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?Die Arbeitsbelastung für die Erzieher und Erzieherinnen steigt, die Zeit, die sie haben, aber wird weniger?, sagen Andrea Wolf van Wijk und Tom Wieland von der BVZ GmbH, einer freien Trägerin von 160 Betreuungseinrichtungen.

Interview

Krippen fordern mehr Personal und insgesamt 26 Millionen Euro zusätzlich

Seit 1. August sind die Kindergärten in Frankfurt gebührenfrei. Die Freude darüber ist groß in der Stadt. Die Geschäftsführer des freien Trägers BVZ jedoch schlagen Alarm: Sie fürchten um die Qualität in den Krippen. Dort werde zu wenig Personal finanziert. Unsere Redakteurin Julia Lorenz hat mit Andrea Wolf van Wijk und Tom Wieland über dieses Problem gesprochen.

Frankfurts Eltern jubeln: Seit 1. August müssen sie für den Kindergartenplatz ihres Sprösslings kein Geld mehr zahlen. Jubeln Sie auch?

TOM WIELAND: Wir freuen uns mit, natürlich, weil die Eltern jetzt erheblich entlastet werden. Zudem ist das ein Beitrag für mehr Bildungs- und Chancengleichheit. Unsere Freude ist aber nicht ganz ungetrübt.

Warum?

ANDREA WOLF VAN WIJK: Unsere Freude ist durchsetzt mit einer gewissen Sorge, dass die Gebührenbefreiung zulasten der Qualität geht.

Wie kommen Sie darauf?

WIELAND: Die Qualität in den Kindertagesstätten ist als Thema in den Hintergrund getreten. Seit fünf Jahren gibt es jetzt den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für die Kinder unter drei Jahren. Wir haben als Träger einen erheblichen Anteil daran, dass der Rechtsanspruch in Frankfurt gesichert ist, mehr als 1000 neue Plätze haben wir geschaffen. Jetzt wollen wir beim Ausbau auf die Bremse treten und mehr in die Qualität investieren. Da gibt es aber eine erhebliche Finanzierungslücke in den Krippen.

Woher rührt diese Finanzierungslücke?

WIELAND: Eines vorneweg geschickt: Wir haben in Frankfurt insgesamt eine solide und planungssichere Finanzierung. Die Kommune garantiert komplett die Kostenübernahme für die Betreuungsplätze unter Anrechnung von Elternbeiträgen und Landesmitteln. Seitdem in Hessen aber das neue Kinderförderungsgesetz, kurz Kifög, in Kraft ist, mangelt es an der Finanzierung der Qualität.

Was bedeutet das?

WIELAND: Die Personalbemessung für die U3-Einrichtungen wurde deutlich angehoben. Gleichzeitig wurde aber auch klarer formuliert, welche Aufgaben der Träger hat. Und da ist ganz klar formuliert, dass wir Zeiten für die sogenannte mittelbare pädagogische Arbeit garantieren müssen. Das heißt: Zeiten für die Vorbereitung, Nachbereitung, Fort- und Weiterbildungen und für intensive Elterngespräche. Aber genau das ist in der Finanzierung bei den Krippen, im Gegensatz zum Kindergartenbereich, nicht sichergestellt.

Was heißt das für die Arbeit in den Krippen?

WOLF VAN WIJK: Die Arbeitsbelastung für die Erzieher und Erzieherinnen steigt, die Zeit, die sie haben, aber wird weniger. Das merkt man. Die Mitarbeiter sind schneller krank, fühlen sich überfordert, weil sie einerseits Zeit für die Kinder, aber auch für die Eltern haben wollen. Deshalb ist es auch so schwer, Fachkräfte für Krippen zu finden. Dort ist der Erziehermangel viel größer als im Kindergarten oder im Hort. Die Arbeit ist einfach anstrengender, stressiger, die Elternarbeit intensiver.

Merken das denn auch die Eltern?

WIELAND: Dass zu wenig Zeit da ist, ja. Sie merken, dass die Kommunikation darunter leidet. Das bekommen wir häufiger zu hören. Da gibt es ein Defizit.

WOLF VAN WIJK: Es ist aber nicht so, dass sich die Eltern über die Qualität in den Einrichtungen beschweren.

WIELAND: Da ist auch immer die Frage, was man unter Qualität versteht. Während für die einen Mütter und Väter wichtig ist, dass in der Einrichtung biologisch gekocht wird, finden die anderen es wichtiger, dass die Windeln vom richtigen Hersteller sind.

Was fordern Sie denn konkret von der Stadt?

WIELAND: Wir brauchen mehr Geld. Bereits 2016 gab es eine Expertenrunde. Da saßen Vertreter von freien und konfessionellen Trägern, Kita Frankfurt und das Stadtschulamt an einem Tisch. Alle waren sich einig, dass die mittelbare pädagogische Arbeit auch bezahlt werden muss.

Aber was ist die Forderung?

WIELAND: Wir brauchen pro Gruppe mit zehn Kindern in einer Krippe eine Zweidrittel-Stelle mehr, sprich: 27 Stunden in der Woche. Denn die mittelbare pädagogische Arbeit macht 16 Prozent der Zeit einer Fachkraft aus.

Haben Sie denn mit Stadtkämmerer Uwe Becker (CDU) schon das Gespräch gesucht?

WIELAND: Ja, wir haben Gespräche mit Vertretern der Kämmerei geführt, nicht mit Herrn Becker persönlich. Es gibt jetzt auch die Vereinbarung, dass wir in einem ersten Schritt im Jahr 2019 zunächst fünf Stunden pro Gruppe mehr finanziert bekommen. Da bleibt aber immer noch eine Lücke von mindestens einer halben Stelle. Die Lücke soll dann auch in den nächsten drei Jahren geschlossen werden.

WOLF VAN WIJK: Wir haben aber Angst, dass die nächsten Schritte aufgrund der angespannten Haushaltslage in Frankfurt nicht umgesetzt werden.

Deshalb setzen Sie dem Kämmerer jetzt die Pistole auf die Brust?

WIELAND: Wir haben Verständnis für eine angespannte Haushaltslage. Wir haben auch Verständnis dafür, dass wir nicht der einzige Bereich sind, der mehr Geld haben will. Wir wollen auch nicht unsere Finanzen auf Kosten anderer sichern. Aber wir haben die Verantwortung für die Jüngsten, für die Ein- bis Dreijährigen. Die Anforderungen steigen und führen zu Krisen in den Einrichtungen. Und das spüren dann auch irgendwann die Kinder.

WOLF VAN WIJK: So weit sind wir zum Glück noch nicht. Deshalb schlagen wir jetzt Alarm. Ansonsten haben wir Sorge, dass doch die Kinder darunter leiden müssen.

WIELAND: Wir können die Fachkräfte nicht noch Jahre im Stich lassen.

Von welcher Geldsumme sprechen wir hier denn?

WIELAND: Wir und die anderen Träger brauchen insgesamt 26 Millionen Euro mehr.

Kein Pappenstiel angesichts des angespannten Haushalts. Die Stadt muss sparen und hat auch Einsparungen angekündigt.

WIELAND: Natürlich ist die Zahl erst einmal erschreckend, deshalb waren ja auch alle damit einverstanden, dass man die Erhöhungen staffelt. Aber wir müssen jetzt auch endlich mal damit beginnen.

Nachdem in Frankfurt die Gebührenbefreiung für Kindergartenplätze eingeführt wurde, wurden sofort die ersten Stimmen laut, dass man dies doch auch für die Krippenplätze realisieren müsste – oder zumindest gestaffelte Beträge berechnet nach dem Einkommen. Was halten Sie davon?

WIELAND: Die Aspekte Bildungs- und Chancengleichheit sind in der Krippe nicht weniger wichtig als im Kindergarten. Im Gegenteil. Gerade in einer Stadt wie Frankfurt mit einem hohen Migrantenanteil haben wir nach wie vor die Situation, dass viele ausländische Familien eine höhere Hemmschwelle haben, ihr Kind in eine U3-Einrichtung zu geben. Und diese Schwelle, die könnte man durch eine Beitragsfreiheit oder eine Staffelung der Entgelte senken. Das wäre ein wichtiger Schritt.

WOLF VAN WIJK: Wenn es nicht zulasten der Erzieher und der Qualität geht, gerne.

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