+
Klare Ansagen in der Traingspause: Die Spoielerinnen wissen sich bei ihrem Coach in guten Händen.

TSG Neu-Isenburg

Robyn-Samira Steiner beißt sich trotz Behinderung als Jugendtrainerin durch

  • schließen

Robyn-Samira Steiner (41) ist wegen einer schweren Krankheit auf den Rollstuhl angewiesen. Als die sportbegeisterte Frau das Training einer Mädchen-Fußballmannschaft übernimmt, treiben sie Vorurteile und offene Anfeindungen an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Doch im dunkelsten Moment erhält sie überraschend Unterstützung – und startet eine ganz besondere Erfolgsgeschichte.

Wie scharfe Pfeile fliegen die Kommandos über das Trainingsgelände der TSG Neu-Isenburg an der Frankfurter Straße. „Eleni, Du darfst Dich auf den Boden schmeißen – dafür ist er da!“ „Dir hängt die Sommerpause noch in den Knochen, oder?“ „Leute, sauber spielen – ich beobachte Euch!“ „Wollt Ihr quatschen oder Fußball spielen?“

Keine Frage: Trainerin Robyn-Samira Steiner liebt die deutlichen Worte. Mit Adleraugen, denen kein noch so kleines Detail der Körpersprache und Aktionen ihrer Schützlinge entgeht, sitzt sie in ihrem Rollstuhl und hat die Übungseinheiten ihrer U-14-Mädchenmannschaft fest im Griff. „Das sind alles pubertierende Mädels“, erklärt sie in einer Pause. „Wenn ich mit denen nur Wischiwaschi redete, würde hier Chaos ausbrechen.“ Bei genauerem Hinschauen wird aber deutlich: Jeder Spruch, jede Anweisung des Coaches ist auf die jeweilige Spielerin zugeschnitten: Klare, manchmal provozierende und dadurch motivierende Ansagen für die vorlauten Charaktere, einfühlsame, aufbauende Worte für die sensibleren Gemüter.

Der Erfolg gibt ihr recht: Die Mädels lieben ihre Trainerin, bleiben mit Feuereifer bei der Sache und am Ball. Und akzeptieren es ohne Murren, wenn das ganze Team eine Strafrunde um den Platz drehen muss, weil eine Spielerin nicht genügend Wasser zum Training mitgenommen hat. „Der Teamgedanke ist ganz wichtig“, erklärt Robyn-Samira Steiner. „Jeder kämpft hier für jeden. Keiner wird ausgegrenzt, auch nicht die schwächeren Spielerinnen.“

Ausgrenzung – die hat Robyn-Samira Steiner am eigenen Leibe erfahren. Und was heute so natürlich und harmonisch wirkt, hat sie sich hart erkämpft. Seit Jahren leidet die mehrfache Mutter an einer Nebenform von multipler Sklerose, deren Besonderheit darin liegt, dass sie nicht in Schüben verläuft, sondern kontinuierlich voranschreitet. Auch die Organe sind betroffen. Durch jede Belastung, schon durch einfaches Sitzen, entzünden sich die Nerven und werden jedes Mal stärker geschädigt. Frei laufen kann sie kaum, „nur die Strecke vom Kofferraum, wo ich den Rollstuhl auslade, zur Tür, schaffe ich noch“, sagt sie. Hätte sich die Horror-Diagnose ihres Arztes vor vier Jahren erfüllt, würde sie heute nicht mehr leben. „Er gab mir noch sechs bis sieben Monate,“ erinnert sie sich.

Robyn-Samira Steiner war auf dem Tiefpunkt ihres Lebens angelangt. Über eine Spendenaktion für die Opfer des Grubenunglücks 2014 im türkischen Soma lernte sie ihre spätere Frau, eine Kinderkrankenschwester, kennen („Die Erste, die mir wirklich zuhörte – mein Seelenmensch.“) und fasste durch ihre Freundschaft und Liebe neuen Lebensmut.

Vor drei Jahren begleitete sie ihre damals zehnjährige Tochter Brianna zum Training der TSG-Mädchenmannschaft. Als beide Trainerinnen in kurzer Folge aufhörten, sprang sie in die Bresche und übernahm das U-12-Team. Doch bald schon spürte sie Skepsis und Argwohn; der anderen Trainer, aber auch mancher Eltern.

Erst waren es üble Beleidigungen, die sie zufällig mitbekam. Dann sabotierten Spielerinnen ihr Training, weigerten sich mit verschränkten Armen, Anweisungen zu befolgen – „ihre Eltern hatten sie gegen mich aufgewiegelt“. Robyn-Samira Steiner versuchte, es zu ignorieren, brach abends oft in Tränen aus. Irgendwann ging es nicht mehr: Sie berichtete ihrer Abteilungsleitung von den Vorfällen, kündigte an, beim nächsten Mal zu schmeißen.

Doch die Leitung reagierte stark: „Bei der nächsten Trainingsverweigerung solle ich den jungen Grazien sagen, dass sie sich nach einem anderen Verein umgucken dürfen“, erinnert sie sich. „Das änderte alles: Ich fühlte mich gestärkt und anerkannt.“ Die Ansage wies die Unruhestifterinnen in ihre Schranken. Der Coach im Rollstuhl erntete Respekt bei allen, avancierte zur Jugendkoordinatorin der TSG und trainiert jetzt vier Mädchenteams.

Da sie keine halben Sachen mag und den komplexen Anforderungen ihres Trainerjobs gerecht werden will, machte sie im März ihre Trainerprüfung zur Erlangung der C-Lizenz. Sie bestand nach eineinhalb Jahren mit Auszeichnung .

„Ich entschuldige mich heute nicht mehr für meine Behinderung“, sagt Steiner. „Und ich gucke auch nicht mit Angst auf meine Krankheit, sondern nutze die Zeit, die ich habe.“

Aus der Sammlung an Tattoos, die ihre Arme zieren, sticht ein Fußball auf dem rechten Handrücken hervor. „Das Geschenk meiner Frau zum Bestehen der Trainerlizenz“, erklärt sie. „Es erinnert mich daran, niemals aufzugeben“.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare