Lesung mit Frank Witzel

Messdiener, Keilriemen und RAF

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Die Stadtbibliothek Neu-Isenburg hatte zum Neujahrsempfang mit Frank Witzel einen echten Erfolgsautor eingeladen. Zur Freude der Gäste las er aus seinem preisgekrönten Roman vor.

Wenn sich zwei bedeutsame „Kulturpfleger“ in Neu-Isenburg zusammentun, dann kommt eine hochkarätige und interessante Veranstaltung dabei heraus. So ließe sich der Neujahrsempfang beschreiben, den die Stadtbibliothek gemeinsam mit dem Verein für Heimatpflege und Kultur veranstaltete. In Person von Frank Witzel konnte nämlich der deutsche Buchpreisträger 2015 für eine Lesung aus seinem neuesten Werk gewonnen werden. Witzel hat mit „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ für seinen Roman nicht nur einen langen Titel gewählt, das Werk selbst hat mit 817 Seiten auch einen monumentalen Umfang. „Ich hätte da auch noch mehr draus machen können, aber es muss ja auch in bestimmte äußerliche Normen passen“, sagte der Autor.

Bevor Witzel Passagen aus seinem Werk vortrug, hieß Bürgermeister Herbert Hunkel die vielen Gäste in der Stadtbibliothek willkommen und stellte die Einrichtung noch einmal vor. So verwies Hunkel nicht nur auf die vielen Auszeichnungen, welche die Bildungs- und Kultureinrichtung im Ranking vergleichbarer deutscher Bibliotheken erhalten hat, sondern auch auf die Investitionen, welche die Stadt ihren Büchereien zukommen lässt. „Mit 426 000 Ausleihen haben wir wieder eine ganz hervorragende Resonanz, das bedeutet, dass jeder Isenburger zwölf Mal ein Medium ausgeliehen hat“, betonte Hunkel.

Doch diese Erfolge kämen nicht von alleine. „Dazu bedarf es eines engagierten Teams und einer entsprechenden Leiterin“, lobte der Rathauschef. Als Dank überreichte er der Leiterin der Bücherei, Jutta Duchmann, einen Blumenstrauß und der Vorsitzenden des Freundeskreises der Stadtbibliothek, Margit Rützel-Banz, ein Präsent. „Nun freuen wir uns aber auf unseren besonderen Gast“, sagte Hunkel, der wie alle anderen Gäste der ausverkauften Veranstaltung auf Frank Witzel gespannt war.

Der Erfolgsautor, Zeichner und Musiker wurde in Wiesbaden geboren, verbrachte einige Jahre in Frankfurt und wohnt jetzt in Offenbach. Aber wie kommt ein Teenager dazu, sich ernsthaft mit der Roten Armee Fraktion (RAF) zu beschäftigen? Diese Gedanken trieben auch Frank Witzel um, und er reflektierte seine Jugendzeit.

Zum Inhalt: Im Lieblingsverein, dem Turnverein Biebrich (TVB) 1846, ging es recht spießig zu. Der Jugendliche zog das Blatt mit den drei Buchstaben hervor und verwandelte die Initialen seines Vereins in RAF 69. „Ich, Klaudia und Bernd“, beschrieb Witzel die Jugendbande, die sich nicht so sehr mit Max Regers Verhaltensempfehlungen im „Sternsinger“ anfreunden konnte, dafür aber umso mehr mit Guerillas wie den „Tupamaros“.

Seine Gedanken schweiften immer wieder zwischen der Ostzone – dort, wo Schüler einen Lehrer im Heizungskeller verhören duften, weil dieser von der Schlacht um Stalingrad erzählte – und dem langweiligen Westdeutschland hin und her, wo zwar lange Haare, aber keine Waffen erlaubt waren. „Wir wünschten uns anstatt des erlaubten Gummidolchs lieber ein Fahrtenmesser mit Blutrinne“, zitierte Frank Witzel die Träume der Jugendlichen aus seinem Buch. So ehrenhaft auch der ADAC-Mann gewesen sei, der einen zerfetzten Keilriemen mit der Strumpfhose der Caritas-Frau ersetzt und damit die Weiterfahrt der Jugendgruppe ermöglicht hatte, so fantastisch seien die Gedankenspiele, dass jene Frau, die ohne Strumpfhose in der DDR herumlief, hätte denunziert werden können. So führt der 13-Jährige mit seinen Visionen die Leser schnell in die Welt der RAF-Köpfe Gudrun Ensslin und Andreas Baader, die damals mit ihren Aktionen ganz Westdeutschland in Atem hielten.

Doch dann kamen immer wieder Zweifel, ob nicht dies oder jenes eine Sünde sei, die gegen die strengen Regeln des Katholizismus verstoße. „Also machte ich mir eine Liste von Sünden, die es im Beichtstuhl zu bereuen gab“, so der Autor. Der „Beichtspiegel“ enthielt somit auch das Geschehen, dass sich der Jugendliche mit einer blauen Plastikschaufel an der Schöpfung Gottes verging, indem er in Gedanken die Menschen in dunkle Gänge seiner Sandburg trieb und diese dann zum Einsturz brachte. Und welch eine Sünde es doch war, die Gebete in der Kirche nur so vor sich hin zu plappern anstatt andächtig zu beten. „Bei ,Gott sei Dank’ habe ich immer gedacht: ,Gott sei Dank, die Kirche ist aus’“, schilderte Witzel.

Neben solch heiteren Abschnitten packte der Autor aber auch nachdenkliche Passagen in sein Buch – etwas eine Befragung, wie er, der Jugendliche, in Berührung mit der um ein Jahr älteren Birgit Hogefeld kam. In seiner Zeit als Messdiener in Wiesbaden soll die spätere RAF-Terroristin nämlich ebenfalls Orgelunterricht genommen haben. Mit solchen Fakten, gekonnt eingestreuten Visionen und durchaus möglichen Begebenheiten hat Frank Witzel ein höchst spannendes Werk geschaffen. Viele Besucher nutzten nach der Lesung die Gelegenheit, sich ihr Exemplar persönlich vom Autor signieren zu lassen.

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