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Stummer Zeuge: Der historische Markstein im Feld an der alten Dieburger Straße erinnert bis heute an den Grenzverlauf zwischen französisch okkupiertem und unbesetztem Gebiet.

Geschichte

Vor 100 Jahren endete in Langen der Erste Weltkrieg: Ein Rückblick

Langen, fast auf den Tag genau vor 100 Jahren: Am 23. Dezember 1918 ziehen Truppen des „Erbfeindes“ in Langen ein. Die französische Besetzung linksrheinischer Gebiete und drei rechtsrheinischer „Brückenköpfe“ mit je 30 Kilometern Radius ist unmittelbare Folge der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reichs. Elfeinhalb Jahre wird die französische Besatzung dauern.

Im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs wird die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, Brennstoffen und anderen lebenswichtigen Gütern immer bedrückender. Überall im Deutschen Reich wächst die Sehnsucht nach einem baldigen Frieden. Selbst die Oberste Heeresleitung mit Hindenburg und Ludendorff an der Spitze lässt im Herbst 1918 durchblicken, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei. Die Lokalpresse weiß im Oktober zu berichten, dass es in Langen „viele Kranke“ gebe. „Fast alle Angehörigen sind erkrankt“, heißt es im gleichen Artikel über eine Langener Familie, zwei Kinder seien bereits verstorben. Ob Hunger und Mangelernährung oder die seinerzeit wütende Spanische Grippe die Kinder dahingerafft haben, bleibt offen.

Im November 1918 läuft das sprichwörtliche Fass schließlich über: Eine Entwicklung erreicht ihren Siedepunkt, deren Ursprünge in der immer stärker werdenden politischen Opposition gegen die Fortführung des Krieges und in der zunehmenden Kriegsmüdigkeit im Volk zu finden sind. Streiks in Fabriken, Befehlsverweigerungen von Marineangehörigen in Kiel und Wilhelmshaven lösen eine Revolution aus, die das „Gottesgnadentum“ des Kaiserreiches hinwegfegt.

Republik ausgerufen

Am 9. November erfolgt in Berlin die Ausrufung der Republik. Vielerorts werden rote Fahnen auf Rathäusern und anderen öffentlichen Gebäuden gehisst. Arbeiter- und Soldatenräte übernehmen die Macht und drängen auf Demokratisierung von Staat und Gesellschaft. Auch in Langen bildet sich nur wenig später ein Arbeiter- und Soldatenrat. Er stellt gemeinsam mit der Bürgermeisterei die Versorgung der Bevölkerung sicher und sorgt dafür, dass die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten bleibt und die Verwaltung weiter arbeiten kann. Seine Tage sind dennoch gezählt.

Am 23. Dezember 1918 ziehen die Truppen des „Erbfeinds“ in Langen ein. Die französische Besetzung ist die Konsequenz des zwischen den Siegermächten und dem Deutschen Reich vereinbarten Waffenstillstandsvertrags vom 11. November. Dieser regelt, dass die deutsche Seite alle linksrheinischen Gebiete zu räumen hat. Rechts des Rheins entsteht eine entmilitarisierte Zone. Festgelegt ist ferner, östlich der Städte Kehl, Koblenz, Köln und Mainz Angehörige der Siegermächte in einem Umkreis von 30 Kilometern zu stationieren. Die Folge sind Brückenköpfe, die tief ins Landesinnere ragen. Im Kreis Offenbach werden Langen, Egelsbach und Buchschlag besetzt. Sie liegen am äußersten Rand des Mainzer Brückenkopfs und werden aus dem Hoheitsgebiet des Reichs herausgetrennt, verwaltungsmäßig dem Kreisamt Groß-Gerau zugeschlagen und der dortigen französischen Kommandantur unterstellt.

Blühender Schwarzhandel

Die ersten Verordnungen der französischen Militärs verheißen nichts Gutes und sorgen für erheblichen Wirbel unter Langens Einwohnern. So wird bekannt, dass das okkupierte Gebiet vollständig vom unbesetzten abgeriegelt werden soll und Berufstätige, die außerhalb der „Zone occupée“ ihren Arbeitsplatz haben, diesen aufgeben oder ins unbesetzte Gebiet übersiedeln sollen. Betroffen wäre mehr als die Hälfte der Langener Erwerbstätigen. Am Nachmittag des Heiligen Abends nimmt Kommandant Toussan jedoch die Verordnung zurück. Allerdings dürfen Pendler nicht ohne Passierschein und Ausweis ins unbesetzte Gebiet „ausreisen“.

Die niedereren Ränge der französischen Besatzungssoldaten werden in Massenquartieren öffentlicher Gebäude (unter anderem in der Wallschule) und in Gaststätten, zum Beispiel der „Frankfurter Bierhalle“ am Lutherplatz, untergebracht. Aber auch die an der Ecke Bahn-/Flachsbachstraße gelegene Haushaltungsschule ist betroffen. Kurz vor Kriegsende wurde dort der Unterrichtsbetrieb eingestellt; die jungen Frauen hatte man nach Hause geschickt.

Alltag am bewachten Grenzübergang im Langener Norden. Wer in Richtung unbesetztes Sprendlingen will, muss den Durchgang an der Frankfurter Straße (Höhe heutiges DRK-Heim) nutzen.

Der „Erbfeind“ hat großes – psychologisches – Interesse daran, dass in seinem Besatzungsbereich die Bevölkerung ausreichend mit Lebensmitteln und Waren versorgt wird. So kann die Siegermacht nicht nur ihre militärische Überlegenheit zur Schau stellen, sondern auch eine gewisse propagandistische Wirkung erzielen. Viele Langener nutzen die Gunst der Stunde und betreiben einen schwunghaften Schwarzhandel mit Kaffee, Seife, Öl und anderen begehrten Produkten. Schauplatz dieser nicht ungefährlichen Schiebergeschäfte ist der Dreieichenhainer Wald.

Insgesamt kann für die Besatzungszeit festgehalten werden, dass es zu keinen nennenswerten Zwischenfällen kommt. Auch nicht, als im Juni 1919 weitere Militärverbände von Westen nach Langen vorrücken. Am Ortsausgang zwischen Forsthaus und Bahnanlage reiht sich Panzer an Panzer. Eine Folge des deutschen Zögerns, den Versailler Friedensvertrag – mit all seinen politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen – zu unterzeichnen. Nach der Vertragsunterzeichnung verringert sich die Militärpräsenz erheblich und ab September 1919 bleiben nur wenige Besatzungsangehörige stationiert.

Im Sommer 1930 schließlich öffnen die Übergänge ihre Schlagbäume – die Besatzung hat ein Ende. Der Abzug der Franzosen wird lauthals bejubelt und gemeinsam mit dem 50-jährigen Jubiläum der freiwilligen Feuerwehr ausgiebig am 30. Juni und den folgenden Tagen gefeiert.

Von Herbert Bauch

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