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Den Blutdruck messen können auch Altenpfleger. Aber wenn Altenheimbewohner ernsthaft krank sind, gibt es ein Problem.

Versorgung

Pflege: Kommen Senioren eher in Klinik als zum Facharzt?

Jede Menge Pflegeheime und Tagespflegeeinrichtungen, aber zu wenig Kurzzeitpflegeplätze. Zwar gibt es im Landkreis Limburg-Weilburg 43 ambulante Pflegedienste, aber in einigen Gemeinden ist es schon schwer, den passenden Dienst zu finden. Und wie sieht es aus mit den Pflegekräften und der medizinischen Versorgung? Heute geht es um den Facharztmangel und seine Auswirkungen auf Pflegeheime.

Wenn der Mann nur ein psychiatrischer Fall wäre, dann wäre er sicher kein Problemfall. Denn die psychiatrische Versorgung ist in den Pflegeheimen der Region gesichert; da machen Psychiater sogar regelmäßig Hausbesuche. „Das ist ja auch eine Disziplin, die sich im Altenheim rechnet“, sagt Harald Kalteier. Anders als offenbar die Dermatologie oder Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Dass die fachärztliche Versorgung in den Altenheimen am Geld scheitert, sei natürlich nur eine Vermutung, sagt Kalteier und lacht. Aber er ist sich sicher, dass einem seiner Klienten viel Leid erspart geblieben wäre, wenn sich ein Facharzt erbarmt und den Mann im Altenheim besucht hätte. Er weiß, dass der Mann zwar ein besonders eklatanter Fall, aber kein Einzelfall ist. „Das Thema kennen alle Betreuer“, sagt Kalteier. Er weiß, wovon er redet. Er übernimmt seit 20 Jahren die Gesundheitssorge für seine Klienten.

Ständig ins Krankenhaus

Auch für jenen älteren Mann, der seit vielen Jahren in psychiatrischer Behandlung ist, weil er gleich mehrere psychische Erkrankungen hat. Seit ein paar Monaten kommt ein neues Problem dazu: Der Mann leidet unter Schluckstörungen, und das hat fatale Folgen: Weil er sich immer wieder verschluckte, musste er immer wieder wegen einer Lungenentzündung ins Krankenhaus. Harald Kalteier ist zwar kein Mediziner, aber er hat einen Verdacht: Dass die Schluckstörungen eine Folge der verschiedenen Psychopharmaka sein könnten, die der Mann nehmen muss. Er bat das Krankenhaus darum, seinen Klienten in die Uniklinik Gießen zu überweisen, um dort eine Zweitmeinung einzuholen. „Das ist aber nicht passiert.“

Der Mann wurde wieder entlassen, er nahm seine Tabletten weiter, und er bekam wieder eine Lungenentzündung – die dritte innerhalb von ein paar Wochen. Diesmal wollten die Ärzte auf Nummer sicher gehen: Harald Kalteier wurde aufgefordert, dem Legen einer PEG-Sonde zuzustimmen. Wer künstlich ernährt wird, muss nicht selbst schlucken. Am 16. November bekam der Mann seine Sonde. Aber das Ziel sei von Anfang klar gewesen, sagt Harald Kalteier. „Die Sonde muss so schnell wie möglich wieder raus.“

Keine Verordnung

Doch das ist offenbar problematischer als gedacht. Nicht für einen erfahrenen Logopäden. Doch damit der sein Geld bekommt, braucht es eine Verordnung. Aber es fand sich kein Facharzt, der die Verordnung ausstellen kann und will. „Dem Mann wurde die notwendige fachärztliche Behandlung verweigert“, sagt Kalteier. Die einfachste Lösung wäre es gewesen, wenn ein Hals-Nasen-Ohrenarzt ins Pflegeheim gekommen, den Patienten angeschaut und eine Verordnung ausgestellt hätte. Aber das habe der Arzt abgelehnt. Der Mann hätte Ende Januar einen Termin in der Praxis kriegen können, „doch das wäre mit erheblichem Aufwand verbunden gewesen“, sagt Kalteier. Und mit großem Stress für seinen Klienten. Langes Warten sei dem Mann sowieso nicht zumutbar. Also machte Kalteier sich auf die Suche nach einem anderen Arzt. Ein Neurologe hätte ebenfalls eine Verordnung ausstellen können; Kalteier fand in Limburg sogar einen Arzt, der einen Hausbesuch gemacht hätte – allerdings erst Ende März. „Das war mir zu lang. Die Sonde soll ja so schnell wie möglich wieder raus.“ Also blieb nur eine Option: Der Mann musste wieder ins Krankenhaus. „Das ist ja auch volkswirtschaftlich eine Katastrophe“, sagt Kalteier. „Wenn mir der Hausarzt nicht mehr weiterhelfen kann, gehe ich zum Facharzt. Alte Leute kommen dann ins Krankenhaus.“

Sein Klient kam in die neurologische Fachklinik in Weilmünster. Und weil dort die Möglichkeiten, seine Schluckstörungen zu behandeln, begrenzt sind, soll er in eine Spezialklinik in Bad Schwalbach überwiesen werden. Doch da ist bislang kein Platz für den Mann. Also muss er zunächst einmal in Weilmünster bleiben. Und darauf hoffen, dass ihm bald geholfen wird, und dass er seine Ernährungssonde endlich wieder loswird. Damit er wieder zusammen mit den anderen Altenheimbewohnern im Speisesaal essen und am sozialen Leben teilhaben kann und nie wieder wegen einer Lungenentzündung in die Notaufnahme muss.

Der Fall zeige doch, wie wichtig feste Regeln für die fachärztliche Versorgung in Altenheimen wären, sagt Harald Kalteier. „Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht.“ Und er zeigt, wie wichtig es ist, dass man am Ball bleibt. „Menschen, die niemanden haben, sind in unserem System verloren“, sagt Harald Kalteier. „Und es fällt noch nicht mal jemandem auf.“

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