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Mietwohnungen

Sondersitzung des Kreistags

Wohnraum wird immer knapper

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33 000 fehlende Wohnungen bis 2030, klaffende Bedarfslücken im sozialen Wohnungsbau und explodierende Preise: In einer Sondersitzung des Kreistags bekommen die Kommunalpolitiker die Zukunftsvisionen zum Wohnen präsentiert.

Das Institut Wohnen und Umwelt (IWU) in Darmstadt hat den Kreis Offenbach auf die Wohnsituation und den Wohnraumbedarf bis zum Jahr 2030 untersucht und die Ergebnisse gestern im Kreistag präsentiert. Martin Vaché und Dr. Philipp Deschermeier zeichnen ein herausforderndes Bild für die 13 Städte und Gemeinden in den kommenden zwölf Jahren.

Die Fachleute gehen davon aus, dass bis 2030 mehr als 33 000 Wohnungen geschaffen werden müssten, um den Bedarf zu decken. Wobei der Druck auf dem Wohnungsmarkt in der Kreismitte und im Westen erheblich höher ist, als im Osten, für Hainhausen, Mainhausen und Seligenstadt. Grundlage der Studie war die Ist-Situation mit 350 000 Einwohnern und den Zuwachszahlen der vergangenen Jahre. Besonders seit 2015 seien die Einwohnerzahlen markant gestiegen. Die Geburten- und Sterberaten sind weitgehend ausgeglichen, aber der sogenannte „Wanderungssaldo“ liege im Jahresmittel bei 2437 Menschen im Jahr, die neu in den Kreis ziehen.

Regionale Unterschiede

„Das bedeutet für 2011 bis 2016 ein Wachstum von 4,8 Prozent“, erläuterte Dr. Philipp Deschermeier. Ein Teil des Wachstums liege in den seit 2015 gestiegenen Flüchtlingszahlen begründet, aber ein erheblicher Anteil sei dem Zuzug in den Ballungsraum zuzurechnen.

Dieser Zuwachs hat Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt. Im Kreis sind fast 80 Prozent des Wohneigentums in privater Hand. In den vergangenen zehn Jahren sind die Mieten um rund 30 Prozent gestiegen – auch hier zeigen sich regionale Unterschiede. Im Westkreis müssen Mieter schon zweistellige Beträge pro Quadratmeter Wohnraum bezahlen, während in Mitte- und Ostkreis knapp über, beziehungsweise knapp unter neun Euro pro Quadratmeter liege.

Deutlich extremer seien die Kostensteigerungen beim Wohneigentum, hier sind die Preise bis fast 50 Prozent nach oben geschnellt. Die Studie besagt, dass im Westkreis der Preis pro Quadratmeter Neubau im Jahr 2017 bei 4000 Euro pro Quadratmeter liegt, im Mittel- und Ostkreis nähern sie sich der 3500-Euro-Marke.

Das Institut hat auch die Wohnungsbaupläne der kommenden Jahre unter die Lupe genommen – da zeigt sich, dass zwischen Bedarf und Bautätigkeiten ein großes Delta von mehr als 50 Prozent liege. „Es bräuchte eine Verdoppelung der Fertigstellungszahlen, um die ermittelte Anzahl von 33 000 Wohnungen zu erreichen“, stellte Martin Vaché klar. FDP-Fraktionssprecher Daniell Bastian fragte nach den Folgen für den Kreis. Weiter steigende Miet- und Kaufpreise, ein Verdrängungseffekt beispielsweise in den Odenwald für potenzielle Neu-Bürger im Kreis Offenbach und weitere Verknappung des Wohnraums für die bestehenden Bürger seien zu erwarten.

Natürliche Grenzen

Ganz schwierig ist auch die Situation bei der Frage nach öffentlich gefördertem Wohnraum. Bis 2030 rechnen die Fachleute mit einem Rückgang des geförderten Wohnraums bis zu 30 Prozent, weil Wohnungen aus der Sozialbindung fallen. Martin Vaché nannte auch die absoluten Zahlen: 2017 gab es 3300 geförderte Wohnungen, den Bedarf bis 2030 ermittelten sie bei 6300 Wohnungen.

In der Bilanz betonen Vaché und Deschermeier, dass im Kreis nicht nur nach der Anzahl der fehlenden Wohnungen geschaut werden könne, sondern auch betrachtet werden muss, wer Wohnraum sucht. Dabei gehe es um Qualität und auch die Betrachtung der unterschiedlichen Bedürfnisse, denen Wohnungen gerecht werden müsse. Dabei sei der Kreis für junge Familien noch sehr attraktiv, aber es gebe zunehmend viele Senioren, Paare und Singles ohne Kinder oder Studenten.

Landrat Oliver Quilling erklärte, dass „bauen, bauen und nochmals bauen“ jetzt nicht die alleinige Antwort auf den mangelnden Wohnraum sein könne. Gerade in Städten wie Neu-Isenburg gebe es ganz natürliche Grenzen, weil gar kein Wohnraum mehr ausgewiesen werden könne. Gute Stadtentwicklungskonzepte müssten her. „Das ist außerdem ein regionales Thema. Wir müssen über den Tellerrand hinausschauen.“ Der Odenwald liege nicht in Mecklenburg-Vorpommern. „Da müssen eben Infrastrukturen geschaffen werden, die die Pendlerströme so attraktiv machen, dass die Menschen zum Arbeitsplatz in den Ballungsraum kommen und außerhalb wohnen“, stellte Quilling klar. Dazu gebe es ja auch schon sehr vielversprechende Konzepte.

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