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Mehr als 400 Krebspatienten haben Angela Ebert (Foto) und ihre Kollegin Petra Schulze-Pieper im vergangenen Jahr psychologisch beraten.

Interview

Diagnose Krebs: Das hilft der Seele

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Fast 500 000 Menschen in Deutschland erkranken jährlich an Krebs. Dank verbesserter Therapien sind die Heilungschancen für viele größer geworden – eine tragende Rolle spielt dabei die seelische Betreuung. Im Gespräch mit Reporter Michael Forst erklärt Psychoonkologin Angela Ebert von der Asklepios Klinik in Langen, wie sie Betroffenen hilft und warum ein allzu offener Umgang mit der Krankheit auch zum Bumerang werden kann.

Frau Ebert, bei der Diagnose Krebs bricht für die Betroffenen und ihre Angehörigen eine Welt zusammen. Wie können Sie als Psychoonkologin da helfen?

ANGELA EBERT: Auf verschiedene Weise. Zum einen werden wir zu Diagnosegesprächen hinzugerufen, in denen die Betroffenen den Befund erfahren. Wir bleiben im Anschluss bei den Patienten und können mit ihnen alles in Ruhe nachbereiten: Welche Fragen oder Ängste gibt es nach der Diagnose? Ich kann dann dabei helfen, das gerade Gehörte zu verarbeiten.

Wie gehen Sie auf die starken emotionalen Reaktionen der Patienten ein?

EBERT: Wir haben Zeit und hören zu. Und, ganz wichtig: wir informieren die Patienten darüber, dass das, was sie gerade erleben, gesunde Reaktionen sind: Sich wie im Schockzustand zu fühlen; dass einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Oder auch das Gefühl, selbst gar nicht gemeint zu sein. All das sind Schutzmechanismen der Psyche, die helfen, das gerade Gehörte langsam zu verarbeiten. Sie laufen unwillkürlich ab und werden von den Patienten oft noch als zusätzliche Bedrohung wahrgenommen, weil sie sich selbst so nicht kennen. Da kann ich helfen, das einzuordnen und zu vermitteln, dass das, was sie gerade erleben normal ist.

Manche Erkrankten begegnen dem Krebs kämpferisch, andere fügen sich in ihr Schicksal. Welcher Weg ist der bessere?

EBERT: Der heutige Forschungsstand ist, dass jeder Mensch so reagiert, wie er eben ist und dass dies beides angemessene Bewältigungsstrategien sind. Und, auch das hat die Wissenschaft herausgefunden, für den Ausgang der Erkrankung spielt es keine Rolle, wie Patienten damit umgehen. Allerdings gibt es für das Leben mit der Erkrankung psychische Mechanismen, die einer guten Lebensqualität eher förderlich oder hinderlich sind.

Was bedeuten diese Erkenntnisse für Ihre Arbeit?

Wir Psychoonkologen versuchen jeden Einzelnen in seinem individuellen Umgang mit dem Krebs zu unterstützen.

Aber wie holen sie jemanden ab, der mit der Krankheit hadert und zu verzweifeln oder zu verbittern droht?

EBERT: Für uns steht die Erhaltung oder Verbesserung der Lebensqualität des Patienten an erster Stelle. Entsprechend bieten wir unsere Unterstützung an. Indem wir wir etwa jemandem, der zu verbissen kämpft, vermitteln, dass er auch mal loslassen darf und es in Ordnung ist, auch mal einen schlechten Tag zu haben. Genauso kann ich einem Menschen, der auf dem anderen Pol ist und alles über sich ergehen lässt, ermutigen, auch mal zu kämpfen. Wenn nun aber jemand sehr hadert, vielleicht auch Behandlungen ablehnt, versuche ich ihm mit psychologischen Mitteln neue Perspektiven zu öffnen und andere Sichtweisen anzuregen.

Woraus schöpfen Patienten den meisten Mut?

EBERT: Unterstützende Angehörige sind ganz wichtig. Ich bitte die Patienten auch oft, sich an frühere Krisen und Belastungsproben in ihrem Leben zu erinnern, die sie erfolgreich bestanden haben. Vielen fallen solche Situationen wieder ein. Vergegenwärtigt man sich diese wieder, kann man sie auch wieder für sich nutzen. Auch die Erinnerung: Was hat mir damals geholfen? Das kann Musik gewesen sein oder stundenlange Spaziergänge.

Man liest von Patienten, die auf Anraten ihres Therapeuten ihren Tumoren Namen gegeben haben? Kann so etwas helfen?

Es kann eine Art des Umgangs mit dem Gefühl des Kontrollverlustes sein und manche Patienten entwickeln von sich aus das Bedürfnis danach.  Denn oft haben krebskranke Menschen das beängstigende Gefühl: „Da ist etwas in meinem Körper, von dem ich nichts wusste. Es ist unberechenbar, kann jederzeit wiederkommen und ich werde es wieder nicht merken.“ Dem Tumor einen Namen zu geben, ihn zu personalisieren, kann helfen, ihm den Schrecken zu nehmen und weniger Angst zu haben.

Ist es für einen Betroffenen eigentlich immer ratsam, mit seiner Krankheit offen umzugehen.

EBERT: Wir empfehlen einen eher offenen Umgang, weil das, was da ist, aber nicht ausgesprochen wird, ja trotzdem wirksam ist und die Interaktion mit anderen beeinflusst. Achtsam sein kann  man allerdings bei der Frage: Wem erzähle ich wann und wie von meiner Krankheit? Letztlich machen es die Menschen aber so, wie sie von Haus aus sind: Wer extrovertiert ist oder gute Erfahrungen in der Kommunikation mit anderen hat, wird auch im Falle einer Krebserkrankung eher mitteilsam sein und Kollegen oder im Verein von seiner Erkrankung berichten. Das Problem hier kann sein: Was einmal ausgesprochen wird, wird auch nach Jahren noch erinnert. Wenn die Krankheit vielleicht längst überwunden ist, kann es passieren, dass einen viel später noch mitleidige Blicke treffen. Was wir empfehlen, hängt dennoch in erster Linie von dem Menschen ab, der uns gegenüber sitzt. Wenn Patienten bevorzugen, diese Belastungssituation eher im Stillen in sich zu bewegen, würde ich niemals raten, sich doch zu öffnen.

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