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Ein kleiner ?Aufräum-Bagger? hat am Deutschen Haus schon mal Stellung bezogen.

Kulturgut

Isenburger sind fassungslos über Abrisspläne fürs Deutsche Haus

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Über 100 Jahre lang zählte das traditionsreiche Haus zu den attraktivsten Hinguckern der Hugenottenstadt – nun droht ihm die Abrissbirne. Viele Isenburger macht die Entscheidung fassungslos – für sie verschwindet mehr als nur ein hübsches Gebäude.

Schon seit geraumer Zeit steht das „Deutsche Haus“ in der Bahnhofstraße 191 leer. Nun kommt Bewegung in die Sache – leider nicht so, wie es sich viele Isenburger gewünscht hätten: Halteverbotsschilder, bereits vor einer Woche auf den Straßen aufgestellt, ließen erahnen, dass etwas passiert. Am Montag wurde ein kleiner Bagger abgeladen und gestern stellten Bauarbeiter ein Gerüst auf. Jedoch nicht, um das Deutsche Haus“ zu sanieren, sondern um Vorbereitungen für den Abriss zu treffen. Die mit Asbest behafteten Dachschindeln müssen getrennt entsorgt werden, das Haus wird sachgerecht entkernt – erst dann kommt der große Abbruchbagger.

Tradition geht zu Ende

Dennoch: Das Schicksal des traditionsreichen Hauses ist besiegelt, an seiner Stelle wird ein Mehrfamilienhaus mit sechs Wohnungen entstehen, wie Bürgermeister Herbert Hunkel bestätigte. Für viele Neu-Isenburger verschwindet damit nicht nur ein schönes Haus, sondern es endet auch eine besondere Traditiongeschichte. „Es ist mehr als traurig, dass solch ein Kulturgut der Stadt abgerissen wird, ohne dass die Stadt oder die untere Denkmalschutzbehörde etwas dagegen unternimmt beziehungsweise unternehmen kann“, meint Gerhard H. Gräber mit sichtlichem Wehmut.

Nicht nur für ihn war das Deutsche Haus „das“ Lokal im Westend. Im Sommer war der Gartenbetrieb unter herrlichen Platanen mit den bunten Lichterketten immer toll besucht. Es war die Heimat von Vereinen, denn im Saal wurden Feierlichkeiten aller Art veranstaltet, von Silvester bis Fastnacht, von Tauffeiern über Kommunion, Konfirmation bis hin zu Hochzeitsgesellschaften – „es gab sogar kleine Konzerte“, erinnert sich Gräber.

Als Willi Wessinger von Konditoranien in der Session 1954/1955 Karnevalsprinz von Neu-Isenburg war, hatte er dort sein Hauptquartier. Die örtliche FDP hielt viele Versammlungen im deutschen Haus ab. „Wir Kinder haben immer im schönen Garten gespielt, während die Eltern speisten. Im Haus selbst durften wir nicht spielen, da wurden wir von der Inhaber-Tochter vertrieben“, so Gräber. Dort 1964 das Klassentreffen der Klassen 10bR auszurichten, war der Wunsch seiner Klassenkameraden. „Ein Teil Iseborjer Geschichte stirbt mit dem deutschen Haus“, betont Gerhard H. Gräber.

Dass Neu-Isenburgs Bürgermeister Herbert Hunkel nichts unversucht ließ, das architektonisch schöne Gebäude zu retten, ist belegt. „Zum Erhalt des ehemaligen Deutschen Hauses hat die Stadt zahlreiche Gespräche geführt, auch mit dem Eigentümer und dessen Schwiegersohn. Laut Eigentümer war es nicht möglich, einen Nachfolger für den Weiterbetrieb des Restaurants zu finden, so dass zunächst ein Verkauf des Hauses angestrebt wurde“, bestätigt Hunkel. Der Abbruchantrag wurde bereits am 16. Januar 2017 vom Kreis Offenbach genehmigt.

Hunkel versuchte auch danach, das Deutsche Haus zu retten. So ließ er vom Landesamt für Denkmalpflege prüfen, das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen – erfolglos. Auch der Versuch, über die städtische Gewobau das Deutsche Haus für Wohnungen umzubauen, scheiterte: „Der hohe Aufwand für die Sanierung und den Umbau, verbunden mit dem Kaufpreis, ist wirtschaftlich nicht darzustellen. Erträge decken bei weitem nicht den Aufwand“, so urteilte Geschäftsführer Stephan Burbach nach der Besichtigung. Auch Frank Junker, Geschäftsführer der ABG Frankfurt sowie der Projektentwickler Claus Wisser sahen das so.

Unternehmen winkten ab

Verschiedenen Unternehmen, die mich nach Büroflächen gefragt haben, habe ich stets das Deutsche Haus vorgeschlagen. Auch einem Unternehmer, der ein Wohnhaus suchte“, so Hunkel. Ein direkter Ankauf durch die Stadt Neu-Isenburg hätte nach seiner Einschätzung – wegen der Erfahrungen aus der Geschichte mit dem Pojekt Waldschwimmbadrestaurant – sicherlich keine Akzeptanz gefunden.

Am 19. Januar 2017 erhielt der Eigentümer vom Kreis Offenbach die Baugenehmigung für den Neubau eines Mehrfamilienhauses mit sechs Wohnungen auf dem Teil des Geländes, wo jetzt das Deutsche Haus steht. Auf dem Gelände in der Brunnenstraße wurde der Bau von 2 Reihenhäusern genehmigt. „Am 30. August 2017 habe ich den Haupt- und Finanzausschuss über meine Bemühungen zum Erhalt des Deutschen Hauses informiert. Ende August hat der Eigentümer mitgeteilt, dass er das Grundstück nicht verkaufen will, sondern das Projekt selbst betreibt“, so Herbert Hunkel.

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