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Wahlheimat Amrum: Auf der Nordseeinsel verbringt Thorsten Wszolek jedes Jahr drei bis fünf Monate – zum Arrangieren, aber auch zum Relaxen.

Interview

Thorsten Wszolek spricht über ein Leben zwischen Showbühne und Stille

Seit 25 Jahren unterhält das Mund Art Theater mit seinem Gründer Thorsten Wszolek seine Besucher. Im Interview mit Reporterin Nicole Jost blickt das 43-jährige Multitalent Wszolek zurück und nach vorn.

Herr Wszolek, was sind die größten Momente mit Ihrem Baby Mund Art Theater aus den vergangenen 25 Jahren?

THORSTEN WSZOLEK: Überraschenderweise kann ich das gar nicht sagen. Es ist für mich nicht DAS Baby Mund Art Theater, jedes neue Stück, jedes neue Projekt ist mein Baby. Eine Mutter von vier Kindern sagt auch nicht: Das ist mein Lieblingskind. Es gibt bestimmt Kinder, die besser geraten sind, und Kinder, die nicht so geraten sind. Komischerweise sind es die Kinder, die nicht so geraten sind, über die ich mir mehr Gedanken mache und mich frage: Machen wir das noch mal und wen ja, wie machen wir es anders? Das Mund Art Theater ist immer wieder neu – das ist ja das tolle an dieser Arbeit.

Gab es denn einen richtigen Fehlschlag?

WSZOLEK: Wir haben einmal „E Dutt voll Mücke“ (Verballhornung von „La Cage Aux Folles“) gespielt. Im Jahr 2000. In der Premierenwoche wurden sechs oder sieben Leute krank. Ich war damals Mitte 20 und habe an den Satz geglaubt „The show must go on“. Aber ich habe da gelernt: Es gibt Umstände „Wo die Show eben net mehr must go on“. Wir haben’s gemacht, es war auch toll, aber es war eben nicht rund. Es hat einen Sinn, warum wir ein Vierteljahr proben. Es war ein Zerriss in der Zeitung, wie auch vom Publikum. Aber das war auch irgendwie geil. Man muss es erst mal auf Seite eins schaffen mit dem Titel „Desaster für Wszolek!“ Das war für meine Mutter wahrscheinlich schlimmer als für mich. Aber es gab dann auch erst mal einen Publikumsknick.

Der zweite Flop war „Die Feuerzangenbowle“. Aus dem Heinz-Rühmann-Film ein Musical zu machen war ein Traum für mich. Wir haben eine Woche die Hugenottenhalle geblockt. Was wir zwei Jahre im Voraus bei der Planung nicht bedacht hatten: die Fußball-EM. All unsere Spieltermine lagen auf den Spielterminen der Deutschen Elf. Der Saal war zu einem Drittel voll und die Leute, die da waren, fanden es toll – aber es war finanziell ein Desaster.

Was war der größte Erfolg?

WSZOLEK: Die Mundart Weihnachtsgeschichte. Von 2007 bis heute. Die Charles-Dickens-Geschichte ist nicht wegzudenken. Das war ein Wagnis, dieses Stück aufzuführen. Es war damals noch nicht so bekannt und das Stück hat ja eigentlich keinen Plot. Die meisten Leute haben beim Ticketkauf damals die biblische Geschichte erwartet.

Wo kommt die Leidenschaft für das (Mund Art) Theater her?

WSZOLEK: Ich mochte schon als Kind die urbanen Fernsehübertragungen. Ohnsorg-Theater, Millowitsch. Nicht, dass ich da selbst so drüber gelacht habe. Aber ich mochte es, dass meine Familie vor dem Fernseher saß und laut lachte. Das ist auch das, was mich heute noch animiert: Das, was wir da machen, ist ja keine Kunst, es ist vielleicht Kunsthandwerk. Aber die Menschen kommen zu uns, die vergessen für zweieinhalb Stunden, dass sie Prostatakrebs haben, die Frau krank ist oder sie gerade in der Scheidung stecken. Wir schaffen für eine kurze Zeit eine andere Welt, wie Walt Disney – nur auf Hessisch.

Warum eigentlich Hessisch?

WSZOLEK: Ich bin in Frankfurt-Bornheim groß geworden, da wurde Hessisch gesprochen. Für mich ist der Dialekt aber ein Requisit. Es ist ein Mittel zum Zweck. Es gibt Charaktere in den Stücken, die können nur Hessisch sprechen. Die Figuren werden durch die Sprache authentisch. Die Leute sagen: Ja, genau so kenn ich die auch vom Waschsalon. Das ist wichtig. Das ist doch heute Mist: Im Tatort spricht der Verbrecher wie der Tagesschausprecher. Das ist total unglaubwürdig und affig.

Welche Rolle spielte Theater in Ihrer Jugend?

WSZOLEK: Ich habe mein Schülerpraktikum bei Liesel Christ (Anm. d. Red.: Frankfurter Volksschauspielerin und bekannt als Mama Hesselbach) gemacht und habe dann ein Schultheater gegründet. Wir haben nur ein Jahr in der Aula des Goethegymnasiums gespielt – schon im zweiten Jahr dann in der Hugenottenhalle.

Theater ist eine ernste Angelegenheit. Die Leute um mich herum, würden mich wahrscheinlich als einen eher granteligen Einzelgänger beschreiben. Stücke schreiben bedeutet, viel nachzudenken. Aber die Ideen nehme ich aus dem Leben. Ich habe diverse Stammtische, da gehe ich hin, höre genau zu, was die Leute beschäftigt, um was es geht in der Gesellschaft.

Wir haben heute Unterhaltung und Beschallung zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung. Die Aushungerung des Publikums nach Entertainment ist doch gar nicht mehr da. Das bedeutet: Ich muss irgendwas liefern, damit die Leute sagen: Das ist einzigartig. Wenn die Menschen das, was sie bei mir sehen, auch in Youtube abrufen könnten, dann würde es nicht funktionieren. Eigene Stücke, mit eigenen Texten und eigner Musik – das ist unser Markenzeichen. Die Leute kommen mit der Erwartung: „Mal gucke, was er sich wieder hat einfalle lasse!“ Wir müssen immer voller Überraschungen stecken. Wenn das gelingt, ist es erfolgreich: Wir hatten um Weihnachten in drei Veranstaltungen mehr als 2000 Menschen im Saal. Das sehe ich nicht als selbstverständlich an und das ist auch nicht so, weil wir genial sind. Das ist harte Arbeit.

Wenn Sie nicht gerade Stücke für Ihr Theater inszenieren, wovon leben Sie, was machen Sie noch?

WSZOLEK: Ich bin Arrangeur und Komponist von Beruf.

Was hat es mit Ihrer Wahlheimat Amrum auf sich? Wie viel Zeit verbringen Sie auf der Insel?

WSZOLEK: Das ist eine Insel, auf der nix los ist, und gleichzeitig der größte Strand Europas. Da ist Stille. Da bin ich für mich und kann nachdenken. Ich bin auch gerne sehr privat – das kann ich dort sein. Ich bin über das Jahr verstreut zwischen drei und fünf Monaten auf Amrum.

Was ist das Geheimnis des Mund Art Theaters, in Zeiten, in denen selbst legendäre Theater wie die Millowitsch Bühne sterben?

WSZOLEK: Das Volkstheater beispielsweise ist daran gescheitert, dass sie eben nicht mehr darauf geachtet haben, etwas auf die Bühne zu bringen, was es nur bei ihnen gibt. Das machen wir. Ich überlege immer wieder neu: Was ist mein Alleinstellungsmerkmal? Wir machen auch einfach nur das, was wir können. Das soll keinesfalls arrogant klingen. Aber ganz ehrlich, ich mache mir nicht allzu große Hoffnungen für die Zukunft. Alles im Leben hat seine Zeit. Wir bedienen das letzte urbane, hessische Frankfurter Publikum. Wie der Frankfurter Metzger, Bäcker, die letzten selbst kelternden Apfelweinkneipen. Was da zumacht, macht nicht neu auf.

Wie gelingt es Ihnen immer wieder, bekannte Namen wie Margit Sponheimer oder Börsenguru Frank Lehmann für Ihr Ensemble zu gewinnen?

WSZOLEK: Herr Lehmann und Frau Sponheimer sind jahrelange Ensemblemitglieder. Sie haben sich eines Tages bewusst für uns entschieden und haben gesagt, dass wir das machen, was sie verkörpern wollen. Frau Sponheimer kannte ich als Kind schon. Damals saßen die Menschen noch aufgerüscht für eine Fernsehsendung auf dem Sofa. Die Nachbarn kamen, es gab den Mumm-Sekt aus Champagnerschalen und die Marzipankartoffeln von der Etagere. Das glaubt einem heute ja kein Mensch mehr. Ich behaupte: Man trifft immer Menschen im Leben, die dieselbe Taktung haben wie du. Das ist mit den beiden auch der Fall.

Wie sehen die Pläne für die Zukunft aus?

WSZOLEK: Wir haben keine bestimmten Pläne. Wir wollen das weiter machen, was wir jetzt auch machen. Der übergeordnete Wunsch ist, dass es weiter gelingt, aus den Themen, die die Menschen bewegen, Stücke oder Musicals zu formen. Das ist das große Projekt und das ist nicht einfach. Wir sind schließlich schon 25 Jahre dabei und haben schon viel erzählt. Wir müssen schon schauen, was wir künftig noch erzählen wollen. Aber wir freuen uns drauf.

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