Lumpenmontagsumzug

TÜV bedroht Fastnachtstradition

Die Geschichte des Lumpenmontags in der Hugenottenstadt ist mehr als 50 Jahre alt. Doch neue Tüv-Bestimmungen verderben den Karnevalisten den Spaß.

„Vieles, was früher ging, ist heute unmöglich“, sagt Karl-Heinz Müller. Der Vorsitzende des FBIK (Förderverein zur Brauchtumspflege des Isenburger Karneval) kämpft zwei Wochen vor dem Lumpenmontagsumzug an vielen Fronten. Da sind an Fahrzeugen Bremsen zu erneuern oder Schweißarbeiten durchzuführen. Und der Tüv muss alles abnehmen. „Das kostet mehrere 1000 Euro pro Jahr“, so Müller. Denn das Erneuerungsgutachten ist jedes Jahr fällig. Neben den Aufbauten, deren Bodenbeläge und Brüstungshöhen kontrolliert werden, ist es vor allem das hohe Alter der Fahrzeuge, das Probleme macht. So brauchte der Bembelwagen aus den 1950er Jahren neue Reifen – und die kosteten mal eben 900 Euro.

Doch damit nicht genug. Haben die Brauchtumswagen die Plakette, muss Müllers Mitstreiter Günter Schleifer nach Darmstadt zum Regierungspräsidium, um die Ausnahmegenehmigung für die Kurzzeitkennzeichen einzuholen. Dabei ist Timing gefragt. Weil die grünen Nummernschilder nur fünf Tage lang gültig sind, kann dieser Behördengang erst am Freitag vor dem Lumpenmontag erfolgen. Sonst droht den Wagen ein Fahrverbot noch ehe die tollen Tage vorüber sind.

Zweimal abgesagt

In Anbetracht solcher bürokratischer Hürden geraten Karl-Heinz Müller und Günter Schleifer ins Schwärmen, wenn sie an frühere Umzüge denken. „Als wir Mitte der 1960er nach der Gründung des Karnevalsvereins ,Die Watze’ anfingen, haben wir einen Sessel auf einen PKW-Anhänger gestellt und darauf hat der damalige Bürgermeister Ludwig Arnold Platz genommen. Das war dann unser Sonnenkönig auf seinem Thron“, erinnert sich der 60-jährige Müller. Es gab drei Meter hohe Fahrräder und Sonderkonstruktionen der Karosseriefirma Gosch. Immer mehr Vereine gründeten sich in dieser Zeit und ließen den Lumpenmontagszug wachsen.

„Watz und Oberlump – die Hauptfiguren des Isenburger Karnevals – fuhren damals noch in die Schulen und schlossen diese, damit die Schüler am Lumpenmontagsumzug teilnehmen konnten. Aber das wurde uns irgendwann verboten“, so Müller weiter. Und einige der alten Brauchtumswagen mit ihren Sonderkonstruktionen mussten vor ein paar Jahren wegen des Tüvs sogar aussortiert werden.

Schlimme Unfälle gab es aber nie, wissen Müller und Schleifer. Und nur zweimal wurde der Lumpenmontagsumzug abgesagt. 1991 fiel er wie alle Straßenumzüge in Deutschland wegen des Golfkriegs aus. 2016 sagten die Verantwortlichen den Zug wegen einer Sturmwarnung ab. Bereits 1990 hatten die Isenburger beim Orkan Wiebke erlebt, wie so ein Sturm den Zug durcheinanderwirbeln kann. „Kurz vor Ende des Umzugs ging das Unwetter plötzlich los. Die Leute flüchteten in Hauseingänge und Geschäfte. Die Motivwagen hat’s zerlegt“, erzählt Günter Schleifer. „Eine Kommunikation mit dem Wetterdienst wie heute gab es damals noch nicht.“

Kein Nachfolger in Sicht

Karl-Heinz Müller und Günter Schleifer finden noch weitere Beispiele, wie sich der Lumpenmonat in Neu-Isenburg im Laufe der Jahre veränderte. Haben Watz und Oberlump vor Jahren noch bis zu 20 Kneipen und Vereine mit Karnevalsfeiern nach dem Umzug abgeklappert, sind es heute nur noch fünf. Auch der Zug ist kürzer geworden: „Wir hatten mal an die 100 Zugnummern. Heute sind noch 60 bis 70“, weiß Günter Schleifer.

Grund hierfür ist aber nicht nur der Tüv. „Die meisten Vereine haben ein Problem mit der Verjüngung“, sagt Schleifer, der die Funktion des Zugmarschalls inne hat. Dabei gehe es nicht nur darum, neue Mitglieder zu gewinnen. Auch die Übernahme von Ämtern innerhalb des Vereins, gestalte sich schwierig. Der 67-Jährige hört dieses Jahr nach den tollen Tagen aus gesundheitlichen Gründen auf. Ein Nachfolger ist aber nicht in Sicht: „Keiner will die Arbeit machen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare