Überparteiliche Initiative

Omas gegen Rechts: Kampfeslust beim Kaffeekranz

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Sie haben viel erlebt, viel gesehen, nach eigenen Worten nicht mehr viel zu verlieren – und die Nase voll von rechten Hassparolen: In der Hugenottenstadt formiert sich Widerstand gegen Rassismus und Frauenfeindlichkeit aus einer ungewohnten Ecke. Morgen, Samstag, werden die „Omas gegen Rechts“ erstmals an die Öffentlichkeit gehen.

Die neue Isenburger Initiative gegen Rechts hat mit ihren Ständen auf dem Wochenmarkt am vergangenen Samstag in der Bahnhofsstraße viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Unter anderem unterstützten der Pfarrer im Ruhestand Matthias Loesch und Stadtbibliotheksleiterin Jutta Duchmann die Aktion „Lesen gegen Rechts“, die mit Blick auf die Wahl zum Hessischen Landtag am 28. Oktober ein Zeichen gegen jede Art von Ausgrenzung setzen möchte, gleich von welcher Seite. Knapp 100 Unterstützer und Neugierige waren den Vormittag über da – deutlich mehr als beim AfD-Stand in der Nähe, wie die Organisatoren zufrieden feststellten.

Doch das soll nur der Anfang gewesen sein: Der Platz an der Ecke Ludwigstraße /Bahnhofstraße ist für jeden Samstag zwischen 9.30 und 12.30 Uhr bis zur Wahl bei der Stadt gemietet. Erklärtes Ziel der Initiative um ihren Sprecher Rolf Engelke ist es, hier möglichst oft und auf vielfältige Weise für ihr Anliegen der Toleranz zu werben. Schon am morgigen Samstag geht es mit einer gerade gegründeten Untergruppe der Initiative weiter: „Omas gegen Rechts“ heißt sie, orientiert sich im Namen und in der Idee an die in Wien gegründete Plattform für zivilgesellschaftlichen Protest.

Auch in Berlin gibt es schon eine gleichnamige Initiative – und nun auch in der Hugenottenstadt. Die Idee dazu hatte eine 63-jährige Neu-Isenburgerin, die unter dem Pseudonym Lotte Müller agiert – weil sie eine Datenphobie habe und vermeiden wolle, dass mit ihrem Namen in sozialen Netzwerken Schindluder getrieben wird, wie sie im Gespräch mit dieser Zeitung sagt. „Außerdem geht es nicht um meine Person“, stellt sie klar. „Omas gegen Rechts“ seien im Kern acht Frauen von Anfang 60 bis Mitte 70, die sich regelmäßig zum Kaffeekränzchen treffen – „so viel Klischee leisten wir uns schon“, sagt Lotte Müller augenzwinkernd.

Sie lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass zwischen Kaffee und Kuchen genug Kampfeslust aufblitzt, um gesellschaftliche Missstände ändern, zumindest aber aufdecken zu wollen. „Wir sind Frauen, die ihr Leben lang sozial und politisch aktiv waren“, erklärt Müller. Viele protestierten in den 1970er Jahren gegen die Strafbarkeit von Schwangerschaftsabbrüchen, in den 1980ern gegen Atomkraft und Aufrüstung, die Startbahn West, in den 1990er Jahren gegen Ausländerfeindlichkeit. „Jetzt sehen wir “, sagt Müller, „wie eine Partei wie die AfD das Rad um Jahrzehnte zurückdrehen, soziale Errungenschaften und Fortschritte wieder rückgängig machen will – dagegen gehen wir auf die Straße.“

Ein Dorn im Auge der „Omas gegen Rechts“ sei auch das gestrige Frauenbild vieler rechtslastiger Politiker. Als Beispiele nennt sie die von der AfD neu entfachte Abtreibungsdebatte, den Widerstand gegen Sexualkundeunterricht an Schulen oder die sogenannte Herdprämie. „So etwas macht uns wütend“, sagt die ehemalige Gewerkschaftlerin und Betriebsrätin. „Denn so haben wir unsere Kinder nicht erzogen – und unsere Enkel schon gar nicht.“ Die „Omas gegen Rechts“, da ist sich Lotte Müller sicher, haben viel einzubringen bei ihrem Engagement gegen rassistische Hetze, rechte Ressentiments und faschistisches Gedankengut: Neben Erfahrung, erworben durch das Leben, auf Auslandsreisen, Demos und in Debatten, könnten sie auch mit einem organisatorischen Pfund wuchern: „Wir kennen uns allein schon durch die Arbeit in der Flüchtlingshilfe gut, sind bestens miteinander vernetzt“, betont sie.

Das vielleicht schönste Kompliment erhielt Lotte Müller von ihrem achtjährigen Enkel, den sie auf eine Protestaktion mitgenommen hatte: „Oma, ich finde prima, was Du machst.“

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