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Hölzerner Hammer auf Richterbank

Prozess

Wie sich Familien-Abgründe anhand eines Himbeerkuchens auftun

Mutter und Sohn leben in gegenseitiger Abhängigkeit zusammen. Der Mittfünfziger fühlt sich gegängelt und sperrt sie im Zimmer ein, weil er für sie Himbeerkuchen kaufen will. Die Dame behauptet, er sei ein Nichtsnutz.

Strafprozesse am Amtsgericht haben es an sich, persönliche Schicksale und Abgründe zu tangieren. Manchmal freilich wird mit jeder Verhandlungsminute deutlich: Hier geht Justitia in die Knie – mit juristischen Mitteln ist eine „Strafsache“ nicht zu fassen, geschweige denn zu ahnden.

So ein Fall ist jüngst unter Vorsitz von Richter Christos Anastasiadis verhandelt worden. Der Vorwurf: Freiheitsberaubung in Tateinheit mit Widerstand gegen Polizeibeamte. Im Fokus: eine Mutter in den 80ern und ihr Sohn, ein Mittfünfziger. Sie ist das Opfer, er der Angeklagte, der die Mutter im Schlafzimmer eingesperrt, sodann das Haus verlassen und sich bei Rückkehr ein Handgemenge mit der Polizei geliefert hat.

Dass der Sohnemann noch bei der Mama wohnt, dies nie anders kannte, weder jemals liiert war noch einen eigenen Hausstand hat, lässt die Zusammenhänge erahnen. Von Beruf Handwerker sei er, gearbeitet habe er freilich nahezu ausschließlich in der mütterlichen Immobilie, einem Mehrfamilienhaus, und dafür von der Mama 500 Euro Taschengeld im Monat erhalten. Der Anwalt nennt seinen Mandanten einen „unselbstständigen, eher devoten Charakter“ – die Mutter mag’s plakativ: „Ein Nichtsnutz.“

Schimpftiraden

Der Tathergang ist weitgehend nachvollziehbar, der Angeklagte lässt diesen seinen Anwalt schildern: Die Mutter, schlecht zu Fuß und nur mit Rollstuhl mobil, habe den Sohn vom Bett aus wieder einmal mit Schimpftiraden überzogen. „Sie spielt sich immer auf und muss das letzte Wort haben“, unterbricht der Sohn den Verteidiger. Als Konsequenz habe der Sohn die Zimmertür von außen abgeschlossen und die Wohnung verlassen. „Ich sollte ja für meine Mutter ein Tagebuch und einen Himbeerkuchen kaufen.“

Der Handy-Notruf der Mutter alarmiert die Polizei. Eine Streife befreit die alte Dame aus dem „Gefängnis“ – der Zimmerschlüssel steckt im Schloss – und wird in Handgreiflichkeiten mit dem just zu diesem Zeitpunkt zurückkehrenden Sohn verwickelt. Der Ablauf dieser Ereignisse könnte widersprüchlicher nicht sein: Der Angeklagte fühlt sich als Opfer von Polizeigewalt – „wie ein Raubtier hat sich der eine auf mich gestürzt“.

Der Polizist erzählt routiniert, wie er dem „in Angriffshaltung“ auf ihn zustürzenden Angeklagten kraft seiner Nahkampfausbildung einen „Perplexschlag“ verpasst hat, die Juristen nehmen’s stirnrunzelnd zur Kenntnis. Die Mutter habe sie im Übrigen die ganze Zeit ermuntert, den Sohn zu verdreschen, geben beide Polizisten zu Protokoll.

Tot gesoffen

Das weist die Seniorin von sich. Rückblickend sieht sie sowieso nur noch die Polizei als „übereifrig“ und „an allem schuld“ – der Richter belehrt sie über die Konsequenzen einer Falschaussage.

Der früh verstorbene Ehemann und Vater ist eine von zwei Überfiguren dieser abgründigen Familiengeschichte, die die Staatsanwältin resigniert als „tiefgreifenden Mutter-Sohn-Konflikt“ zu den Akten befördert. Ebenso der 2018 verstorbene Bruder: „Er hat sich tot gesoffen“, konstatiert der Angeklagte. „Er war mein Ein und Alles. Ich will ihn wieder – nicht den hier“, meint die Mutter schluchzend.

Wen sie beide denn noch im Leben hätten, fragt der Richter die Kombattanten. „Bloß ihn“, sagt die Mutter und deutet auf ihren Sohn. „Nur sie“, echot jener.

Das Verfahren wird eingestellt. Kein Urteil. Nur ein guter Rat. „Gehen Sie getrennte Wege.“ Zweifaches Nicken. Leider mag niemand sonst im Saal ernsthaft dran glauben, dass es so kommen wird.

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