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Der Künstler Harald Brörken zeigt sein Schwimmobjekt ? hier im Miniaturformat ? am Fechenheimer Mainufer.

Projekt

Wie ein Künstler in einem einst leer stehenden Gebäude die Stadtteilbewohner neugierig macht

Ein kleines umfunktioniertes Fachwerkhaus in Fechenheim ist für sechs Monate Atelier und Wirkungsstätte des Designers und Bildhauers Harald Brörken. Das Projekt „Quartier machen“ der Stadt ermöglicht Künstlern wie ihm freies Schaffen.

Das Fachwerk im Haus in der Leinwebergasse ist feigelegt, durch große Fenster können Kunstfreunde und Neugierige dem sympathischen Künstler Harald Brörken (57) seiner Arbeit zusehen. Ein penibel gestaltetes Riesenradmodell, das sich durch Wasserkraft dreht oder ein Schlauchboot ohne Boden, aber mit hölzernem Mühlrad. „Ich wollte ein Schwimmobjekt mit Mechanik bauen, das durch die Strömung des Mains angetrieben wird. Das hat sich im Moment erledigt“, sagt er und lacht. „Im Main gibt es wegen des heißen Sommers zurzeit überhaupt keine Strömung. Beides hat sich nicht bewegt.“

Der gebürtige Soester freut sich, dass die Frankfurter Humor haben und einen Test lustig fanden. „Das Schlauchboot hat sich einmal gedreht. Nicht wegen des Wassers, sonders wegen eines Windstoßes.“ Weil er unbedingt die Strömung des Flusses nutzen wollte, nutzte er etwas anderes: „Die Bugwellen von Schiffen, die auf dem Fluss fahren.“ So entwickelte der selbstironische Designer mit den grünen Augen ein filigranes Modell als Wellenpendel. „Mir sind die Natur, Bewegung und Ästhetik wichtig und das, was sich daraus entwickelt, wenn Naturkräfte wie Licht und Wasser aufeinander treffen.“

Brörken hat sich mit antiken Orakeln beschäftigt, sie faszinieren ihn. „Das Zusammenspiel aus Natur und Installation hinterlässt sinnliche Eindrücke und Betrachter werden auf sich selbst beschränkt“, sagt er. Am Wellenpendel auf Pontons, Rohren und Stangen baut er noch; „dis Mitte Oktober müsste es fertig sein und auf dem Main schwimmen können“, hofft er.

Brörken ist neu in Frankfurt. Im März zog er „der Liebe wegen“ zu seiner Freundin nach Sachsenhausen, die er 2016 in Italien bei der Christo-Aktion „Floating Piers“ kennengelernt hat. „Natürlich am Wasser.“ Anfangs war er Frankfurt gegenüber skeptisch. „Ich hatte etwas Horror vor der Großstadt. Gefühlt ist es aber gar keine. Raum zu erfassen ist wichtig für mich und das geht prima. Das liegt bestimmt auch am Main.“ Er bewarb sich bei der Agentur „Radar“, die im Auftrag des Stadtplanungsamtes Kreativräume sucht, und bekam den Zuschlag, das leerstehende Geschäft von Mai bis November als Atelier nutzen zu können.

Seit Sommer 2017 werden unter dem Namen „Quartier machen“ leer stehende Gebäude zwischengenutzt. „Natürlich mit Einverständnis der Eigentümer“, erklärt Felix Hevelke (33) von „Radar“. „Es werden Kunsträume geschaffen, Künstler können ihre Ideen umsetzen und gleichzeitig werden Kleinode in Stadtteilen bekannter gemacht. In Fechenheim ist das Projekt von Herrn Brörken das Dritte seit letztem Sommer – und die Bürger sind fasziniert.“

Wie in allen Stadtteilen gibt es auch in Fechenheim Leerstand. „In der Leinwebergasse zahlen wir Miete für die Künstler und geben eine Renovierungspauschale dazu“, erklärt Hevelke. „Die Überzeugungsarbeit ist nicht leicht, aber die Eigentümer verstehen langsam, dass eine kostenlose Nutzung durch Künstler die Viertel aufwertet.“ Auch die Nachfrage durch Künstler sei „enorm“.

Brörken kann das Atelier noch bis Anfang November nutzen. Bis dahin soll sein Wellenpendel mindestens vier Wochen lang bei Fechenheim auf dem Main tanzen. In seiner Heimat Nordrhein-Westfalen hat er zwar seit 30 Jahren ein Studio, aber er wünscht sich auch in Frankfurt eines. „Das Ladengeschäft wird mir fehlen“, sagt er. „Die Gespräche mit neugierigen Fechenheimern machen großen Spaß. Sie machen jede Menge Vorschläge. Als neulich Eltern mit ihren Kindern piekfein gekleidet ins Lokal zum Essen gegangen sind, waren alle Kinder nach zehn Minuten im Atelier. Sie fragten mich, was ich da tue. Ich habe geantwortet, dass ich da mache, was Kinder auch mögen: spielen und bauen“, so Brörken und lacht. „Die Kinder sind dann zu ihren Eltern gelaufen und haben ihnen gesagt, dass sie jetzt wissen, was sie später machen wollen: Künstler werden.“

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