80. Jahrestag der Pogromnacht

Neu-Isenburg hat eine der letzten Holocaust-Überlebenden eingeladen

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Eva Szepesi erlebte eine behütete Kindheit. Bis die Wucht des Zweiten Weltkriegs sie schonungslos traf. Darüber sprach sie zum 80. Jahrestag der Pogromnacht.

Immer wieder fasst Bärbel Schäfer nach den Händen von Eva Szepesi. Streicht ihr ermutigend über die inzwischen faltigen Hände. Die alte Dame lächelt die HR-Moderatorin an, atmet durch und erzählt aus ihrem Leben mit den lebenslangen Wunden. Gemeinsam haben die beiden Frauen ein lange verschüttetes Schweigen offen gelegt – Eva Szepesi, gebürtige Ungarin, ist eine Überlebende von Auschwitz. Mehr als 50 Jahre hat sie über das Erlebte geschwiegen, nicht einmal mit ihrem Mann und noch weniger mit ihren Kindern darüber gesprochen. Erst der Spielberg-Film „Schindlers Liste“ änderte ihre Haltung.

Zum 80. Jahrestag der Pogromnacht 1938 waren Schäfer und Eva Szepesi zu Gast im Bertha-Pappenheim-Haus, um aus dem gemeinsam aufgezeichneten Erinnerungen „Meine Nachmittage mit Eva – Über Leben nach Auschwitz“ zu lesen und zu sprechen. In dem restlos vollen Seminarraum herrscht eine bedrückende Stille, als Bärbel Schäfer aus der unbeschwerten Kindheit von Eva erzählt. Wie ihre Mama ihr die dicken, langen Haare kämmt, ihr die Zöpfe flocht und wie leicht alles ist, unter den blühenden Bäumen und dem Duft nach Aprikosen. Alles wird alles anders in Ungarn, als Hitler einmarschiert.

 In Warteschleife gefangen

„Ich habe es nicht verstanden, als meine Freundinnen nicht mehr mit mir spielen wollten. Wir hatten eine antisemitische Lehrerin, die uns jüdische Kinder in die letzte Reihe setzte“, erzählt die alte Dame. Ihre Mutter habe schnell reagiert, habe ihnen falsche Pässe besorgt, den gelben Stern vom Mantel abgeknibbelt. Und da treibt es den Zuhörern das erste Mal die Tränen in die Augen, als Eva von der Abschiedsszene mit ihrer Mutter spricht. Wie sie sie in den Arm nahm, sie mit ihrer Tante in die Slowakei schickt, damit wenigstens das Mädchen überlebt. Da war Eva gerade einmal zehn Jahre alt und ahnte nicht, dass sie ihre Mama und ihren kleinen Bruder das letzte Mal sieht. „Ich war mein ganzes Leben in einer Warteschleife gefangen. Ich habe 70 Jahre lang geglaubt, eines Tages sehe ich sie wieder“, sagt Szepezi. Das Grauen in Auschwitz schildert sie plastisch. Wie ihr die Haare abgeschoren wurden, wie sie bei Minusgraden in Holzpantoffeln ohne Strümpfe und nur mit dem gestreiften Leinenanzug am schmächtigen Körper Steine schleppte, und ihre Hände aufsprangen.

Mit Zeitzeugen wie Eva Szepesi bleibt der Nazihorror lebendig. Schäfer setzt die Geschichte der Auschwitz-Überlebenden dann in einen spannenden Kontext zu ihrer eigenen Familie. Heute, wo wieder rechtsnationale Lautschreier über die deutschen Marktplätze hetzen, die ihren, wie Schäfer sagt „Herzhass offen ausleben“. Da sei es wichtig nachzufragen. „Ich fragte mich ob, ob meine Großeltern je ein schlechtes Gewissen hatten. Ob sie zu- oder weggeschaut haben. Ich muss akzeptieren was für mich nicht akzeptabel ist“, sagt Schäfer. Zuhause habe das große Schweigen geherrscht, das Familiengedächtnis habe sich nicht erinnern wollen. Aber irgendjemand müsse Hitler gewählt, die Juden denunziert, die Nummern in Arme gebrannt, die Haare rasiert und die Gaskammern befeuert haben.

Millionen Täter

Heute sehe Eva die Nazis wieder grölen. Sie hat in Auschwitz alles verloren. Selbst ihr Körper wird sie mit der auf den Unterarm tätowierten Nummer A26877 immer an die Schreckenswochen im Konzentrationslager erinnern. Wie offene Stromkabel liege der Schmerz bis heute vor ihr. „Wir müssen darüber sprechen, was damals passiert ist. Diese dritte Generation kann nichts dafür, was damals passierte. Aber es darf nie wieder so weit kommen“, sagt Eva Szepesi. Bärbel Schäfer betont, dass Worte Evas Verlust nicht aufwiegen: „Gegen diese ewig blutende Wunde gibt es kein Rezept.“ Und auch die inzwischen 86 Jahre alte Dame bestätigt, dass Elternliebe nie ersetzbar ist. „Wie oft wollte ich mich in die Arme meiner Mutter kuscheln, und wieder spüren, wie sie mir singend die Haare bürstet.“ Bärbel Schäfer beendet die Lesung mit der Feststellung, dass Deutschland mit Goethe, Schiller und all den Klassikern aus Musik und Kunst eben nicht zu haben ist, ohne die Millionen Täter und Mitläufer, Hitler, Himmler und Göring.

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