Hebamme

Margarete Müller hat 2800 Babys in der Hugenottenstadt ins Leben geholt

Sie hat im Leben vieler Isenburger Spuren hinterlassen: Margarete Müller. Mehr als 2800 Babys hat die Hebamme entbunden. Ihre Urenkelin Roswitha Ploch machte sich auf Spurensuche.

Herzensgut und resolut sei sie gewesen. Da sind sich alle Anwesenden beim Bembeltreff im „Haus zum Löwen“ einig. „Sie war manchmal etwas ruppig und forsch. Aber sie war eine echte Anpackerin“, erinnert sich Roswitha Ploch an ihre Großmutter Margarete Müller.

Als Gretchen Müller-Gaußmann war die Hebamme vielen Isenburgern bekannt. Mehr noch: Sie war für einige das erste Gesicht, das sie auf der Welt erblickten. Mehr als 2800 Babys hat Margarete Müller in ihrer Tätigkeit im Zeitraum von 1913 bis 1958 entbunden. Geburtshelferin, Vertraute, Ansprechpartnerin für werdende Mütter: Müller arbeitete in einem erfüllenden, aber zugleich auch fordernden Beruf, von dem sie sich nur selten Ruhe gönnte.

„Bei meiner Recherche bin ich auf zwei Wochen gestoßen, in denen keine Geburten stattfanden“, berichtet Urenkelin Beatrice Ploch, „doch das war eher ein Zufall, als dass sie sich da bewusst freigenommen hat.“ Zwar war Müller nicht die einzige Hebamme in der Stadt, trotzdem hatte sie rund um die Uhr Bereitschaftsdienst.

Sehr emanzipiert

Von diesem Berufsleben, das Müller der Allgemeinheit widmete, erzählt nun ihre Urenkelin Beatrice Ploch. Die Recherche zum Lebenswerk ihrer Urgroßmutter habe mit dem runden Geburtstag ihres Großonkels begonnen. Zum 90. Geburtstag will Ploch ihn mit einem besonderen Schmankerl überraschen. Sie erinnert sich an einen Karton auf dem Speicher, in dem alle Unterlagen zur Tätigkeit ihrer Urgroßmutter ordentlich aufbewahrt sind: 13 Hebammentagebücher, Urkunden, Bilder, Kassenbücher. „Da hat es mich gepackt. Ich wollte unbedingt das Leben meiner Uroma nachvollziehen“, erzählt Ploch.

Am 4. Oktober 1887 wurde Müller, geborene Gaußmann, in Egelsbach geboren. Kurze Zeit später zog die Familie in die Hugenottenstadt um, in die Bahnhofstraße 100. Hier wuchs sie auf, arbeitete in der Wäscherei ihres Vaters, lernte ihren Mann kennen und brachte 1909 ihr einziges Kind auf die Welt.

Mit 24 Jahren, als Ehefrau und Mutter, beschloss Müller, eine Ausbildung zur Hebamme zu absolvieren. In einer Zeit, in der Frauen ihren Ehemann noch um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie einen Beruf ausüben wollten. „Sehr emanzipiert und ihrer Zeit voraus“, kommentiert Ploch.

Auf die Unterstützung ihrer Familie konnte Müller zählen: Sie zog für die halbjährige Ausbildung an die Großherzogliche Hebammen-Lehranstalt nach Mainz. Dort lernte sie das Handwerk und erhielt 1913 das Prüfungszeugnis: Für den Beruf „gut befähigt“, steht darin. Noch während ihrer Ausbildung in Mainz begleitete sie 99 Geburten. Die Ausbildung habe ein kleines Vermögen gekostet: 575,05 Reichsmark. „Das waren zwei Jahresgehälter einer Isenburger Wäscherin“, ergänzt Museumsleiter Christian Kunz.

Direkt nach der Ausbildung, am 1. April 1913, nahm Müller ihre Tätigkeit in Isenburg auf und war seitdem 45 Jahre lang die Kontaktperson rund um Schwangerschaft und Geburt. Als Freiberuflerin brachte sie im Schnitt etwa 60 Kinder pro Jahr auf die Welt – pro Geburt bekam sie 30 bis 45 Reichsmark. „Wobei in meiner Statistik die Jahre nach den Weltkriegen besonders kinderreich waren“, so Ploch. Zu den Entbindungen kamen noch Schwangerschaftsuntersuchungen sowie Termine bei den Wöchnerinnen hinzu.

Täglich unterwegs

Mit Fahrrad, Hebammenkoffer und in Schwesterntracht sei Müller in der Hugenottenstadt täglich unterwegs gewesen. Für die meisten war sie die erste Ansprechpartnerin, sobald die Wehen einsetzten. Damals fanden die Geburten nämlich noch meist ohne die Anwesenheit eines Arztes statt.

Um möglichst gut erreichbar zu sein, hing an ihrer Haustür immer eine Schiefertafel. „Jeden Morgen, wenn meine Uroma das Haus verlassen hat, notierte sie auf der Tafel die Adresse, an der sie den Termin hat“, berichtet Ploch. In Zeiten ohne Handy bedeutete das allerdings keine ständige Aktualisierung und für manch einen Angehörigen, der schnell Hilfe holen sollte, eine kleine Schnitzeljagd: „Mancher musste fünf oder sechs Stationen ablaufen, bis er meine Uroma gefunden hat.“

Nicht ohne Risiko sei ihr Berufsleben gewesen: Vor allem während Fliegerangriffen, wenn sie Entbindungen bei Kerzenschein vornehmen musste. „Doch meine Uroma war immer voller Energie und hat gesagt, wo es langgeht“, sagt Ploch. Vielleicht gerade deshalb fiel es Müller nach 45 Jahren Berufstätigkeit so schwer, in den Ruhestand zu treten. „Aus freien Stücken hat sie das nicht gemacht. Sie hätte den Beruf gerne ausgeübt, bis sie nicht mehr konnte.“ Am 31. März 1958 endete die Ära der Hebamme Müller in Neu-Isenburg – zumindest offiziell.

Denn innerhalb der Familie entband sie munter weiterhin Babys, zuletzt ihre Urenkelin Beatrice Ploch 1963. Zwei Jahre später, am 24. Juni 1965, starb Margarete Müller mit 77 Jahren.

In den Leben vieler Isenburger hat sie Spuren hinterlassen. „Meine Mutter hat mir viel über sie erzählt“, erinnert sich Horst Antons. Auch er wurde von Müller entbunden und hält jetzt den Geburtsnachweis in den Händen, den Ploch ihm rausgesucht hat. Jahrgang: 1940, Gewicht: 3750 Gramm, Größe: 52 Zentimeter stehen auf der Kopie als Erinnerung an die ersten Momente des Lebens.

Von Vanessa Kokoschka

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