Blindsein

Heute ist „Tag des weißen Stocks“

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Sie besitzt Humor und Selbstironie, ist meinungsstark und redegewandt. Sie ist eine Frau mit Mann und zwei Kindern, die voll im Leben steht. Sie ist blind. Die Bloggerin Lydia Zoubek will mit ihren kleinen Geschichten aus ihrem Alltag nicht die Welt verändern – aber dazu beitragen, dass die unsichtbare Wand zwischen vielen Sehenden und nicht Sehenden durch Aufklärung bröckelt.

„Blinde sind blind“, schreibt die Neu-Isenburgerin Lydia Zoubek in der „Über-Mich“-Rubrik ihresund fügt hinzu: „Das ist so ziemlich alles, was sie gemeinsam haben“. Es sind solche griffigen, entwaffnenden Sätze, mit denen die als blindes Kind arabischer Eltern in Jordanien geborene und im Alter von vier Jahren nach Deutschland gezogene Frau jene Verallgemeinerungen und Klischees entkräftet, die mancher Sehende über Blinde pflegt. Die Einblicke, die sie in ihrem Online-Journal gibt, reichen von Empfehlungen von Apps, die blind bedienbar sind, Anregungen fürs Stricken mit Sehbehinderung, über Überlegungen zu Barrierefreiheit oder Inklusion bis hin zu Tipps im Umgang mit Blinden – ihrem Gastbeitrag für diese Zeitung.

Mitleid? Braucht sie nicht: Sie führt „ein selbstbestimmtes Leben mit meinem ebenfalls blinden Mann, normal sehenden Kindern und zwei Katzen“. Hilflos? Ist sie nicht. Auf dem einen Auge hat sie zwar nur noch zwei Prozent Seh-Rest. Das andere nimmt noch Umrisse war, sofern die Sonne nicht zu hell scheint. Und doch hat sie mehr Durchblick als mancher Sehende. Sie weiß sich zu wehren, wenn ihr jemand dumm kommt. Und nimmt unsicheren Gesprächspartnern durch ihre direkte Art schnell die Scheu, etwas Falsches zu sagen.

In Neu-Isenburg, wo sie aufwuchs und seit 2002 wieder lebt, fühle sie sich wohl, betont Zoubek. Wenn sie ihrer Stadt in Sachen Blindenfreundlichkeit auf einer Skala von null bis zehn dennoch nur „vier bis fünf Punkte“ geben würde, begründet sie das damit, „dass die blindengerechten Maßnahmen ohne Hinzuziehen von Experten installiert wurden.“. Oft zeige sich: Gut gedacht ist nicht immer gut gemacht.

Ein Beispiel gibt sie bei einem gemeinsamen Stadtspaziergang. „Hier hat sich ein Designer ausgetobt“, kommentiert sie süffisant beim ersten Stopp, der Kreuzung „Herzogstraße/Friedrichstraße“. Denn auf den ersten Blick wirken Ampelanlage und die weißen, genoppten Leitstreifen, die blinden und sehbehinderten Menschen den Beginn der Kreuzung signalisieren und den Weg zur Ampel leichter machen sollen, modern. Doch der erste Teil der Streifens auf der Innenseite des Fußgängerweges wird jäh durch den Fahrradweg unterbrochen, ehe er an der Kreuzung weitergeht. „Ich komme hier zurecht“, sagt sie, „aber nur dank meiner Ortskenntnis.“ Ohne die könne sich ein blinder Mensch hier nur schwer orientieren – für zusätzliche Verwirrung sorge ein Laternenpfahl, der an den Leitstreifen anschließt. Die meisten Isenburger Ampeln geben nach Auskunft Lydia Zoubeks keine Tonsignale, sondern vibrieren lediglich. „Das hilft mir nur dann, wenn ich schon am Ampelmast stehe, aber nicht, um die Ampel zu finden“, beklagt sie.

Hat man die Friedhofstraße überquert, ist auf der anderen Seite der Kreuzung der Leitstreifen so, wie er sein sollte: Er führt klar zum Ampelmast. Dort, wie auch an anderen Ampeln der Stadt, weist ein kleiner, mit den Fingern zu ertastender Pfeil dem blinden Passanten den Weg zur anderen Straßenseite – ein zweiter Pfeil steht für Verkehrsinseln. Im Prinzip gut gedacht. Nicht selten aber ist die imaginäre Linie nicht wirklich gerade, sondern führt leicht an der Zielzone auf der anderen Straßenseite vorbei.

Nächster Halt: „Horrorkreuzung“. So nennt die Bloggerin die Kreuzung Frankfurter Straße/Friedhofstraße. „Die überquere ich wirklich nur dann, wenn ich muss – etwa, um zur Postfiliale auf der anderen Seite zu kommen,“ gesteht sie, während sie mit ihrem Blindenstock den Boden minutenlang vergeblich nach Orientierung gebenden Elementen abtastet. „Ich stehe oft auf Verkehrsinseln und muss mir überlegen, wie ich weiterkomme“, berichtet sie. „Mit viel Glück ist die klein genug, um zu wissen: Da geht’s geradeaus. Mit Pech aber ist sie riesengroß wie diese hier – und dann muss ich suchen.“

Manchmal steckt der Teufel auch in vermeintlichen Kleinigkeiten: So ist die Leitlinie vor der Hugenottenhalle nach Einschätzung Lydia Zoubeks zu abgenutzt und mit dem Blindenstock kaum mehr fühlbar. Für Menschen mit Sehbehinderung wiederum weise sie zu wenig Kontraste auf.

Doch nur zu meckern und zu kritteln, ist nicht Lydia Zoubeks Art. Ebenso würdigt sie jene positiven Dinge, die blinden und sehbehinderten Menschen den Alltag ein bisschen leichter machen. So aktiviert ein Knopfdruck an der Bushaltestelle „Isenburg-Zentrum West“ eine elektronische Ansage der Busse. „Line OF-51 in Richtung Neu-Isenburg-Zeppelinheim Bahnhof fährt 8.08 Uhr“, meldet eine Frauenstimme. „Eine gute Sache“, lobt Lydia Zoubek, auch wenn sie selber eine iPhone-App nutzt, um informiert zu sein.

Lydia Zoubek twittert auch, unter erreichbar, auf Facebook ist sie über „“ zu finden.

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