An den noch stehenden Mauern der Häuser (links) in der Rheinstraße werden lose Teile entfernt. Nur noch die Schornsteine überstanden das Inferno.
+
An den noch stehenden Mauern der Häuser (links) in der Rheinstraße werden lose Teile entfernt. Nur noch die Schornsteine überstanden das Inferno.

45 Menschen getötet

Schreckensnacht am 20. Dezember 1943: Vom Bombenhagel überrascht

  • VonLeo Postl
    schließen

Es gab keine Vorwarnung: Gegen 19 Uhr am 20. Dezember 1943 wurde die Stadt Neu-Isenburg bombardiert. 43 Menschen kamen in dieser Nacht ums Leben. Während die Bürger unter Schock standen, vergnügten sich SA-Leute in einer Weinhandlung anstatt den Bürgern zu helfen.

In Zeiten gegen Ende des Zweiten Weltkrieges waren die Neu-Isenburger das Sirenengeheul fast schon gewohnt. Oft gab es Alarm und die Menschen flüchteten in ihre sicheren Orte, doch die Bomben fielen über den Industrieanlagen von Rüsselsheim und Frankfurt. Jedoch am 20. Dezember so gegen 19 Uhr war alles anders. Es gab wieder Alarm, aber da fielen auch schon die Bomben – und diesmal sogar auf Neu-Isenburg. Dieses als Neu-Isenburger „Schreckensnacht“ in die Geschichte eingegangene Ereignis forderte 45 Menschenleben in der Hugenottenstadt.

Rund 80 Prozent der Kriegsschäden an Häusern, die während des gesamten Zweiten Weltkrieges in Neu-Isenburg registriert wurden, entstanden in dieser Nacht, so hat es die Historikerin Dr. Heidi Vogel recherchiert. Am 29. Januar 1944 (25 Tote) und am 18. März 1944 (15 Todesopfer) erfolgten weitere Bombenabwürfe über Neu-Isenburg. Dies Bilanz danach: 85 Tote und 919 total zerstörte oder beschädigte Gebäude. Seit dem 50. Jahrestag gibt es, auf Anlass von Pfarrer Matthias Loesch, genau am 20. Dezember und zur genauen Uhrzeit, also um 19 Uhr, ein Friedensgebet in der evangelisch-reformierten Gemeinde Am Marktplatz – so wie gestern Abend.

Auch heute gibt es noch Mitmenschen, die nicht nur diese schrecklichen Ereignisse selbst miterlebt haben, sondern sich auch noch an viele Details erinnern können. Drei von ihnen hatte Neu-Isenburgs Bürgermeister Herbert Hunkel gestern zur Pressekonferenz in das Rathaus eingeladen. Helmut Krapf aus dem Buchenbusch, Helga Völker aus der Schützenstraße und Herbert Mack aus der Bahnhofstraße berichteten von ihren Erinnerungen.

Eine enorme Hitze

„Das war einfach nur fürchterlich. Unser Haus wurde zwar nicht direkt getroffen, aber durch die Druckwelle sind mit einem lauten Knall alle Fensterscheiben aus dem Rahmen geflogen“, beschreibt Herbert Mack seine Erinnerungen. Es gab keine Vorwarnung, mit dem Alarm seien auch schon die Bomben gefallen, somit befand sich niemand in den Schutzräumen, wusste Mack. „Ich bin dann sofort aus dem Haus gerannt und habe nach den Verwandten in der Frankfurter Straße geschaut – aber dort war nur einen enorme Hitze“, erinnert sich Mack. Am nächsten Tag habe man dann versucht zu retten, was noch zu retten war. Helga Völker war damals zehn Jahre alt und wohnte in der Schützenstraße. Sie hat bis heute das an den Kaminen und Wänden herunterlaufende glühende Phosphor nicht vergessen. „Unser Haus wurde getroffen, wir sind dann über den Hof der Nachbarn gerannt und aus den Kellerfenstern auf die Straße gerannt“, erinnert sie sich. Zwei Häuser nebenan waren total zerstört und alle Bewohner tot. „Das war zwar schrecklich, doch für die, die das alles überlebt haben, musste es dennoch weitergehen“, verwies Helga Völker auf zunächst andere Sorgen. Ihre Familie wurde mit dem restlichen Hab und Gut nach Brombachtal im Odenwald evakuiert. Im Mai 1949 erhielten sie dann wieder die „Zuzugsgenehmigung“ nach Neu-Isenburg.

Helmut Krapf kam aus Ober-Rad in die Hugenottenstadt. Seine Eltern hatten 1938 im Buchenbusch ein Grundstück erwerben können und dort in der Fichtenstraße ein Haus gebaut. „Als wir gehört haben, dass es kracht, hat uns der Vater erst einmal alle in den Keller gejagt“, erinnert sich Krapf. Im Haus roch es nach frisch gebackenen Plätzchen, doch Freude kam nach den Bombenabwürfen freilich keine auf. „Um die Ecke war ein Hasenmetzger, da waren wir Blut gewohnt, aber tote Menschen waren doch etwas anderes“, so Krapf. Sein älterer Bruder machte sich auf zu seinem besten Freund in der Bahnhofstraße und berichtete nach seiner Rückkehr von unglaublichen Ereignissen. Im Keller einer Weinhandlung hatten sich SA-Leute beim Wein vergnügt anstatt verschütteten Menschen zu helfen.

Solche Schilderungen bekam auch Matthias Loesch, als er 1980 als neuer Pfarrer in die Marktplatzgemeinde kam, immer wieder zu hören. „Als einer meiner wichtigsten Aufgaben sah ich es an, durch Hausbesuche die Gemeinde kennenzulernen und da kam man immer recht schnell auf diese Kriegsereignisse“, berichtete Loesch.

Niemand öffnet die Tür

Auch er erfuhr, dass man längst nicht für den anderen einstand und geholfen habe, wenn es möglich gewesen wäre. So wurde beispielsweise berichtet, dass eine obdachlos gewordene Frau sich in den Frankfurter Stadtwald gerettet hatte und als diese nach zwei Tagen bei ihren Nachbarn anklopfte, niemand öffnete.

Aber auch das Schicksal von Luise Lux aus der Karlstraße ist eine ambivalente „Geschichte“ des Krieges. Da aufgrund des Bombenalarmes in Frankfurt die Straßenbahn nicht pünktlich gen Neu-Isenburg abfuhr, kam sie erst eine Stunde später zu Hause an – sie stand vor den Trümmern des elterlichen Hauses und alle Familienmitglieder waren darunter begraben.

Matthias Loesch hatte es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur gegen das selbst erlebte „Unrecht“ zu wettern, sondern auch zu mahnen, dass dieses Unheil ja von Deutschland aus in die Welt getragen wurde. „Was da in den späten Kriegsjahren passiert ist, kam nur als Vergeltung zurück“, betont Loesch. Mit dem jährlichen Friedensgebet will er ein Zeichen setzen und für den Frieden werben, ja mit Gottes Hilfe erbitten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare