlangen den Erhalt unseres Kiosks.“ Und Raimundo Cadenas sagte, inzwischen schon ziemlich heiser, dass die Stadt nicht so mit einem Bürger umgehen könne, der 20 Jahre lang hinter der Theke gestanden habe und für die Anwohner da gewesen sei.

Abriss nicht akzeptieren

Doch es schien so, als prallten die Forderungen ungehört von der Rathauswand ab, niemand kam, um sich den Demonstranten zu stellen, weder Bürgermeister Manfred Ockel (SPD) noch sonst ein Verantwortlicher, so dass die Demonstranten ganz konkret, lautstark und ob der Ignoranz schon ein wenig aufgebracht skandierten: „Ockel komm raus!“ Doch auch diese Aufforderung fruchtete nicht, bis schließlich Hartmut Blaum, Mitarbeiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit erschien, und den Anwohnern der Mainhöhe erklärte, dass der Bürgermeister sich derzeit im Urlaub befindet.

Ayhan Isikli, parteiloses Mitglied des Stadtparlaments, erklärte daraufhin von der Rathaustreppe aus, dass die Anwohner des Quartiers den Abriss des Kiosks niemals akzeptieren werden. Ebenfalls sei der zweimalige Aufbau des Bürgertreffs eine Steuerverschwendung, die nicht hingenommen werden dürfe. Dann wurden die Transparente zusammengerollt, und die Demo löste sich langsam auf, während Raimundo Cadenas dankbar eine Flasche Wasser entgegennahm, um seine Stimme zu ölen.

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