Neubaugebiet

500 Freiwillige retten Igel vor dem sicheren Tod

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Tanja Schäfer von der Wildtierhilfe in Dreieich hatte aufgerufen, Igel in Langen zu retten, bevor die Bagger im Neubaugebiet anrollen. 14 Tiere konnten so gerettet werden.

Der 1,3 Kilo schwere Igel-Wonneproppen blinzelt irritiert in das Licht der Lampe von Tierärztin Meike Dewein. Die Fachfrau schaut sich abends um 22 Uhr an ihrem Auto am Rande des Neubaugebiets Liebigstraße in Langen das Tier genau an: „Oh schön, er hat Flöhe. Sie hüpfen schon auf mir herum“, sagt die junge Frau lachend, „aber sonst sieht er hervorragend aus. Er hat keine Wunden, ein tolles Stachelkleid und wirkt sehr fit. Er kann gleich an einer sicheren Stelle wieder ausgewildert werden“, beschließt sie und hebt das Tier von der Waage wieder in die sichere Katzen-Transportbox. Um die Tierärztin stehen gut ein Dutzend Menschen. Viele von ihnen mit Stirnlampen, alle dick eingepackt und in diesem Augenblick sehr glücklich lächelnd. Schon für diesen kräftigen Igel alleine hat sich diese besondere Aktion gelohnt.

Das männliche Igelchen ist am Dienstagabend aber bereits Stachelritter Nummer vier, der aus dem Unterholz der Schrebergärten und Wiesen von engagierten Igelrettern herausgeholt wurde. Es ist eine sehr berührende Aktion, zu der Tanja Schäfer von der Wildtierhilfe in Dreieich an diesem Abend aufgerufen hat. In der Liebigstraße entsteht ab kommendem Frühjahr Wohnraum für rund 3000 Langener Neubürger. In zwei Wochen rollen die Rodungsbagger an, um die Schrebergärten, Brombeerhecken und all das Gestrüpp für die Bauarbeiten zu entfernen.

Tanja Schäfer wollte die Igel, die auf dem Areal leben, nicht sich selbst und damit dem sicheren Tod überlassen. Mit vielen Helfern hat sie 30 Futterstellen auf der 28 000 Quadratmeter großen Fläche eingerichtet und die Tiere die vergangenen drei Wochen angefüttert, um sie immer an die gleiche Stelle anzulocken und so besser zu finden. „Dass wir jetzt zum Einsammeln der Tiere so viele Helfer haben, damit hätte ich im Leben nicht gerechnet“, ist Tanja Schäfer völlig überwältigt, als sie zu Beginn des Abends in rund 500 Gesichter von hochmotivierten Tierschützern blickte. Mit Transportboxen und Lampen ausgestattet macht sich die riesige Meute auf den Weg. Die Menge an Helfern verteilt sich schnell auf dem großen Gebiet, jeder von ihnen ist wichtig.

„Ich hatte früher selbst Igel zum Überwintern im Keller. Und meine Kinder wissen nicht mal, wie groß die Tiere sind“, erklärt Christine Mayerhöfer ihre Motivation für die spannende Nachtwanderung durch das Gestrüpp des künftigen Wohngebiets. Die Töchter Carla, Josephina und die gemeinsame Freundin Josephine sind voller Tatendrang, und wollen unbedingt einem Igel das Leben retten.

Immer mal wieder schallt es durch die dunkle Nacht, dass es einen Fund gegeben hat. So fängt Antje Jülch gleich zwei besonders niedliche Igelchen. Ein Geschwisterpaar, noch Babys, hat sie unter einem Holzstapel an einem Schrebergarten heraus gegraben. Einer der beiden – der Junge des Pärchens – ist sogar blond. Diese Färbung gebe es selten, sei aber eine Form des Albinos, allerdings ohne rote Augen.

„Igel sind keine Fluchttiere. Bei Gefahr rollen sie sich ein, deswegen sind sie gut zu fangen“, weiß Idun Rieden von der Igelburg im Mossautal. Sie wird sich den beiden Kleinen auch annehmen. Am Auto der Tierärztin angekommen, setzt Meike Dewein die Jungtiere auf die Waage: 151 und 161 Gramm wiegen sie – so haben sie draußen keine Chance, den Winter zu überleben. Am Ende des Abends – Tanja Schäfer sucht mit einem harten Kern bis in die Morgenstunden weiter – zählen die Tierschützer 14 Igel, die sie vor dem sicheren Tod bewahrt haben.

„Für manchen mag das wenig klingen, aber jeder Einzelne von den kleinen Kerlen war es wert“, betont Schäfer. Sie kündigt auch an, in den nächsten Tagen immer mal wieder über das Areal zu laufen und noch nach Nachzüglern zu suchen. Wenn die Bagger anrollen, und auch Bäume fallen müssen, wird sich Schäfer den Bilchen und Fledermäusen annehmen. Für das Neubaugebiet muss allerhand Natur weichen – die Tiere sollen möglichst nicht darunter leiden und eine neue Heimat bekommen. Schäfer will die Tiere möglichst schnell wieder auswildern. Weitere Informationen zu der spannenden Arbeit von Tanja Schäfer gibt es auf der Facebookseite der Wildtierhilfe Schäfer.

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