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Obacht vor dem Kamel: Auch durch den Iran radelte Arie de Bruijn. Insgesamt bereiste der Holländer, der seit Kurzem in Langen wohnt, 48 Länder mit dem Drahtesel – und legte dabei rund 26 000 Kilometer zurück.

Neu-Langener

Wie ein Holländer mit nur drei platten Reifen mit dem Fahrrad die Welt umrundete

Das haben nur wenige geschafft: Arie de Bruijn ist mit dem Rad einmal um die Welt gefahren. 48 Länder besuchte der Holländer. Dabei hat der heute 54-Jährige, der seit Kurzem mit seiner Familie in Langen lebt, viel Abenteuerliches erlebt.

Vor der Haustür stehen traditionelle niederländische Holzschuhe, drinnen grüßt ein chinesischer Terrakotta-Krieger neben dem Bücherregal. Vor anderthalb Jahren sind Arie de Bruijn und seine Frau von Peking nach Langen gezogen, haben ein Haus in Bahnhofsnähe gekauft, renoviert und liebevoll eingerichtet. Mehr als dreieinhalb Jahre lang passte alles, was de Bruijn brauchte, in ein paar Gepäcktaschen an seinem Fahrrad – denn so lange war er auf seiner Weltreise mit dem Fahrrad unterwegs.

Er war schon immer gerne mit dem Rucksack unterwegs, zum Beispiel in Afrika oder Asien, erzählt de Bruijn, der aus einem 5000-Einwohner-Städtchen etwa 25 Kilometer von Amsterdam entfernt kommt. Dann habe er von Bekannten gehört, die ein Jahr oder länger auf Reisen gehen. „Da habe ich gedacht: Wenn andere das können, warum ich nicht?“, erinnert er sich schmunzelnd. Also hat er zwei Jahre lang Geld gespart und Sponsoren für Räder und Kleidung gesucht – dann ist er mit seiner damaligen Freundin zur Reise seines Lebens aufgebrochen.

Ungewöhnlicher Zeltplatz: Hauptsächlich hat Arie de Bruijn gecampt, wie hier vor einer Tempelanlage in Syrien.

Von Holland geht es zunächst einmal nach Deutschland und dann nach Skandinavien und Osteuropa. „Noch ganz altmodisch mit Karten“, erzählt der Holländer. Durchgeplant hatte er seine Tour aber nicht, die Route sollte variabel bleiben. „Das ist doch das Schönste daran, mit dem Rad unterwegs zu sein – die Freiheit, überall anhalten zu können.“ Da geht es in Asien auch mal direkt an einem Maisfeld vorbei, auf dem ein Bauer mit Wasserbüffeln steht.

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Ein paar Länder hatte de Bruijn aber doch auf seiner Wunschliste: Dazu zählen Finnland, Iran, Pakistan und Japan. Vom Fahrradsattel aus lassen sich die neuen Eindrücke mit allen Sinnen wahrnehmen, findet er. „Toll war es immer, wenn man in ein neues Land einfährt. Kurz vor der Grenze bemerkt man meist schon die veränderte Architektur“, erinnert sich der zweifache Vater an die Radreise. Über die Türkei führte sie nach Vorderasien – Syrien, Libanon, Jordanien und Irak – und weiter in den Nahen Osten. In den gut 25 Kilogramm Gepäck, die auf mehrere Taschen an dem Fahrrad verteilt sind, befinden sich neben Kleidung, Werkzeug und Kochgeschirr auch Zelt und Luftmatratze, so dass für die Unterkunft immer gesorgt ist.

Meistens campen de Bruijn und seine Begleiterin – teilweise auch an skurrilen Orten. „Es ist eigentlich der Wahnsinn, dass wir dort unser Zelt aufschlagen durften“, sagt er mit Blick auf ein in Syrien aufgenommenes Foto, das Zelt und Fahrräder vor einer Tempelanlage zeigt. Auch das kriegsgebeutelte Afghanistan und den Irak ließ er nicht aus.

Auf der Reise hat er viel über Land und Leute erfahren. Das war ihm wichtig. „Ich habe mir natürlich auch den Taj Mahal und die Chinesische Mauer angesehen, aber mich hat vor allem interessiert, wie das Alltagsleben der Menschen aussieht.“ Das hat auch geklappt: In vielen fernen Ländern saß de Bruijn bei Fremden am Küchentisch. Er habe viel Gastfreundschaft erfahren, erzählt de Bruijn. Aber auch Skurriles sei ihm widerfahren.

Arie de Bruijn

Viele Einladungen

„In China wurde ich beispielsweise von einem Fahrradverein zum anderen weitergereicht“, erinnert sich der Neu-Langener schmunzelnd. Jeder habe ihm seine Fragen stellen wollen, es folgte eine Essenseinladung nach der anderen. „Das ist dann ein ganz schöner Schock, wenn du vorher wochenlang alleine unterwegs warst“, sagt de Bruijn, der das letzte Jahr seiner Reise alleine durchzog. Bei der abendlichen Einladung bei einer Großfamilie bekommt er noch Geld überreicht – damit er öfter seine eigene Familie anrufen kann.

Nach mehreren Stationen in Asien landete de Bruijn schließlich in den USA und in Kanada. „In Ontario wollte ich eigentlich bleiben, ein bisschen Geld verdienen und dann weiter – aber dann habe ich beschlossen, es reicht.“ Nach drei Jahren und sieben Monaten flog er nach Hause.

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Einmal musste de Bruijn in Japan ins Krankenhaus, weil er sich das Schlüsselbein gebrochen hatte. Nur drei mal hatte er einen Platten – abgesehen davon verlief die 26 000 Kilometer lange Reise ohne Zwischenfälle. Am meisten beeindruckt haben ihn wohl Iran und Pakistan, sagt der Holländer nach kurzem Überlegen. „Die Länder und ihre Kultur sind einfach wahnsinnig interessant.“ Außerdem fand er Indien, obwohl es nicht sein erster Besuch dort war, unglaublich beeindruckend. „Indien wird einfach niemals langweilig!“

Für viele Leute sei es eine unfassbare Idee, länger als ein paar Wochen zu verreisen, meint de Bruijn, der seine Erlebnisse auch kürzlich bei einem Vortrag des hiesigen ADFC vorstellte. Er betont, dass man nicht im Lotto gewonnen haben muss, um so eine Reise zu unternehmen. 13 Euro pro Tag hatte er veranschlagt, nicht nur für Essen und Trinken, sondern auch für Visa und sonstige Ausgaben. „Man ernährt sich dann halt von Essen aus dem Supermarkt und trinkt nur Wasser.“

Alte Heimat Peking

Als der Weltenbummler wieder zu Hause war, sei es schwierig gewesen, in den Alltag zurückzufinden, sagt de Bruijn. Er blieb dem Reisen treu – und begann, als Reiseführer zu arbeiten. Schließlich zog er nach Peking und lernte dort auch seine Frau Patricia, ursprünglich aus Bayern, kennen. Nach Jahren in der chinesischen Hauptstadt entschied sich das Paar, mit seinen beiden Kindern nach Deutschland zu ziehen. Ein Freund machte de Brujin auf Langen aufmerksam. „Uns gefällt es hier sehr gut, es liegt in der Nähe zur Großstadt und ist grün – und es hat alles.“ Die Reisepläne der Familie sind deutlich ruhiger – „aber es geht langsam wieder los“. De Bruijn will dem fünfjährigen Silas unbedingt die alte Heimat Peking zeigen und Tochter Lhasa, benannt nach der Hauptstadt Tibets, das autonome Gebiet im Himalaya. „Momentan ist die Route nach Nepal aber blockiert“, sagt de Bruijn. Sobald es möglich ist, will er mit der Familie an zwei Stationen seiner Reise zurückkehren – dann aber ohne Fahrrad.

Von Julia Radgen

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