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Ilse Bauer wurde als Kind gleich zweimal von Truus Wijsmuller gerettet.

Nationalsozialismus

Ilse Bauer wurde als Baby von einer Niederländerin vor den Nazis gerettet - gleich zwei Mal

Die Niederländerin Truus Wijsmuller rettete 10 000 jüdische Kinder vor den Nazis. Eines von ihnen: Ilse Bauer, die als Baby im Heim des Jüdischen Frauenbunds in Neu-Isenburg lebte. Diese Verbindung kam bei den Recherchen zu einem neuen Dokumentarfilm über die Truus’ Children zum Vorschein.

Gleich zweimal rettet Truus Wijsmuller Ilse Bauer in jungen Jahren das Leben. Die kleine Ilse kommt am 4. November 1937 in Frankfurt zur Welt und wird von ihrer jüdischen Mutter als Neugeborenes zur Adoption freigegeben, um sie zu schützen. Im Alter von zwei Wochen kommt Ilse in das Heim des Jüdischen Frauenbunds in Neu-Isenburg. Auch wenn die Heimbewohner ab dem Novemberpogrom 1938 diskriminiert und sogar angegriffen werden, lebt sie dort bis kurz nach ihrem zweiten Geburtstag.

Doch dann bricht der Zweite Weltkrieg aus und verändert alles. Für die kleine Ilse gibt es Hoffnung: Man hat ein deutschstämmiges, jüdisches Ehepaar auf der niederländischen Karibikinsel Aruba gefunden, das sie adoptieren will. Mithilfe von Truus Wijsmuller wird sie am 13. November 1939 in die Niederlande gebracht. Von dort soll sie über London weiterreisen. Doch das Schiff mit der Zweijährigen an Bord läuft auf eine Mine auf und sinkt. Das Mädchen überlebt die Reise nur mit viel Glück: Sie wird schwer verletzt gerettet und muss monatelang in einem Londoner Krankenhaus gesund gepflegt werden.

Den Nazis entkommen

Die Dokumentarfilmerinnen sind noch mitten bei der Arbeit an ihrem Film über Truus Wijsmuller (1896-1978). Die Stadt möchte den Film zur Gedenkveranstaltung an die Pogromnacht im November zeigen. Zu diesem Anlass will sie neben Isabel Langsdorf zwei weitere Senioren einladen, die als Kinder zwischen 1936 bis 1938 im Heim des Jüdischen Frauenbunds lebten. Um ihr Projekt zu finanzieren, sammeln die Macherinnen Spenden auf das Konto der Stiftung „Ogen Open“ mit der IBAN NL 42 INGB 0004 8320 95. red

Anfang Mai 1940 kehrte Ilse dann in die Niederlande zurück und gelangt über Frankreich und Portugal nach Aruba. Damit entkommt sie den Nazis nur knapp – denn einen Tag nach Ilses Ausreise, fällt die deutsche Wehrmacht über das neutrale Land her.

Beide Male ist die Niederländerin Truus Wijsmuller für Ilse Bauers Rettung per Schiff verantwortlich. Eine Frau, die es sich nach der Reichspogromnacht zur Aufgabe gemacht hat, jüdische Kinder vor den Nazis in Sicherheit zu bringen. „Tante Truus“, wie sie auch genannt wurde, organisierte ab November 1938 Kindertransporte, verhandelte den ersten sogar persönlich mit Adolf Eichmann – und rettete so während der Kriegsjahre rund 10 000 jüdischen Kindern das Leben.

Dass Ilse Bauer aus dem Isenburger Heim des Jüdischen Frauenbunds eines von ihnen ist, förderte nun die Recherche von zwei niederländischen Dokumentarfilmerinnen zutage: Pamela Sturhoofd und Jessica van Tijn drehen einen Film über Wijsmuller und haben dazu versucht, die Kinder ausfindig zu machen.

20 Überlebende

Heute heißt die 81-Jährige Isabel Langsdorf und lebt in den USA.

Sie fanden 20 noch lebende „Truus’ Children“ – so lautet auch der Titel der Doku – auf der ganzen Welt, alle zwischen 85 und 95 Jahren alt. Darunter Ilse Bauer. Sie heißt heute Isabel Langsdorf, ist 81 Jahre alt und lebt in Washington D.C. Und wollte ihre Geschichte für das Filmprojekt erzählen. Dafür kehrte sie nach Neu-Isenburg zurück – zuletzt hatte sie die Stadt 2006 besucht. Gedreht wurden die Aufnahmen mit Bauer am Ort, an dem sie ihre früheste Kindheit verbracht hat – im Bertha-Pappenheim-Haus, der heutigen Gedenkstätte im ehemaligen Heim des Jüdischen Frauenbunds. Mit deren Leiterin Gabriele Loepthien sprach Langsdorf über ihre Erinnerungen. Sie traf sich auch mit Bürgermeister Herbert Hunkel, begleitet von den Filmemacherinnen. Die erläuterten bei diesem Besuch ihre Motivation für das Projekt: „Wijsmuller ist für uns ein sehr wichtiges Beispiel dafür, was Menschen auch in lebensbedrohlichen Situationen für andere Menschen erreichen können.“ Durch die Interviews mit den Überlebenden – die meisten sind in Deutschland geboren und lebten dort bis zu Kriegsbeginn – wollen Sturhoofd und van Tijn ein Bild des Lebens der 1978 verstorbenen Wijsmuller zeichnen – und ihr so ein filmisches Denkmal setzen.

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