Reportage

So hart ist der Alltag eines Rettungssanitäters

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Die Arbeitsbedingungen für die Rettungskräfte im Kreis Offenbach haben sich verändert, die Einsatzzahlen steigen. Dennoch haben die Mitarbeiter des Rettungsdienstes stets das Wohl ihrer Mitmenschen im Blick.

Rund um den Neujahrstag häuften sich Reportagen in Funk und Fernsehen über die erschwerten Arbeitsbedingungen von Rettungskräften. Von Pöbeleien bis hin zu tätlichen Angriffen war die Rede. „Zum Glück haben wir keinen körperlichen Angriff auf unsere Sanitäter zu beklagen. Ähnlich wie bei den Problemen mit den Rettungsgassen und den Gaffern sind das sicher Phänomene, die es gibt. Aber sie sind glücklicherweise nicht unser Alltag“, sagt Mike Tetzner, Rettungsdienstleiter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Stadt- und Kreis Offenbach. Mit 50 Mitarbeitern sorgen die Rettungsassistenten und Notfallsanitäter im Westkreis mit den Wachen in Neu-Isenburg und Langen für die Notfallversorgung der Menschen.

Aber wie sieht er aus, der Alltag der Einsatzkräfte? An diesem Morgen ist es um 10 Uhr auf der Wache in der St. Florian Straße in Neu-Isenburg recht ruhig. Robin J. (21) und Marcel Schäfer (23) haben ihren Dienst um 7 Uhr begonnen. Acht bis zwölf Stunden sind die Mitarbeiter im Dienst. Leben retten ist die eine Aufgabe, das Auto und die Umgebung sauber zu halten, alles aufräumen und Materialien auffüllen, die andere. „Heute ist ein normaler Tag“, sagt Marcel, der im Oktober seine Ausbildung zum Notfallsanitäter abgeschlossen hat.

Kein Tag wie der andere

Zweimal sind die beiden Retter heute schon mit Blaulicht losgesaust. Der erste Einsatz war eine Frau, die gestürzt war und eine Kopfplatzwunde hatte. „Wir haben sie zur Abklärung ins Krankenhaus gebracht“, erzählt Robin. Der zweite Fall war eine Erzieherin im Kindergarten, die sich plötzlich unwohl fühlte. Sie wollte nicht mit ins Krankenhaus und musste unterschreiben, dass sie dies auf eigene Verantwortung nicht tut. „Es ist ein toller Beruf, kein Tag ist wie der andere, wir wissen nie, was uns erwartet, und können Menschen in absoluten Ausnahmesituationen helfen“, beschreibt Marcel.

Auch wenn die Ersthelfer nicht tätlich angegriffen werden, haben sich die Arbeitsbedingungen doch verändert. Die Einsatzzahlen steigen leicht an. 31 500-mal sind die DRK-Rettungswagen 2016 gestartet – allerdings sind da die Standorte in Mühlheim, Seligenstadt und Offenbach involviert. „Was wir deutlich spüren, ist die Zusammenlegung der notärztlichen Versorgung im Kreis. Gab es früher in der Mitte und dem Westkreis noch in Dietzenbach und Neu-Isenburg Notdienstzentralen, ist heute nur noch eine Versorgung in Langen an der Asklepios Klinik, welche die Notfälle behandelt“, berichtet Mike Tetzner. Da gehören die schwere Grippe, das Bauchweh, das seit Tagen anhält, und der umgeknickte Knöchel nun schon zum Tagesgeschäft der Rettungssanitäter.

Wenn der Hausarzt nicht geöffnet hat und die Leute sich nicht zu helfen wissen, wählen sie die 112. „Dabei ist das eigentlich nicht unsere Aufgabe. Natürlich fahren wir immer los und versorgen die Leute auch“, betont Tetzner. Es lässt sich ja auch am Telefon nicht hören, wie dringlich der Fall ist. Die Anrufe gehen in der Leitstelle in Dietzenbach ein, deren Mitarbeiter genau im Blick haben, welcher Rettungswagen am nächsten dran ist: einer der Eigenbetriebe des Kreises Offenbach, das DRK im Westen oder die Johanniter Unfallhilfe im Osten des Kreises. In der Leitstelle wird auch entschieden, ob gleich ein Notarzt mit rausgeschickt wird. „Das ist bei allen akuten, vitalen Bedrohungen der Fall“, erläutert der Rettungsdienstleiter. Aber die Mitarbeiter in den Rettungswagen können auch jederzeit einen Notarzt nachfordern, wenn sie es für notwendig halten.

Interkulturelle Schulung

Haben es die Rettungskräfte im Umgang mit den Patienten heute schwerer? „Nein, das nicht unbedingt. Aber wir haben kulturelle Herausforderungen, treffen auf Menschen, die unsere Sprache nicht verstehen. Und man darf nie vergessen: Das, was für unsere Mitarbeiter eine Alltagssituation ist, ist für den Patienten und das Umfeld eine absolute Ausnahmesituation“, so Tetzner. Deshalb werden alle Mitarbeiter nicht nur für die medizinischen Notfälle geschult, sondern auch in Fragen der Kommunikation und Deeskalation. „Seit zehn Jahren durchlaufen alle auch eine interkulturelle Schulung.“

Für die Zukunft wünscht sich Tetzner, dass der Kreis weiter auf die Unterstützung des DRK setzt: „Der kommunale Träger, also der Kreis, hat die Verantwortung dafür, dass der Rettungsdienst gesichert ist. Er kann diese Aufgabe selbst übernehmen oder fremd vergeben“, erläutert der Fachmann. Bei den Notärzten organisiert der Kreis die Versorgung inzwischen selbst. Der Malteser Hilfsdienst ist in Obertshausen nicht mehr beauftragt. „Das ist schwierig für das DRK, wir haben keinen Planungshorizont für 2020. Aber wir gehen davon aus, dass unsere Mitarbeiter auch im Jahr 2020 noch Leben retten im Kreis Offenbach. Wir sind nämlich gut, schlagkräftig und auch noch nett.“, sagt Teztner lachend.

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