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An den Viertel-Querschnitt eines Zeppelinrumpfs erinnert die Architektur des Zeppelinmuseums, das Franz Herzig in der heutigen Form entworfen hat.

Schätze der Baukunst entdecken

Stadtrundfahrt des Vereins für Geschichte, Heimatpflege und Kultur richtet Fokus auf markante Gebäude

Rund 50 Bürger nahmen an einer Stadtrundfahrt durch die Hugenottenstadt teil, zu der der Verein für Geschichte, Heimatpflege und Kultur eingeladen hatte. Dabei wurden viele gelungene Beispiele der Architektur angesteuert. Dazu gab es natürlich auch Erläuterungen.

Neu Isenburg - Raus war die Spannung bei diesem Thema nie wirklich. Eine Kommune, die Großes vorhat mit so einer Brache mitten im Stadtkern, kann nicht in Versuchung geraten, die Frage, ob sie eine dafür zentrale, geschichtsträchtige Immobilie nun übernehmen kann oder nicht, mit einem Schulterzucken abzutun. Und so macht Herbert Hunkel es noch einmal spannend, als der Bus in die Schleussnerstraße einbiegt, um das Gebäude der Bundesmonopolverwaltung für Branntwein anzuschauen. "Sie sind die Ersten, die's erfahren", sagt der Bürgermeister und Vorsitzende des Vereins für Geschichte, Heimatpflege und Kultur (GHK).

Der Kaufvertrag sei jetzt unterschriftsreif, "nach vielen, vielen Verhandlungsrunden" sei es endlich gelungen, Einigkeit zu erzielen mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA). Nächste Woche werde der Verkauf zwischen BImA und städtischer Gewobau protokolliert. Die Stadt hat mit dem Klinkerbau, der an zentraler Stelle im geplanten Stadtquartier Süd steht, große Pläne - auch eine Kita soll rein. Die Nachricht freut die Zuhörer im Bus, und sie freut Franz Herzig. "Ich finde es toll, dass die Stadt gesagt hat, das Gebäude muss erhalten bleiben", sagt der renommierte Isenburger Architekt.

Gut drei Stunden lang sind sie unterwegs, die mehr als 50 Frauen und Männer, die auf Einladung des GHK mit Franz Herzig und Herbert Hunkel als "Reiseleitern" den Blick auf typische, das Stadtbild prägende Gebäude und markante Einrichtungen richten. Und dabei auch viel erfahren über die unterschiedlichen Baustile und Baukultur. Zu den Stationen gehören Klassiker wie das Alte Schulhaus, die Bansamühle, die Rind'schen Häuser, die Bürgerhäuser entlang der Friedensallee ebenso wie das erste Isenburger Hochhaus, das ehemals Kaiserliche Postamt, aber auch Zeppelinheim und Gravenbruch.

Kleiner Markt geplant

Vom Treffpunkt am Sportpark aus steuert GHK-Stammbusfahrer Joachim Sokolowski zunächst das bedeutendste Bauwerk an, das der herausragende Architekt des Neuen Bauens, Ernst Balser (1893-1964), seiner Heimatstadt hinterlassen hat: den Gebäudekomplex der früheren Zündholzmonopolverwaltung in der westlichen Bahnhofstraße. Der aus drei Riegeln bestehende Komplex ist noch recht gut in seiner Gesamtheit erhalten - und damit ist die Gruppe gleich bei einem Thema, an dem in diesem Jahr keiner vorbeikommt: Die Gründung des Bauhauses 1919 wird deutschlandweit als Aufbruch in eine neue Zeit gefeiert. "Form follows function" - diese Sentenz, die besage, dass alles, was nicht funktionell ist, am Gebäude nix verloren hat, zeige das alte Zündholz-Gebäude sehr schön, erläutert Herzig.

Gleich nebenan ist ein Gebäude der "Neuen Moderne" zu sehen: Einst Sitz der Skandia Versicherungs-AG, beherbergt das Bürogebäude, für das das Darmstädter Architekturbüro Kramm und Strigl von der Hessischen Stadt- und Architektenkammer 1996 eine Auszeichnung für vorbildliches Bauen erhielt, heute das Unternehmen Harley Davidson.

Nächster Stopp: Bahnhof. Dort, wo 1861 das heutige Bahnhofsgebäude errichtet wurde, sieht man, wie die Arbeiten eines Gastronomiefachmanns voranschreiten. Der baut das Gebäude derzeit um und will bald dort Kiosk, Bar und Café eröffnen. Für diesen Ort hat Hunkel auch Neuigkeiten: "Auf der Freifläche vor dem Bahnhof planen wir einen kleinen Markt."

Die einstige Luftschiffersiedlung Zeppelinheim ist einen Stopp wert - nicht nur wegen des Museums. Im April 1936 war auf dem heutigen Dr. Eckener-Platz Grundsteinlegung für die am Reißbrett entstandene Siedlung, die Wohnraum für die Beschäftigten des nahen Luftschiffhafens bieten sollte. Ende 1937 wohnten 327 Menschen in Zeppelinheim, zum 1. Januar 1938 wurde es eine eigenständige Gemeinde. Der gebürtige Berliner Professor Hans Söder war der Architekt der Siedlung, die in den 1960er Jahren eine rasante Entwicklung erlebte (1961: 934 Einwohner).

Zum ersten Bürgermeister wurde ein Kapitän ernannt, die Straßen des ältesten Teils der Siedlung tragen noch heute die Namen von Luftschiffern - auch wenn kurz nach Bau der ersten Häuser die glorreich begonnene Ära der Zeppeline schon endete.

Ein Hingucker ist heute das Zeppelinmuseum, das 1977 zunächst als erstes kleines Museum im Bürgerhaus entstand. 1988 folgte der Anbau eines richtigen Museums nach den Plänen von Franz Herzig, 2008/09 die Erweiterung und Sanierung des Bürgerhauses. "Die Idee war, ein Stück Zeppelin nachzubauen", sagt der Architekt. "Es war uns nicht genug, an den ,Schuhkarton' der 60er Jahre einfach einen weiteren eckigen Kasten dran zu setzen."

Mit im GHK-Bus sitzt Georg Kolb, der 1937 nach Zeppelinheim kam - "er ist der älteste Zeppelinheimer", sagt Hunkel. Kolb kommt ans Mikro und weist auf das "Schild des Anstoßes" hin, wie er es nennt: Gemeint ist ein Hinweis vor dem sogenannten Lehmannhaus am Wald, einst Firmensitz der Deutschen Zeppelin-Reederei mit Konferenz- und Repräsentationsräumen. Das Schild besagt, dort habe Luftschiffkapitän Ernst August Lehmann gewohnt. Allein: Richtig sei zwar, dass in der oberen Etage die Dienstwohnung für ihn vorgesehen war. Doch der Kapitän kam bei dem tragischen "Hindenburg"-Unglück am 6. Mai 1937 in Lakehurst ums Leben - und sei daher nie wirklich eingezogen. Später wohnten dort bekannte Leute wie Mathilde Rösch, die spätere Bürgermeisterin von Zeppelinheim.

Nicht unter Denkmalschutz

Der Weg zurück in die Kernstadt führt vorbei am Sportpark, mit dessen Bau bereits vor genau 70 Jahren begonnen wurde. Nach mehr als zwei Jahrzehnten war das Areal 1970 schließlich fertig. Herzig rückt vor allem das Gebäude des einstigen Waldschwimmbadrestaurants, 1926 gebaut und heute (nach mehreren gescheiterten Versuchen, es als Restaurant zu bewirtschaften) Sitz der Firma Brand Loyalty, in den Fokus - wieder ein Beispiel für den Stil des Neuen Bauens. Der Architekt bedauert sehr, dass dieses und ähnliche Gebäude dieser Art in Isenburg nicht unter Denkmalschutz stehen. Überhaupt sei es "eigentlich ein Armutszeugnis", wenn man sich anschaue, wie viele wichtige Gebäude im Kreis Offenbach nicht auf der Denkmalschutz-Liste auftauchten.

Im Buchenbusch erfährt die Gruppe, dass diese Siedlung in der Endphase der Weimarer Republik entstand, als hohe Arbeitslosigkeit, Massenarmut und Wohnungsnot herrschten. 1932 begannen die Rodungen, acht Monate später standen die ersten Häuser. "Die unterkellerten Siedlungshäuser waren klein, aber solide gebaut", so Hunkel. Wichtig seien die 800 bis 1000 Quadratmeter großen Grundstücke gewesen - für die Selbstversorgung. Über die Friedhofstraße bringt der Bus die Rundfahrer zu einem ganz aktuellen Stück Stadtentwicklung: Das Baugebiet Birkengewann wächst derzeit rasant. "Nach ganz aktuellem Stand sind schon die ersten 140 Bewohner eingezogen", berichtet der Rathauschef. Am gestrigen Montag hat auch die neue Kita den Betrieb aufgenommen.

Autokino 1960 eröffnet

Im Stadtteil Gravenbruch, in dem mehr als 6300 Menschen leben und der sich derzeit ebenfalls rasant verändert, rücken Herzig und Hunkel vor allem das alte Forsthaus - heute Teil des Kempinski-Hotelkomplexes - sowie das 1960 eröffnete Autokino in den Fokus. Über den Gravenbruchring geht es zurück in die Kernstadt, vorbei an der Bansamühle - die, so erläutert Herzig, "so wie sie dasteht ja nicht das Original ist und auch nicht mehr an der Originalstelle steht". Die zunächst 1706 auf Betreiben von Andreas Löber errichtete, im spätbarocken Stil gehaltene Wassermühle war heruntergekommen. Beim Wiederaufbau habe man sich bewusst dafür entschieden, die Nachbildung ein Stück nach hinten zu rücken - um die Straße breiter zu machen.

In der Friedensallee weist Herzig auf viele gelungene Beispiele der Architektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts hin - die Villen, gebaut oft von wohlhabendem Bürgertum aus Frankfurt, seien teils protzig, teils aber auch in diesem besonderen Landhausstil gebaut. Es lohne wirklich, "da mal entlang zu gehen und die Häuser in Ruhe anzuschauen".

Auch bei der Fahrt durch die Waldstraße verweist Herzig auf "viele versteckte Schätze" in dem Areal, etwa auch in der Rheinstraße. Es seien im Krieg von Bomben verschonte, gut erhaltene Häuserensembles zu entdecken, die leider "teils ein bisschen untergehen".

Ganz typisch für ein Gebäude aus der Bauhaus-Epoche rückt Hunkel das alte Postamt in der Hugenottenallee neben dem Rathaus in den Blick. Die Post wurde einst durch Landboten täglich von Frankfurt nach Isenburg gebracht. 1864 beauftragte Fürst Wolfgang Ernst den Gastwirt Friedrich Engel zur Errichtung einer Poststation, die im Gasthaus Zum Engel errichtet wurde. Der junge Apotheker, Engels Schwiegersohn, wurde der erste Neu-Isenburger Postexpeditor. 1900 entstand ein eigens für die Post errichtetes, heute noch erhaltenes Gebäude in der Bahnhofstraße, das Kaiserliche Postamt. Als das zu klein wurde, errichtete die Gemeinde 1930 das Postgebäude in der Hugenottenallee, die Eröffnung war am 23. April 1932. 1998 kaufte die Stadt das Haus zurück und vermietete es an die Post.

Der Eckbau mit den langen waagerechten Fensterbändern sowie dem vertikalen Fensterband des Treppenhauses bildet einen Winkel entlang beider Straßen. Markant ist auch die Klinkerverblendung im Erdgeschoss mit abgestumpfter Ecke, in die das Relief des Reichsadlers eingearbeitet ist. Es ist übrigens das einzige Gebäude im Kreis Offenbach, das es in das Buch "Kulturelle Entdeckungen - Neues Bauen Hessen" geschafft hat, das die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen anlässlich des Bauhaus-Jubiläums herausgegeben hat.

Auch dieses Gebäude, sagt Herzig, stehe zwar leider noch nicht unter Denkmalschutz - aber in diesem Fall zeigt sich der Architekt zuversichtlich, dass sich das bald ändern könnte. hov

Ernst Balser (1893 - 1964) war ein herausragender Architekt und nicht nur am Projekt "Neues Frankfurt" beteiligt. Sondern er hat auch in der Hugenottenstadt Spuren hinterlassen. Das Stadtarchiv in der Frankfurter Straße 53 zeigt derzeit eine Ausstellung zum Thema "Ernst Balser - ein Neu-Isenburger Architekt baut modern".

In Isenburg ist Balser als Architekt des Hauses Dr. Bäck und des Bürogebäudes der Firma Zündholz bekannt. Die Schau ist dienstags von 13 bis 17 Uhr und freitags von 11 bis 13 und 14 bis 16 Uhr zu sehen. hov

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