+
Sigrid Hahn mit ihrer Mutter Lisi: Die Seniorin lebt in einem Wohnheim und bekommt jeden Tag Besuch von einem Angehörigen.

Pflegeheim

Warum ein Platz im Heim manchmal die bessere Möglichkeit ist als die Betreuung im eigenen Haus

In einer Serie widmen wir uns dem Thema Pflege in allen Facetten. Heute geht es um die Frage, warum Angehörige sich für die Unterbringung in einem Heim entscheiden.

Erst sind die Eltern für die Kinder da, dann ist es umgekehrt. So sei das nun mal, sagt Sigrid Hahn. „Ich habe eine Verpflichtung. Ich bin Tochter.“ Und die Verantwortung für die Eltern bleibt. „Egal, wo sie sind.“ Sigrid Hahns Vater ist vor zwölf Jahren verstorben. Zu Hause, so wie er sich das gewünscht hatte. Ihre Mutter lebt heute in einem Seniorenzentrum. Auch wenn sie sich das anders gewünscht hätte. Aber es gab keine Alternative, sagt Sigrid Hahn. „Ich wusste ja, was Pflege bedeutet.“

Mit der Pflege überfordert

Sie hatte fünf Jahre lang gesehen und erlebt, wie belastend die Pflege des Vaters war. Und das, obwohl sie und ihr Bruder die Mutter nicht allein gelassen haben. „Wir haben uns das immer geteilt“, waren einkaufen, haben geputzt, gewaschen und organisiert, die Eltern zum Arzt gefahren. Aber sie könne sich noch gut erinnern, wie überfordert ihre Mutter manchmal war – trotz der Hilfe der Kinder und der Pflegerinnen, die sie und ihr Bruder engagiert hatten. „Irgendwann wurde es Mama zu viel“ – sie musste ins Krankenhaus. Sie kam wieder nach Hause, weil der Vater nach ihr gerufen hatte, um dann „im Kreise der Familie friedlich einzuschlafen“.

So einen Tod wünscht sich Sigrid Hahn auch für ihre Mutter. „Wenn einer das Gefühl hat, dass es ihr nicht gut geht, sind wir alle in Bereitschaft.“ Aber dann eilen sie eben nicht alle in ihr Elternhaus, sondern ins Seniorenzentrum Wohnstadt.

Seit November 2017 lebt Elisabeth Knuppertz in einem der Appartements. Das sei ideal, sagt Sigrid Hahn. „Mama fühlt ich wohl.“ Dass sie trotzdem oft weint, wenn der Besuch wieder geht, tut natürlich weh. Aber ein schlechtes Gewissen hat Sigrid Hahn nicht. Schließlich weiß sie ihre Mutter gut versorgt, und Besuch bekommt sie jeden Tag. Entweder von ihr, ihren Kindern oder von ihrem Bruder oder seinen Töchtern. Die Termine werden in einer Oma-Lisi-Whats-App-Gruppe koordiniert. Damit immer jemand da ist, der Obst mitbringt, mit ihr in die Stadt geht oder beim Kaffeetrinken plaudert. Das sei eigentlich so wie in den Jahren zuvor, als ihre Mutter noch alleine in ihrem Haus lebte. Nur ohne die Sorgen um ihr Wohlergehen und ohne waschen und putzen. „Das ist die absolute Entlastung“, sagt Sigrid Hahn.

Sie weiß, dass ihre Mutter gerne zu ihr oder ihrem Bruder gezogen wäre, als klar war, dass sie nicht mehr alleine bleiben kann. „Sie hätte gerne immer einen Ansprechpartner gehabt.“ Aber es ging nicht. Ihr Haus in Dauborn sei zu eng und habe zu viele Treppen, um einen Pflegebedürfigen aufzunehmen, sagt Sigrid Hahn. Ihr Bruder und seine Frau konnten die Mutter auch nicht aufnehmen, schließlich sind beide berufstätig, „da wäre Mama den ganzen Tag alleine gewesen“. Ihre Tochter hatte auch mal überlegt, die Oma aufzunehmen und dafür nur noch halbtags zu arbeiten, aber „wir haben ihr davon abgeraten“. Also hat der Familienrat getagt und entschieden, wie es weitergeht. Und ihre Mutter habe sich auch nie wirklich beschwert.

Nur am Anfang, in der Kurzzeitpflege, sei es ihrer Mutter nicht gut gegangen. Das habe aber eindeutig an der Einrichtung, genauer: am Personalmangel gelegen. „Was wir in den 14 Tagen erlebt haben, kann man sich nicht vorstellen.“ Also suchte die Familie ein anderes Pflegeheim und hatte mehr Glück: schönes Zimmer, nettes Personal, gutes Essen. „Man hätte sie nicht jeden Tag besuchen müssen, um zu schauen, ob sie genug trinkt und ihre Medikamente bekommt.“ Aber dann gab es zwischenmenschliche Probleme. „Meine Mutter ist nicht immer ganz einfach“, sagt Sigrid Hahn und lacht. Schließlich habe sie einmal ein Geschäft geführt. Also machte sich die Familie auf die Suche nach einem neuen Heim für die Mutter. „Jetzt ist sie guter Dinge, sie freut sich des Lebens“, sagt Sigrid Hahn.

Die Verantwortung bleibt

Und das macht es auch für die Kinder leichter. Denn das Gefühl der Verantwortung bleibt. Auch wenn Sigrid Hahn weiß, wie schwer Pflege ist. „Ich kann meine Mutter ja noch nicht einmal in den Rollstuhl setzen.“ Und wie groß die psychische Belastung ist, wenn man sich immer wieder Gedanken machen muss, ob es der Mutter gut geht. „Die Eltern leiden ja auch, wenn sie sehen, dass den Kindern die Pflegearbeit schwer fällt“, sagt Sigrid Hahn. Sie erinnert sich noch gut, wie traurig ihre Mutter war, wenn sie früher in der Küche stand und den Abwasch machte, wie schwer es ihr fiel, Hilfe anzunehmen. „Dabei haben wir das alle gern gemacht.“ Aber das ist der Punkt: „Wenn Pflege zur Last wird, sollte man sofort ein geeignetes Heim suchen“, sagt Sigrid Hahn. Mit Betonung auf „geeignetes“.

Wo sie selbst einmal alt werden will, hat Sigrid Hahn schon geplant: in einem Pflegeheim. Und weil sie weiß, dass ihren Töchtern das gar nicht recht ist, haben Sigrid Hahn und ihr Mann vorgesorgt und alles beim Notar geregelt – um ihren Töchtern die Entscheidung abzunehmen. Schließlich weiß sie, welche Belastung Pflege sein kann – „zumal man nie ermessen kann, wie lange die Belastung anhält“. Niemand solle wegen ihr krank werden, Freunde und Hobbys vernachlässigen und dann in ein tiefes Loch fallen. „Ich möchte Pflege niemandem zumuten“, sagt Sigrid Hahn.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare