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So erlebten die Menschen vor 300 Jahren einen Wintertag

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Von: Leo Postl

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Vor lauter Angst vor dem gestrengen Lehrer merkt Louise nicht einmal, dass die Tafel auf dem Kopf steht.
Vor lauter Angst vor dem gestrengen Lehrer merkt Louise nicht einmal, dass die Tafel auf dem Kopf steht. © Leo F. Postl

Mancher Neu-Isenburger mag sich angesichts des miesen Januar-Wetters schon die wärmeren Tage herbeisehnen. Trösten könnte ihn aber auch eine kleine Reise in die Vergangenheit. Denn die hugenottischen Vorfahren waren vor mehr als 300 Jahren weitaus schlimmeren Bedingungen ausgesetzt. Mit der Hilfe von Christian Kunz, Leiter des Heimatmuseums „Haus zum Löwen“, und Bettina Stuckard vom Kulturbüro der Stadt haben wir einen Tag im Leben des Hugenottenmädchens Louise rekonstruiert.

Mancher Neu-Isenburger mag sich angesichts des miesen Januar-Wetters schon die wärmeren Tage herbeisehnen. Trösten könnte ihn aber auch eine kleine Reise in die Vergangenheit. Denn die hugenottischen Vorfahren waren vor mehr als 300 Jahren weitaus schlimmeren Bedingungen ausgesetzt. Mit der Hilfe von Christian Kunz, Leiter des Heimatmuseums „Haus zum Löwen“, und Bettina Stuckard vom Kulturbüro der Stadt haben wir einen Tag im Leben des Hugenottenmädchens Louise rekonstruiert:

Es graute der Morgen an einem kalten Wintertag über der kleinen Hugenottensiedlung „Neu-Isenburg“. Der Landesherr, Graf Johann Philipp von Isenburg-Offenbach, hatte den geflüchteten Glaubensflüchtlingen aus Südfrankreich großzügig ein Stück Land auf einer feuchten Wiese nahe eines Baches zur Verfügung gestellt. Wasser war die Lebensgrundlage für Mensch und Tier – doch das Wasser stand auch hoch auf dem ganzen Gelände. Bald waren die aus einfachen Materialien errichteten Hütten vermodert und es regnete durch die Schilfdächer ins Innere. So ist es in einer Schilderung im Gerichtsbuch nachzulesen, in dem ein Fall über Waldfrevel verhandelt wurde. Der nahe Wald gehörte nämlich zu Frankfurt und die Förster mochten es überhaupt nicht, wenn Menschen sich unerlaubt an ihrem Revier bedienten.

In den Hütten ließ man das Feuer über Nacht erlöschen, denn Brennholz gab es kaum. So wachte die junge Louise, die sich in alles gehüllt hatte, was die Körperwärme zu speichern vermochte, wieder einmal durch das Schlagen des Eisenrings an einen Feuerstein auf. Ihr Vater versuchte mit den Funken den Zunderschwamm zum Glühen zu bringen. Er pustete vorsichtig in die Glut und fügte ein paar trockene Grashalme hinzu. Die züngelnden Flammen fütterte er mit trockener Rinde und Holz – bis schließlich das Feuer in der Feuerstelle loderte.

Louise schüttelte den kalten Reif ab, der sich über Nacht auf ihren Körperschutz gelegt hatte, und suchte das wärmende Feuer auf. Als die steifen Glieder beweglich waren, trank sie eine warme Brühe, die Kraft spenden sollte. Draußen lag noch feuchter Nebel über der mit reif bedeckten Landschaft und bald kräuselten sich auch aus den anderen Hütten leichte Rauchwölkchen in den trüben Winterhimmel. Anzeichen für einen „schönen“ Wintertag – also ein Tag zum Wäschewaschen am nahen Bach. Louise bekam einen Weidenkorb voller Unterkleider und machte sich auf den Weg.

„Früher wurden die filzigen Oberkleider, wie dicke Jacken und Hosen, ohnehin nicht gewaschen“, erklärt Christian Kunz, Leiter des Heimatmuseum „Haus zum Löwen“. Leider gibt es nur ganz wenig Nachlässe der frühen Hugenotten, was Kleidung oder auch Handwerkszeug betrifft. „Wir müssen sie uns aus den Beschreibungen der einzelnen Fälle zusammenreimen“, betont Kunz.

Luise kam durchgefroren vom Bach zurück, die Wäsche breitete sie auf der Wiese aus, um sie nach einer weiteren frostigen Nacht wieder zu holen – sofern sie noch da war. Manchmal wurde die Wäsche auch auf einer Leine aufgehängt, dass sie ordentlich durchfrieren konnte, in der warmen Hütte wurde sie dann getrocknet. „Das war früher im Winter so üblich“, erklärt Kunz. Gewaschen werden durfte aus religiösen Gründen nicht am Sonntag.

Die ersten hugenottischen Siedler besannen sich auf ihr erlerntes handwerkliches Geschick, etwa als Strumpfwirker, und sorgten so für einen stetigen wirtschaftlichen Aufstieg Neu-Isenburgs. Dies wurde von den umliegenden Gemeinden mit Argwohn verfolgt. Die französische Siedlung nannte man verächtlich „welsches Dorf“. Bald konnten sich die Hugenotten nicht nur einen Pfarrer, sondern auch einen Lehrer leisten und errichteten 1704 die „Französische Schule“.

Dorthin wurde auch Louise geschickt. Über ihrem dünnen Unterkleid hatte sie nur einen gewirkten Mantel, an den Füßen ein paar Schlappen aus Tierhaut und eine Haube auf dem Kopf. Frierend kam sie nach Hause und suchte Wärme an der Feuerstelle. Doch diese erlosch, nachdem das Essen zubereitet war, denn es musste an Holz gespart werden. Der Nachfolger von Graf Johann Philipp, Wilhelm Moritz II., soll zwar von diesen Zuständen gewusst haben, doch er kümmerte sich lieber um seinen Tiergarten in der Dreieich – dem heutigen Philippseich. Louise hoffte auf einen kurzen Winter, damit sie sich bald an den Strahlen der Frühlingssonne erwärmen konnte.

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