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Frieder Gebhardt hat den Überblick über seine umfangreiche Postkartensammlung. Mittlerweile hat er alle auf seinem Computer eingescannt und archiviert. Seine Frau Annerose neckt ihn manchmal wegen seiner Sammelleidenschaft.

Sammlung

Kurioses aus der Welt der Postkarten

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Wer schreibt heute schon noch Postkarten? Bürgermeister Frieder Gebhardt zum Beispiel. Aber noch lieber bekommt er sie, und am meisten freut er sich über eine aus Langen, die er seiner Sammlung beifügen kann.

Bürgermeister Frieder Gebhardt ist längst im digitalen Zeitalter angekommen. Wer ihm per E-Mail schreibt, bekommt umgehend eine Antwort. Sein Herz jedoch schlägt für die gute alte Postkarte. 560 Motive umfasst seine Sammlung, manche hat er doppelt, meistens handelt es sich dabei dann um eine neue Auflage, bei denen der Verlag oft nur eine Winzigkeit verändert hat. Diese zu entdecken, daran hat Gebhardt besondere Freude.

Als kurioses Beispiel legt er zwei Schwarz-Weiß-Karten mit identischem Motiv des Langener Schwimmbads auf den Tisch. Am Zehn-Meter-Sprungturm ist eine Fahne gehisst. Auf der Fahne der einen Karte prangt ein Hakenkreuz, auf der anderen ist keines zu sehen. „Sonst ist alles exakt gleich“, sagt Gebhardt, der die Neigung der Äste an den Bäumen, den Schattenwurf und all die anderen Details inspiziert hat. Das genaue Hinsehen liegt ihm. Und er verrät auch, warum. „Ich bin gelernter Kartograf.“ Drei Jahre lang wurde er in seiner Ausbildung getriezt, druckreif zu schreiben, für eine Zeile Buchstaben hat er manchmal einen ganzen Tag gebraucht.

Das exakte Arbeiten sei ihm geblieben, bemerkt seine Frau Annerose mit liebevoll neckendem Unterton. Immer, wenn sie etwas schnell erledigen wolle, komme ihr die Genauigkeit ihres Mannes in die Quere. Wie beim Fliesen der Küche, bei dem ihr Mann alles millimetergenau ausgemessen und deshalb ein bisschen länger gebraucht habe. Dafür sieht es nun sehr fachmännisch aus, das verrät der Blick aus dem Anbau, in dem wir sitzen, in die Küche. Auf dem großen Tisch hat Gebhardt seine sieben Sammelordner ausgebreitet. Vor ihm steht das aufgeklappte Laptop, in dem er die Postkarten archiviert hat. Darauf, dass er mittlerweile seine gesamte Sammlung eingescannt hat, ist er besonders stolz. Die Dateiblätter – jeweils mit Bild der Postkarte und der Nummer, unter der sie archiviert ist, versehen – enthalten Informationen wie den Verlag oder das Jahr, um welches Motiv es sich handelt und was das Besondere der Karte ist.

Zu der Karte, die dem Kanonier Wilhelm Burk 1914 ins Rekruten-Depot nach Mainz-Kastel geschickt wurde und einen „Feldpost“-Vermerk trägt, hat Gebhardt beispielsweise einige Hintergründe zu dessen Leben notiert. Burk wurde 1884 in Langen geboren und Anfang 1941 zusammen mit den Widerstandskämpfern Eddi Wolfenstädter, Karl Rühl, Johannes Lang, Heinrich Leyer, Erich Persson, Karl Freitag sowie Peter Werner verhaftet und von den Nazis des „Hochverrats“ angeklagt. 1943 wurde er im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet. Heute gibt es eine Straße in Langen, die ihm zu Ehren seinen Namen trägt.

Dann holt Frieder Gebhardt sein „Schmankerl“ heraus. Die Karte zeigt einen paffenden Lausbuben von hinten, der in Sütterlinschrift etwas an die Wand schreibt. Wer genau hinsieht, kann die Klappe am karierten Hosenboden des Jungen entdecken. Beim Öffnen entfaltet sich daraus ein Leporello mit Schwarz-Weiß-Ansichten von Langen. Gebhardt schätzt, dass die Karte aus den 1930er Jahren stammt. Sie wurde nicht nur für Langen, sondern für viele Städte angefertigt.

Bis zum Zweiten Weltkrieg sei das Postkartensammeln ein verbreitetes Hobby gewesen, erklärt Frieder Gebhardt. Bis dahin sei das die einzige Möglichkeit gewesen, sich ein Bild von der Welt zu machen.

„Mich interessieren die Postkarten unter anderem aus stadthistorischer Sicht“, sagt er und legt einige Ansichten vom früheren Langen auf den Tisch, darunter eine Postkarte der damals unbefahrenen Ludwigstraße, heute August-Bebel-Straße, von der Langener Stadtkirche, dem Stumpfen Turm und dem malerischen Durchblick durchs Turmtürchen der alten Stadtmauer. Auch eine „Mondscheinkarte“ ist dabei, die um 1900 groß in Mode waren. Bei ihnen wurde durch Nachbearbeitung und das Hinzufügen eines Mondes die Illusion der Nachtaufnahme erzielt.

Damals bestimmten die postalischen Vorschriften noch, dass die Karte neben dem Poststempel, der die Briefmarke entwertete, auch beim Empfänger-Postamt abgestempelt wurde. Daran ließ sich die Laufzeit der Postkarte exakt ablesen. Die kurzen Beförderungszeiten lassen aufhorchen. So war eine Postkarte, die um 10 Uhr in Langen abgeschickt wurde, bis 16 Uhr in Worms. Nach Straßburg dauerte es einen Tag länger. „Die kurzen Laufzeiten wurden trotz aller technischen und personellen Neuerungen eigentlich nie wieder erreicht“, heißt es in dem Buch „Langen in alten Ansichtskarten“ von Karl Baeumerth und Herbert Bauch, das für Gebhardt mit den Anlass gab, selbst Postkarten zu sammeln.

Abends, bevor er ins Bett geht, setzt er sich meist noch mal an den Computer, um auf die Pirsch nach einem Exemplar zu gehen, das er noch nicht hat. Dafür hat er beim Internetdienst ebay das Stichwort Langen AK (Ansichtskarten) hinterlegt. Wenn Frau Gebhardt also von ihrem Mann sagt, er sei ein echter Jäger und Sammler, dann handelt es sich zumindest um einen sehr zeitgemäßen.

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