Speisekammer

„Der Dank ist der schönste Lohn“

Viele fleißige Hände sorgen jeden Freitag dafür, dass Menschen mit zu niedrigem Einkommen in Neu-Isenburg Lebensmittel erhalten. Doch die Ehrenamtler haben selbst dringend Unterstützung nötig.

„Wir haben heute den Joghurt mit der Ecke. Oder wollen Sie lieber Activia. Ist noch zwei Wochen haltbar. Welche Geschmacksrichtung? Nein, Naturjoghurt haben wir heute nicht so viel. Da kann ich Ihnen nur einen Becher geben.“ In den Kellerräumen der Neu-Isenburger Speisekammer in der Pfarrgemeinde St. Josef geht es freitags ein bisschen zu wie auf einem ganz normalen Markt. Die Verkaufstische biegen sich unter Milchprodukten, Obst, Gemüse, Konserven und Käse. Und doch ist hier alles ganz anders. Denn die Kunden der Speisekammer sind auf die hier angebotenen Lebensmittel dringend angewiesen. Sie haben nicht genug Geld, um allein über die Runden zu kommen.

„Bis zu 150 Menschen nehmen das Angebot der Speisekammer in Anspruch“, erzählt die Leiterin Maria Sator-Marx dieser Zeitung. Am gestrigen Freitag waren es 136. Es sind Rentner, Harz-IV-Empfänger oder Alleinerziehende mit geringem Einkommen. Mehr Alte als Junge, mehr Frauen als Männer. Zwei Drittel haben einen Migrationshintergrund. „Viele kommen seit mehreren Jahren. Man kennt sich, und unsere Helferinnen wissen, was die Kunden möchten. Ob sie Vegetarier oder Allergiker sind. Von einigen kennen sie die ganze Lebensgeschichte“, berichtet die Leiterin. „Sie kümmern sich um die Leute.“ Zeit für einen kleinen Plausch ist dabei immer. Die Speisekammer fungiert auch als wichtiger sozialer Treffpunkt und leistet einen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen. Die Atmosphäre ist familiär.

Spaß an der Arbeit

„Wir haben Spaß an dieser Arbeit und wollen diese Freude auch den Kunden vermitteln“, sagt Ingeburg Bremser, die hinter der Gemüsetheke steht, frische Paprika anpreist und darauf achtet, dass alles gerecht verteilt wird. Sie ist einer von 40 Helfern und seit der Gründung der Einrichtung vor 13 Jahren dabei. Ehrenamtlich, wie alle hier. „Die Leute bedanken sich so herzlich. Das ist doch der schönste Lohn“, sagt die Seniorin strahlend. In einem Monat wird sie 90 Jahre alt. Doch das hält Ingeburg Bremser nicht davon ab, jeden Freitag zu helfen. Weil das lange Stehen ihren Knien nicht gut bekommt, haben die Kollegen ihr einen Hochstuhl besorgt, auf den sie sich während der Arbeit immer mal wieder setzen kann.

Damit es kein Gedrängel um die Waren gibt, wird die Reihenfolge vorher ausgelost, nach der die Kunden bedient werden. Einer von ihnen ist Peter Frey aus Neu-Isenburg. Seit drei Monaten kommt er regelmäßig. Der 58-Jährige hat die Lungenkrankheit COPD im Endstadium. Knapp 300 Euro bleiben ihm nach allen Abzügen pro Monat von seiner Invalidenrente. Für ihn ist das Angebot der Speisekammer ein Segen. Er schätzt die Arbeit der freundlichen Helferinnen. Hierher zu kommen, macht ihm nichts aus. „Jammern nützt doch nicht“, sagt er.

Das geht nicht allen Bedürftigen so. „Viele haben eine Hemmschwelle, unser Angebot anzunehmen“, weiß Maria Sator-Marx. Einige würden bei ihrem ersten Besuch sogar weinen. Dabei müsse sich niemand schämen, der die Speisekammer besucht. „Für uns sind das Menschen wie jeder andere auch“, sagt die Chefin. „Wir betrachten sie als normale Kunden.“ Den symbolischen Preis von einem Euro für Alleinstehende und zwei Euro für Familien nehme man, damit die Lebensmittelvergabe nicht als Almosen wahrgenommen werde. Wer es aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst zur Kammer in die Kirchstraße schafft, der bekommt sein Lebensmittelpaket nach Hause geliefert. 16 Menschen machen derzeit davon Gebrauch.

Zupackende Hände gesucht

Um die freitägliche Lebensmittelvergabe sicherstellen zu können, ist die Isenburger Speisekammer natürlich auf Hilfe angewiesen. „Wir müssen jede Woche Lebensmittel zukaufen“, erklärt Maria Sator-Marx. Vor allem sind das Mehl, Zucker, Nudeln, Konserven und Hygieneartikel. „Diese Woche haben wir für 70 Euro Wurst gekauft. Insgesamt bewegen sich unsere wöchentlichen Einkäufe bei 200 bis 250 Euro.“ Weitere Kosten entstehen für das Kühlfahrzeug, mit dem die Waren von den Supermärkten abgeholt werden.

Hilfe kommt unter anderem von den Musikern des „Interton Trios“. Für den 11. März lädt die Gruppe schon zum fünften Benefizkonzert zugunsten der Speisekammer in die Hugenottenhalle ein. Zusammen mit weiteren musikalischen Gästen will das Trio Spenden sammeln und für die Unterstützung der Speisekammer werben. Bei den bisherigen vier Benefizveranstaltungen kamen 38 000 Euro zusammen. Dieses Jahr soll die Marke von 50 000 Euro geknackt werden, so Bandleader Helmut Sauer.

Speisekammer-Leiterin Maria Sator-Marx betont, dass jeder Spenden-Euro jenen Menschen zugute kommt, welche die Hilfe am nötigsten brauchen. Neben finanziellen Mitteln sucht sie aber händeringend zupackende Hände. „Am liebsten kräftige Männer zum Heben der schweren Kisten.“ Denn das Abholen der Waren, das Ausladen, Auf- und Abbauen in St. Josef sowie der Verkauf sind anstrengend. „Wenn die Helfer am Freitagnachmittag hier rausgehen, sind sie echt platt“, sagt sie. Ihre fast 90-jährige Kollegin Ingeburg Bremser pflichtet ihr bei: „Den Menschen zu helfen, ist anstrengend, aber schön.“

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