Wilhelm-Leuschner-Platz

Der preisgekrönte Verteilerkasten

Ein schnöder Langener Verteilerkasten hat Mitte der 1990er Jahre einen der wichtigsten Kunstpreise in Deutschland gewonnen. Wie kam es dazu? Die Geschichte eines Mannes und seiner Sitzbank.

Als der damalige Student der Frankfurter Städelschule Stefan Kern vor ziemlich genau 25 Jahren auf den Wilhelm-Leuschner-Platz stolperte, hätten ihm viele Dinge ins Auge fallen können: der Vierröhrenbrunnen, die Stadtkirche, vielleicht sogar die ehemalige Gerichtslinde. Stattdessen regte die Fantasie des jungen Künstlers Kern aber etwas anderes an: die Verteilerkästen für Strom und Telekommunikation.

Damals wickelten sich noch Rundsitzbänke um die Bäume auf Langes historischem Platz, stets bereit, den Bürgern im Schatten der Natur etwas Ruhe zu spenden. Und nebenan standen eben jene schnöden Kästen. Aus dieser Inspiration heraus schuf Kern seine erste bedeutende „Skulptur um Verteilerkasten“: eben eine Rundsitzbank um einen der Verteilerkästen herum. Wenn man so will, in Farbe und Gestalt die grauen Kästen aufgreifend, ein Sitzmöbel mit Tiefsinn und Humor. Eigentlich ein die Szene konterkarierendes Kunstwerk – auch wenn wohl kaum ein Langener das je bemerkt hat.

Aufgefallen ist das Werk aber schon Anfang der 90er Jahre – den bedeutenden Größen der deutschen Kunstszene wie Kaspar König, damals beim Museum Ludwig in Köln, oder Jan Huet, Ex-documenta-Chef. Sie zeichneten die Skulptur 1995 mit dem „jungen westen“ aus, einem der ältesten und wichtigsten Kunstpreise der Bundesrepublik, vergeben von der Stadt Recklinghausen. Eine hohe Ehre für das ungewöhnliche Langener Objekt, das 1993 innerhalb des von der Stadt Langen veranstalteten Bildhauersymposions entstanden war.

Die Maler Emil Schumacher, Thomas Grochowiak, Heinrich Siepmann, Hans Werdehausen, Gustav Deppe und der Bildhauer Ernst Hermanns hatten die Gruppe „junger westen“ 1948 in Recklinghausen gegründet mit der Absicht, den in der Zeit des Nationalsozialismus verlorenen Anschluss an die Kunst der Moderne wiederherzustellen. Sie wollten eigene künstlerische Ausdrucksformen finden, die in der industriell geprägten Region des Ruhrgebiets verwurzelt sein sollten. Auch die Förderung des Erfahrungsaustausches unter Künstlern sahen sie als Ziel. In diesem Geiste lebt der Preis bis heute weiter, auch wenn die Gruppe sich bereits 1962 auflöste. Ihren Namen trägt jetzt der von der Stadt Recklinghausen seit 1948 als Förderpreis vergebene, derzeit mit 10.000 Euro dotierte Kunstpreis „junger westen“. Für Stefan Kern sollte „Skulptur um Verteilerkasten“ der Startschuss für die Karriere als bildender Künstler sein.

Der heute 51 Jahre alte Stefan Kern ist inzwischen ein wichtiger zeitgenössischer Künstler. Jüngst wurde er mit dem Edwin-Scharff-Preis der Stadt Hamburg ausgezeichnet. Bekannt ist er für seine eigene Handschrift und seine konsequente Linie, die eben bis in seine Anfänge nach Langen reicht. Mit feiner Ironie, so heißt es, stellt Kern seine Arbeiten in den Grenzbereich von Kunst und Design, von reiner Ästhetik des Objekts und praktischer Verwendbarkeit.

Auf diese Weise thematisiert er die alte Frage nach der „Funktion“ von Kunst: Formal beziehen sich seine Werke zwar auf Vorbilder wie Donald Judd, Sol LeWitt oder Carl Andre, unterwandern jedoch die stark in der Theorie verhafteten Strategien der Minimal Art, indem Kern die Kunst als „Möblierung“ einer konkreten Nutzung zugänglich macht. Meist handelt es sich um Objekte oder Installationen, zum Beispiel Rednerpult oder Sitzgelegenheit, die einen ausgeprägt kommunikativen und physisch erfahrbaren Charakter besitzen.

Heute lebt und arbeitet Stefan Kern in Hamburg. Und vor ein paar Tagen schaute er – zusammen mit seinem jüngsten Sohn Ferdinand – an alter Wirkungsstätte und bei Kulturfachdienstleiter Joachim Kolbe, der damals für das Symposion verantwortlich war, vorbei. Beide nutzten die Stippvisite für einen Besuch bei eben dieser denkwürdigen Langener „Skulptur um Verteilerkasten“.

(red)

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