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Jutta Duchmann verrät, was eine erfolgreiche Bücherei im Jahr 2018 ausmacht

Die Bibliothek der Hugenottenstadt gilt seit langem als eine der besten Büchereien Hessens und verzeichnete im vergangenen Jahr mit 163 000 Besuchern einen Rekord. An Erfolg und Entwicklung der Institution eng beteiligt ist Jutta Duchmann (65), die sie seit 1991 leitet. Zum Jahresende wird sie in den Ruhestand gehen. Zum heutigen Tag der Bibliotheken verrät sie unserem Reporter Michael Forst, wie ihre Literaturleidenschaft begann und wie sich Büchereien auch im digitalen Wandel behaupten können.

Frau Duchmann, wie entflammte Ihre Liebe zu Büchern?

JUTTA DUCHMANN: Mein Vater war Schriftsetzer. Von daher gab es bei uns zu Hause zwar immer Bücher. Aber nie so viele, wie ich hätte lesen wollen. Meine Eltern sagten mir immer: „Dann lies es halt noch mal“. [lacht]. Damals gab es noch nicht so viele öffentliche Bibliotheken, also war ich auf das angewiesen, was mir meine Eltern zuteilten.

An welche Bücher erinnern Sie sich?

DUCHMANN: Natürlich an die Kinderbuchklassiker wie Erich Kästner. Meine Eltern waren Mitglied in der Büchergilde Gutenberg, die aus der Gewerkschaftsbewegung hervorgegangen ist. Die Gilde hat als eine der Ersten Exil-Literaten verlegt, deren Bücher von den Nazis verbrannt worden waren. Besonders beeindruckend waren für mich Bücher, die in andere Länder und Kulturen geführt haben.

Was weckte den Berufswunsch, in einer öffentlichen Bibliothek zu arbeiten?

DUCHMANN: Das hat viel mit meiner Schulzeit in Rüsselsheim zu tun. Die Stadt war damals, in den 1960er- und 1970er Jahren, durch Opel mit zeitweise mehr als 50 000 Beschäftigten eine echte Arbeiterstadt. Den Menschen war Weiterbildung wichtig. Chancengleichheit war ein Schlagwort, es sollte Kultur und Bildung für alle geben. Deshalb zog es mich in die öffentliche Bibliothek: Mich reizte weniger das Schöngeistig-Literarische, sondern ein Ort, wo jeder ungeachtet seiner sozialen und kulturellen Herkunft freien Zugang zu Wissen findet. Damals war die Bücherei auch ein Aufenthaltsort für uns junge Menschen.

Ist das nicht wieder modern: Die Bibliothek neben Zuhause und Arbeitsplatz als „dritter Ort“, an dem man sich wohlfühlt?

DUCHMANN: Richtig, wobei die Bibliotheken damals Räume mit vielen Regalen und Büchern waren. Wenn man Glück hatte, gab es einen Hocker und einen Lesesaal, in dem man ruhig sein musste. Heute soll die Bibliothek selbst der Ort sein, in dem man die verschiedenen Medienarten nutzt, etwa die Datenbanken, für die wir Lizenzen bezahlen, die digitalen Medien, auch über unser freies WLAN. Die Bibliothek soll ein lebendiger Treffpunkt sein, der Begegnung ermöglicht, Angebote macht und inspiriert.

Wie schwierig ist es für die Bibliotheken, mit dem Digitalzeitalter Schritt zu halten?

DUCHMANN: Die E-Books, das Ausleihen von E-Book-Lesegeräten, WLAN, die Zugänge zu Datenbanken – sie alle sind das Ergebnis dieses Wandels, den die Bibliotheken mitgemacht haben. Das Problem sind aber weniger die veränderten Medien als das veränderte Leseverhalten.

Was meinen Sie genau?

DUCHMANN: Wir beobachten eine zunehmende Oberflächlichkeit. Gerade durch den Umgang mit den sozialen Netzwerken ist das Denken und der Umgang mit Inhalten ein anderer geworden. Untersuchungen zeigen, dass gerade E-Books oft nur angelesen werden und die Lektüre weniger vertieft wird. Darin sehe ich eine große Gefahr. Die Schüler kommen zwar zu uns. Doch sie leihen sich weniger aus. Das Smartphone ist das dominierende Medium. Aber gerade im Internet ist es schwierig, aus der Fülle der Informationen das herauszufiltern, was wirklich gut und zuverlässig ist.

Was können Bibliotheken da leisten? DUCHMANN: Zum einen ist es wichtig, durch einen weiterhin guten Medien-Etat unser Angebot zu erhalten und zu aktualisieren, um auch für junge Leute attraktiv zu bleiben. Dazu gehören die Lizenzen für Datenbanken wie Brockhaus online oder das Munzinger-Archiv, die geprüftes Wissen enthalten. Außerdem eine hohe Aufenthaltsqualität zu bieten, einen Ort, an dem sich die Menschen wohlfühlen, durchatmen und reflektieren können.

Was können Sie noch tun? DUCHMANN: Wir versuchen, Medienkompetenz zu vermitteln. So haben wir in dieser Woche jeden Morgen vor der Öffnung um 11 Uhr eine Kindergartengruppe oder Schulklasse bei uns. Wir veranstalten Bibliotheks-Rallyes mit Suchaufgaben und machen die Kinder mit der Recherche im Online-Katalog vertraut. Die Kapazitäten verlagern sich von reiner Ausleihtätigkeit hin zu Beratung und Vermittlung von Medienkompetenz. Für Erwachsene bieten wir an jedem ersten Freitag im Monat Internet-Sprechstunden an. Und an jedem Mittwoch gibt es eine Sprechstunde für Kids, in denen auch ein verantwortungsvoller Umgang mit Facebook und Co. vermittelt wird.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den Schulen? DUCHMANN: Sehr gut. Alle Isenburger Grundschulen kommen mitunter zwei mal im Jahr mit allen Klassen zu uns und unseren Zweigstellen in Gravenbruch, Zeppelinheim und im Westend und machen ihren Bibliotheksführerschein. Die weiterführenden Schulen könnten noch öfter kommen.

Am Jahresende gehen Sie in den Ruhestand. Was werden Sie besonders positiv in Erinnerung behalten? DUCHMANN: Zum einen die immer gute finanzielle Unterstützung durch die Stadt. Und auch, wenn wir nicht so gewachsen sind, wie wir das gerne gehabt hätten, haben wir doch hier an der Hauptstelle immer wieder kleinere Erweiterungen und die Anpassung an zeitgemäße Entwicklungen im Bibliothekswesen erreicht. Die Neugestaltung des Eingangsbereichs mit dem begehbaren Schaufenster und den Medieninseln gehört dazu, die Lernwelt und natürlich die ständige Modernisierung und sogar Neugründung unserer Stadtteilbibliotheken, die für wohnortnahe Literaturversorgung und kulturelle Stadtteilbelebung sorgen.

Was wird Ihnen besonders fehlen? DUCHMANN: Vor allem natürlich meine Mitarbeiterinnen, die mit ihrem Engagement und tollen Ideen dafür gesorgt haben, dass alle diese Vorhaben auch erfolgreich umgesetzt werden konnten.

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